Chance für den Finanzmarkt

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Zürich 29.07.09
Bookmark and Share
Stichworte:         
Dossiers:   

Nachhaltigkeit ist trotz Krise eine grosse Chance für den Finanzmarkt, sagt Reto Ringger. Der Gründer von Sustainable Asset Management (SAM) kritisiert, dass sich noch zu wenige Analysten des Themas annehmen.

Yvonne von Hunnius: In der Krise habe sich laut der Ex-Chefin der Zürcher Börse Antoinette Hunziker-Ebneter auf dem Finanzmarkt gezeigt, dass nachhaltige Anlagen virtuellen Produkten überlegen seien. Wie bewerten Sie die Situation?

Reto Ringger: Grundsätzlich haben sich die nachhaltigen Anlagen nicht generell besser als traditionelle entwickelt. Viele Angebote waren nur nachhaltig verpackt. Bei genauerer Analyse sieht man, dass oftmals kaum Research-Kapazitäten hinter dem Finanzprodukt stehen, und das sollte skeptisch machen. Die gute Analyse ist gerade in diesem Bereich eine Voraussetzung für Anlageerfolg.

Yvonne von Hunnius:Manchen Anlegern reicht es vielleicht, wenn ein Fonds prinzipiell in die richtige Richtung investiert…

Reto Ringger: Mich als nachhaltigen Investor oder Konsumenten interessiert immer, ob wirklich Nachhaltigkeit drin steckt oder es sich nur um Marketingstrategien handelt. Es kann sein, dass die Finanzkrise davon ablenkt, genau hinzuschauen. Doch über kurz oder lang wird sich im Nachhaltigkeitsbereich die Spreu vom Weizen trennen.

Yvonne von Hunnius:Wer treibt diese Entwicklung massgeblich an?

Reto Ringger: Innovative und zukunftsorientierte Unternehmen haben als Agendasetzer die Entwicklung in den letzten Jahren stark gefördert und haben auch international dadurch Wettbewerbsvorteile erzielt. In der Schweiz gibt es eine Handvoll Konzerne, wie zum Beispiel Holcim, Geberit oder ABB, die nachhaltige Strategien ernst genommen haben, sich auf Ebene des Topmanagements damit auseinandergesetzt haben und sogar im Rahmen des Geschäftsmodells Nachhaltigkeit haben einfliessen lassen. Das wird sich durchsetzen.

Yvonne von Hunnius:Wann können solche Unternehmen damit rechnen, von ihrer Ausrichtung effektiv zu profitieren?

Reto Ringger: Wir kommen dem Zeitpunkt der Kostenwahrheit immer näher. Die Zementindustrie beispielsweise ist einem steigenden CO2-Preis besonders ausgesetzt. Unternehmen, die solche Preisentwicklungen bereits in die Strategie integriert und in umweltfreundliche Technologien investiert haben, werden überdurchschnittlich stark davon profitieren.

Chance für Liechtenstein

Reto Ringger sprach anlässlich der Auftaktveranstaltung der LIFE Klimastiftung Liechtenstein vom 9.7.2009 zusammen mit anderen Referenten über die Verbindung von Klimaschutz und Finanzwirtschaft. Sein Referat widmete er dem Thema „Klimainvestments - Heisse Luft oder Anlagethema der Zukunft“. Darin führte Ringger aus, dass nachhaltige Investments – sofern sie denn auch wirklich nachhaltig seien – ein echtes Bedürfnis seitens der Anleger sind. Es sei deshalb wichtig, so Ringger weiter, in diesem Bereich Know-how aufzubauen und innovativ zu agieren. Genau hier sieht die LIFE Klimastiftung Liechtenstein die Chancen für Liechtenstein als innovativen Finanz- und Wirtschaftsstandort. Ziel der LIFE Klimastiftung Liechtenstein ist es denn auch Know-how aufzubauen und Innovationen voranzutreiben. Konkret hat sich die LIFE Klimastiftung Liechtenstein zum Ziel gesetzt, als Impulsgeber die marktwirtschaftlichen Instrumente im Bereich des Klimaschutzes zu fördern und konstruktiv mitzugestalten. Die Stiftung will für einen nachhaltigen und glaubwürdigen Klimaschutz stehen und die Finanzintermediäre und die Allgemeinheit sinnvoll in diesen Prozess einbeziehen. Letztlich soll damit dazu beigetragen werden, dass die im Kyoto-Protokoll gesetzten globalen Klimaschutzziele erreicht und unsere Umwelt bewahrt werden können. (str)

mehr Informationen: LIFE Klimastiftung Liechtenstein

Das sind zwar mittel- bis langfristige Prozesse, aber diese Aspekte werden für Investoren immer relevanter: Wenn nachhaltige Kosten- und Wettbewerbsvorteile in die Unternehmensanalyse einfliessen, beeinflusst das die Bewertung an der Börse und damit auch die Wertentwicklung des Unternehmens. Dafür können unter anderem auch sich ändernde politische Rahmenbedingungen verantwortlich sein, in denen CO2-Kriterien eine verstärkte Rolle spielen. Diese Entwicklung vollzieht sich aktuell gerade bei den Automobilproduzenten in Europa und in Kalifornien.

Yvonne von Hunnius:Der Ölkonzern BP will seine Investitionen in erneuerbare Energie in diesem Jahr auf ein Drittel eindampfen. Kappt die Krise nachhaltige Bestrebungen?

Reto Ringger: Die BP-Entscheidung ist meines Erachtens kein Indikator für einen Trendwechsel, doch ein starker Indikator dafür, welche tiefgreifenden Auswirkungen die Finanzkrise auf die Unternehmen hat. Ich nehme an, BP ist die Entscheidung, sich aus diesem Feld der erneuerbaren Energien so stark zurückzuziehen, nicht leicht gefallen und man hat sie nur deshalb getroffen, weil der Payback im Öl- und Gasbereich kurzfristiger zurückfliesst, als bei erneuerbaren Energien.

