Tunnelblick meiden

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Geschrieben von: Jan Stiefel, IDEAS 23.07.09
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Schon wieder höre und lese ich in einem Wirtschaftsteil von Mikrokrediten für Arme. Sie seien, steht da, auch für Schweizer Kleinanleger interessant. Kann sein. Aber sind sie darum auch gut für die Kleinkredit-Nehmer? Im gegenwärtigen Hype um Mikrokredite glaubt wieder mancher, wenn er das Wort anwendet, sei er gleich eine Art Entwicklungsexperte.

Eine alte Wahrheit im Entwicklungswesen aber heisst: Erst muss ich die Problematik verstehen, bevor ich mit Rezepten dreinfahre. Und einmal mehr wird diese Wahrheit sträflich missachtet. Diesmal, weil anscheinend verunsicherte Anleger (nicht nur Männer) und ihre Agenturen nach dem blauen Börsen-Wunder nach Möglichkeiten suchen, ihr Geld doch noch irgendwo sicher anzulegen. Gewinnbringend dazu. Und, wie es scheint, mit einem Gewissens-Bonus obendrein.

Mikrokredite sind nämlich nur sinnvoll, wenn sie unter ganz bestimmten Kriterien angewendet werden. Ein paar Beispiele: Zunächst muss die Gesellschaft im Zielland ausreichend monetarisiert sein, das heisst in Geldwirtschaft bewandert. Das ist nicht selbstverständlich. Dann dürfen sie nicht traditionelle Solidarität aushebeln: Wenn etwa ein(e) Mikrokreditnehmer(in) nicht mehr an Gemeinschaftsaktionen teilnimmt oder nehmen kann, weil sie eben die Raten und Zinsen erwirtschaften will oder muss, dann schadet das der ganzen Gemeinschaft. Häufig betrifft das traditionelle Gemeinschaftsarbeit, etwa gemeinsames Kinderbetreuen, oder Pflege von Gemeinschaftsbesitz wie Allmenden oder Bewässerungsanlagen.

Neulich hörte ich von einem besonders problematischen Beispiel: Ein junger Mann will in Kamerun als „sozialer Unternehmer“ tätig sein. Seine Wirkung wurde beispielhaft dargestellt mit der Geschichte einer Frau, die wie Tausende ihresgleichen Maniokmehl röstet und auf dem Markt verkauft. Sie habe nun mehr Umsatz und damit Geld, ihre Kinder länger in die Schule zu schicken. Also: Gute Wirkung. Was bei dieser Art Tunnelblick verloren geht, ist: Gesamthaft hat sich nichts verändert, man darf annehmen, der traditionelle Markt für Maniokmehl ist gleich gross geblieben, da er schon lange besteht. Die Frau hat also ihren Umsatz nur auf Kosten anderer Anbieterinnen ausweiten können. Die haben nun weniger, ihre Kinder können nicht mehr zur Schule, und so weiter. Hauptfolge dieses „guten“ Projektes: Erhöhung der Ungleichheit in der Zielgruppe.

Und auch wenn dies nicht so ist, sind Mikrokredite problematisch. Etwa wenn sie reiner Konsumsteigerung dienen, anstatt zu einem gesamtwirtschaftlichen Mehrwert beizutragen. Solcher Mehrwert bedeutet etwa Erschliessung neuer Produkte und Märkte, Abfederung von Risiken (wie etwa Verarmung durch Krankheit ohne Behandlung), und was dazu gehört. Man könnte auch sagen: Wichtig ist der problembezogene Lösungsansatz. Das klingt einfach, ist aber für Ungeschulte schwer durchschaubar.

Mikrokredite sind, bei gebührender Vorsicht, eines der möglichen Hilfsmittel. Auch im besten Fall brauchen sie begleitende Massnahmen, wie Schulung und so weiter.

Schwerlich vorstellbar, dass sich Banker aller Art davon beeindrucken lassen. Reiz und Gewohnheit, Geld zu machen mit Produkten und Derivaten, die man nicht verstanden hat, ist wohl noch zu stark. So kommen sie mit dem, was sie für ein neues Rezept halten, und suchen sich neue Probleme aus, die sie einmal mehr nicht verstanden haben.

Zugespitzt formuliert passiert etwa folgendes: Einige Auserwählte im Süden werden mit Mikrokrediten angefüttert, um mehr zu konsumieren. Um mehr konsumieren zu können, drängen sie ihre Konkurrenz weiter in die Armut.     

Dafür aber arbeiten sie mehr, denn sie sind es, die über die Zinsen die Kreditgeber-Bürokraten und über diese hinaus die Rendite der Anleger bei uns bezahlen. Und die glauben allen Ernstes, etwas Gutes getan zu haben.

 

Weitere Informationen:

Jan Stiefel
Projektleiter AidRating c/o IDEAS Independent Development ExpertsWinterthur
Telefon: +41 52 203 52 50
Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt, Du musst JavaScript aktivieren, damit Du sie sehen kannst.

 

Bild Textseite: United Nations Capital Development Fund Country programme: Hier in Nigeria (Adam Rogers).

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