Die Zukunft ist auf Lehm gebaut

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Geschrieben von: Katja Fenkart, Schlins 26.07.09
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Häuser aus Lehm besitzen ein perfektes Raumklima und eine optimale Ökobilanz, sagt Lehmarchitektur-Pionier Martin Rauch. Das traditionelle Baumaterial liegt im Trend. Doch es besteht ein grosser Mangel an Lehmfachkräften. Katja Fenkart: Lehm ist wasserlöslich – wie kann man ein Haus komplett aus diesem Material bauen?

Martin Rauch: Wenn das richtige Material verwendet wird und alles richtig konstruiert ist, dann ist es auch möglich, die Aussenwände aus Lehm zu bauen. Das funktioniert schon seit langem. Lehmbau hat in Europa eine alte Tradition. Bei meinem eigenen Haus und auch bei meiner Werkstatt sind alle Wände aus unbehandeltem Lehm und voll dem Wetter ausgesetzt. In der Regel ist es sogar so, dass Lehmwände im Aussenbereich auf lange Sicht schöner werden.

Katja Fenkart: Ist der Bau eines Lehmhauses teurer als der eines „normalen“ Hauses?

Martin Rauch: Ja, es ist noch teurer. Der Arbeitsaufwand ist beim Lehmbau höher, da die Fabrikation des Ziegels direkt auf der Baustelle geschieht und der Lehmbau nicht automatisiert ist. Man kann das aber oft durch eine Kombination von verschiedenen Baumaterialien kompensieren. Wenn wir eine Kostenwahrheit entwickeln, sind höhere Kosten bei erhöhtem Zeitaufwand eigentlich kein Thema mehr.

Katja Fenkart: Werden die Mehrkosten beim Bauen später durch geringeren Heizkostenaufwand eingespart?

Martin Rauch: Die Heizkosten sind nicht geringer als in normalen Häusern. Wenn Lehm trocken ist, dann ist er jedoch widerstandsfähig gegen Kälte und Hitze wie kein anderes Material. In Lehmhäusern herrscht ein besseres Raumklima, eine angenehmere Innenraumtemperatur und eine hervorragende Feuchtigkeitsregulierung. Weitere grosse Vorteile sind, dass Schadstoffe im Raum vermindert, Gerüche absorbiert und die Akustik verbessert wird. Lehm kann als Ausgleicher gesehen werden.

Katja Fenkart: Wo genau liegen die ökologischen Vorteile?

Martin Rauch: Lehm wird durch seine Wasserlöslichkeit zum Champion des Recyclings. Denn gerade hierdurch kann der Lehm leicht aufbereitet und wiederverwendet werden. Zudem ist das Material sinnvoll, betrachtet man die Transportwege. Lehm gibt es, im Gegensatz zu Holz und Gestein, überall.

50 Prozent des Müllaufkommens, das wir in den Industriestaaten produzieren, stammen aus der Baustoffindustrie. Würde auf der ganzen Welt so gebaut werden, wie bei uns, blickten wir einer ökologischen Katastrophe ins Auge. Die Zwei-Drittel-Gesellschaft, in der wir leben, in der ein Drittel reich ist und zwei Drittel arm bleiben, kann nur vermieden werden, indem wir auf umweltschonende Bauweisen und Ressourcen umsteigen.

Katja Fenkart: Sie waren in einige Projekte in Afrika involviert – warum ist gerade hier Lehm von Vorteil?

Martin Rauch: Ich habe zum Beispiel den ersten Preis des Wettbewerbs „Low Cost Housing for Africa“ der Pan-African Development Corporation gewonnen. Hier waren Konzepte für Slumwohnungen gefragt. Statt Baumaterial sollte Know-How transportiert werden. Etwa 70 Prozent des Mauervolumens dieser Häuser wurde in gemeinsamer Aktion gebaut, frei nach dem Motto: „Ein Mann allein kann kein Haus bauen, zehn Männer können zehn Häuser bauen“.

Die Bevölkerung der Entwicklungsländer darf nicht dieselben Fehler machen wie wir. Stattdessen müssen neue Konzepte entwickelt werden. Und genau da liegt eine grosse Chance des Lehmbaus.

Katja Fenkart: Was genau hat sie zu Lehm als Baumaterial geführt?

Martin Rauch: Ich bin ausgebildeter Keramiker. Als solcher arbeitete ich mit ungebranntem Ton, der im Laufe des Arbeitsvorgangs gebrannt wird. Mir wurde während meines Studiums bewusst, dass wahnsinnig viel Energie benötigt wird, um Material wasserfest zu machen. Im Zuge von Recherchen und bei Entwicklungshilfeprojekten ist mir aufgefallen, dass das Brennen nicht unbedingt nötig ist und ein Haus nur trocken bleiben muss. Beim Lehmbau geht das auch ohne Brennen. Ich habe einen Schritt vor den anderen gesetzt und so mein Vertrauen zum Material erarbeitet.

Katja Fenkart: Wie viele Lehmprojekte haben Sie bereits durchgeführt?

Martin Rauch: Es waren sicher 500 Projekte, wobei hier nicht nur von komplett aus Lehm bestehenden Häusern die Rede ist. Ungefähr zwölf Lehmhäuser sind konsequente Lehmprojekte, bei denen der Lehm als Stampffläche oder als tragendes Element eingesetzt wurde. Bei der überwiegenden Zahl der Projekte bestanden einzelne Wände im Wohnhaus aus Lehm und dienten als Gestaltungselemente. Unter den Projekten sind auch öffentliche Bauten, wie die Versöhnungskirche in Berlin, das Etoscha-Haus des Zoologischen Gartens in Basel oder das Landeskrankenhaus Feldkirch. Bei all diesen Gebäuden hat der Lehm eine entscheidende gestalterische, aber auch bauliche Funktion. Aktuell laufen einige Projekte in der Schweiz. Doch auch international haben wir viel zu tun: Wir sind in Projekte von London über Saudi-Arabien bis Bangladesh involviert.

Katja Fenkart: Denken Sie, dass es in Zukunft auch ganze Ökosiedlungen aus Lehmhäusern geben könnte?

Martin Rauch: Das grosse Problem ist, dass ein grosser Mangel an ausgebildeten Lehmfachkräften besteht. Solange sich dieser Zustand nicht ändert, fehlt die Kapazität, Lehmbausiedlungen im grossen Stil zu bauen. Einen Fortschritt kann es nur geben, wenn Lehmbau in allen Handwerkschulen und Architekturfakultäten gelehrt wird. Während fast alle Menschen dem Material Holz vertrauen, gibt es wenige, die ein wirkliches Vertrauen in den Lehmbau haben. Und Lehm wird immer noch als „Baustoff armer Leute“ gesehen. Diesem Vorurteil kann nur mit hochwertiger Architektur und Ästhetik im Lehmbau entgegengewirkt werden. So eröffnen sich neue Perspektiven. Das muss erarbeitet werden und funktioniert nicht von heute auf morgen. Viele Leute wissen aus dem Gefühl heraus, dass Lehm gesund, angenehm und natürlich ist. Das Potential ist da.

Katja Fenkart: Wie wird Ihrer Meinung nach die Zukunft des Lehmbaus aussehen?

Martin Rauch: Es ist wichtig, dass sich alles in Richtung Kostenwahrheit entwickelt. Das heisst, dass die Produkte so teuer sein müssen, dass die Kosten ihrer Herstellung abgedeckt werden. Wenn dies passiert, wird der Lehmbau sogar wirtschaftlich eine interessante Technik. Die Wirtschafskrise und die derzeitige Umweltsituation sprechen eindeutig für den Lehmbau. Es liegt an der Gesellschaft, sorgsam mit der Umwelt umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Wir versuchen das.

 

Zur Person:

Martin Rauch wurde 1958 in Schlins in Vorarlberg geboren. Er absolvierte die Fachschule für Keramik und Ofenbau in Stoob, sowie die Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Er erhielt schon etliche Preise, unter anderem einen Würdigungspreis des österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, den ersten Preis im Wettbewerb „Low Cost Housing for Africa“ der Pan-African Development Corporation und den ersten Preis im Wettbewerb um eine Autobahnlärmschutzwand. Der Österreicher konzipierte, plante und realisierte zahlreiche öffentliche und private Lehmbauprojekte im In- und Ausland und gründete 1999 seine Firma Lehm Ton Erde, Baukunst GmbH.

 

Bild: Martin Rauch

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