Yvonne von Hunnius:Zählt nicht genau das für alle in Krisenzeiten?

Reto Ringger: Schon, doch ich stelle auch einen Gegentrend fest. Betrachten Sie das aktuell lancierte Desertec-Projekt, bei dem viel Geld und Reputation investiert wird. Ich denke, das Projekt ist sinnvoll, obwohl es gut sein kann, dass es im Laufe der Zeit in eine komplett andere Richtung entwickelt. Es ist wichtig, dass man im Energiebereich neue Wege geht und grössere Projekte in Kooperation angeht.
Ausserdem stelle ich aus eigener Erfahrung fest, dass viele neue kleinere und mittlere Projekte am Entstehen sind und finanzielle oder führungsmässige Unterstützung suchen. Trotz Krise gibt es Investoren, die in diese vielversprechenden Projekte investieren.

Yvonne von Hunnius:Ihnen wird Pragmatismus in Sachen Nachhaltigkeit zugeschrieben. Inwieweit könnte das ein Erfolgsrezept sein, um in diesem ideologisch besetzten Feld wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Reto Ringger: Bei allem Pragmatismus, mir war Qualität in der Analyse immer sehr wichtig. Eine nachhaltige Investition muss wahrscheinlich sogar mit mehr Analyse-Kompetenz abgedeckt sein, als das bei einem traditionellen Investment der Fall ist. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass ich früher, als ich im „traditionellen“ Finanzbereich gearbeitet habe, weniger stark mit dem Kompetenz-Thema konfrontiert wurde als später, als ich mich auf Nachhaltigkeit spezialisiert habe. Hier wird man oftmals stärker auf den Prüfstand gestellt, was angesichts der Komplexität des Themas oder der steigenden Verwässerung des Themas durchaus berechtigt ist.

Meine Ziel war immer, etwas zu entwickeln, das sich verkaufen lässt und dass sich auch im Mainstream durchsetzen kann. Gerade mit dem Dow-Jones-Sustainability-Index haben wir bei SAM unglaublich viel bewegen können, wie das Feedback des Marktes zeigt.

Yvonne von Hunnius:Wie zeigt sich die Skepsis in diesem Feld?

Reto Ringger: Wenn Coop oder Migros beispielsweise nachhaltige Produkte herausbringen, dann werden sie intensiv unter die Lupe genommen. Wir haben Ähnliches von Unternehmen gehört, die wir analysiert haben. Manche sagten sogar: „Seit wir uns mit Nachhaltigkeit beschäftigen, werden wir viel mehr kritisiert als vorher.“ Diejenigen, die führend sind, kritisiert man hier härter für das, was sie nicht tun, als dass sie gelobt werden für das, was sie als Pioniere tun. Das ist eine gewisse Begleiterscheinung, wenn man in diesem Markt aktiv ist.

Yvonne von Hunnius:Erwartet man Engel?

Reto Ringger:Tendenziell schon. Nachhaltigkeit ist ja nicht klar definiert und teilweise sehr subjektiv. Wir haben alle eine Vorstellung von einem nachhaltigen Endprodukt, doch auf dem Weg, das heisst in der Wertschöpfung müssen viele Hürden überwunden werden. Das muss oftmals sehr pragmatisch und lösungsorientiert organisiert werden. Allen ethischen Vorstellungen und Wünschen kann man nicht gerecht werden, es geht oftmals auch um Trial and Error. Ich bewundere jeden, der sich auf diese Reise begibt und versucht, sein Unternehmen und sein Produkt in eine nachhaltige Richtung zu entwickeln.

Yvonne von Hunnius:Auch Sie wurden bei SAM für den „Best in Class“-Ansatz kritisiert, weil in ihrem Rating der Nachhaltigste jeder Branche miteinbezogen wurde…

Reto Ringger:Für uns war überraschend, dass wir gerade von den Unternehmen wenig kritisiert wurden, die wir teilweise hart beurteilt haben. Wir haben uns mit manchem Rating oder Bewertung weit aus dem Fenster gelehnt und ich dachte mir immer: „Nun werden uns Mc Donalds und Novartis kritisieren.“ Doch es kamen nur sehr wenige negative Reaktionen. Das hat gezeigt, dass unsere Analysen qualitativ gut waren. Darauf kommt es an.

Bezüglich der verschiedenen Philosophien und des Best-in-Class-Ansatzes denke ich, dass sich so schnell kaum ein einziger Bewertungsansatz durchsetzen wird. Hier ist es viel wichtiger, dass weiter in Kapazitäten investiert und geforscht wird. Tausende Analysten beschäftigen sich mit der traditionellen Finanzanalyse, aber noch viel zu wenige mit einer professionellen Nachhaltigkeitsanalyse.



Zur Person:
Reto Ringger ist Gründer und war bis zu diesem Frühjahr auch Geschäftsleiter der Zürcher Firma Sustainable Asset Management (SAM). Das Unternehmen hat erfolgreich den nachhaltigen Aktien-Index Dow Jones Sustainability Index gemeinsam mit Dow Jones Indexes, STOXX Limited lanciert. Hier werden die erfolgreichsten und gewissen Nachhaltigkeits-Kriterien genügenden Unternehmen der Welt gelistet. Ringger hat sich aus persönlichen Gründen aus SAM zurückgezogen, und wird im Finanzmarkt wieder ein neues Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit aufbauen.

 

Bild: Reto Ringger bei einem Vortrag in Vaduz anlässlich der Gründung der Liechtensteiner Klimastiftung Life. (Yvonne von Hunnius)

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren