„Wir brauchen auch Atomenergie!"

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Baden 22.07.09
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Kernkraft steht nicht in Konkurrenz zu anderen Energiequellen, sagt der Kernenergieexperte Horst-Michael Prasser. Denn die Welt bräuchte jeden Funken Energie. Doch Argumente wie die einer zu hohen CO2-Bilanz oder zu hoher Investitionskosten lässt er nicht gelten.

Yvonne von Hunnius: Im Moment laufen Gesuche für drei neue Anlagen. Wieviele Atomkraftwerke braucht die Schweiz wirklich?

Horst-Michael Prasser:Gegenfrage: Selbst wenn man mehr hätte, als das eigene Land braucht, was bei dem ständig steigenden Stromverbrauch fraglich ist, wieso sollte man nicht ein Gut auch im Ausland vermarkten, das ökologisch einen positiven Aspekt hat? Wenn jemand in der Schweiz eine Fabrik für Solarzellen aufmacht, dann wird er gefeiert – er vermarktet Hochtechnologie, die die Aussenhandelsbilanz verbessert. Warum sollte das nicht auch für Atomstrom gelten, mit dem ein Nachbar, wie beispielsweise Italien seine CO2-Bilanz verbessert. 

Yvonne von Hunnius:Aber wenn momentan 10 Prozent der Endenergie durch AKWs bereitgestellt werden, könnten es eines Tages 100 Prozent sein?

Wie gross ist der CO2-Fussabdruck eines AKW

Prasser: „In der CO2-Bilanz dominiert der Energieverbrauch bei der Urananreicherung, wenn das veraltete Gasdiffussionsverfahren zum Einsatz kommt und der Strom vorwiegend aus Kohlekraftwerken stammt, wie es in den USA noch heute der Fall ist. Trotzdem bleiben die Emissionen um mehr als den Faktor zehn unter denen eines Kohlekraftwerks selbst zurück. Eine Kilowattstunde Atomenergie, reproduziert in der Schweiz, verursacht einen Ausstoss von cirka sechs bis acht Gramm CO2, weil das angereicherte Uran bei uns vorwiegend mit modernen Ultrazentrifugen angereichert wird, die viel weniger Energie verbrauchen, oder aus Frankreich stammt, wo es keine Kohlekraftwerke gibt. Der Trend geht weltweit zur Ultrazentrifuge, die bald vollständig die alte Diffusionszellenmethode abgelöst haben wird. Alle anderen Prozessschritte, wie die Uranmine oder der Bau und die Stilllegung der Kraftwerke selbst, tragen je mit weniger als einem Gramm pro Kilowattstunde zu den CO2-Werten bei.
Das Kernkraftwerk Beznau behauptet, ihr Strom verursache nur 3 g CO2 pro Kilowattstunde. Hier werden Brennelemente eingesetzt, in denen Uran aus der nuklearen Abrüstung enthalten ist. Dieser Teil verursacht heute praktisch keinen CO2-Ausstoss. Die CO2-Emission, die in der Vergangenheit auftrat, als dieses Uran einst in militärischen Anlagen angereichert wurde, wird dabei nicht angerechnet. Das ist eine Art Bonus für die Konversion der militärischen Bestände, hier wird versucht, ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ zu machen.“

Horst-Michael Prasser:Rein technisch wäre das sicher möglich, doch gesamtökonomisch ist es Unsinn, denn es bieten sich viele andere Quellen an. Würde jemand die Wasserkraftwerke abschaffen wollen? Aber: Elektroenergie steht am Anfang der industriellen Nahrungskette, wo Effizienz gefragt ist. Man kann nicht einfach auf viele neue Arbeitsplätze im Bereich der Solar- oder Windenergie verweisen, denn gerade Personalkosten haben einen entscheidenden Einfluss auf den Preis. Es darf nicht dazu kommen, dass wegen hoher Strompreise mehr Arbeitsplätze bei energieintensiven Industriesparten wieder verloren gehen, als in der Energiewirtschaft geschaffen werden. Genau deshalb ist es gut, ausreichend Kernenergie einzuplanen, denn sie ist kostengünstig.

Yvonne von Hunnius:Woher kommt es, dass ein Austausch solcher Argumente selten Raum findet?

Horst-Michael Prasser:Wir haben es mit einer Gemengelage verschiedener mitunter völlig überzogener und emotionaler Argumente zu tun. Gegner beziehen sich auf veraltete Zahlen, geht es um Atomkraft, doch präsentieren Zahlen von übermorgen, sprechen sie von Photovoltaik. Alte Argumente sollten vom Markt. Wie zum Beispiel, dass Kernenergie Investitionen blockiere, weil sie zu teuer sei. Ein Kernkraftwerk kostet etwa 3000 Euro pro installiertem Kilowatt. Windkraft kostet ähnlich viel, doch die zeitliche Verfügbarkeit der installierten Leistung liegt mur zwischen 15 und 30 Prozent. Es wird also weniger produziert und deshalb sind die spezifischen Investitionen bezogen auf die Kilowattstunde beim Wind viel höher. Es gibt keine regenerative Energieform, bei der die spezifischen Investitionskosten niedriger sind als bei der Atomkraft. Das gilt nur für Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke.

 

Yvonne von Hunnius:Sie sind Mitglied des Eidgenössischen Nuklearinspektorats ENSI. Inwieweit besitzen sie hier Möglichkeit, in die öffentliche Diskussion einzugreifen?

Horst-Michael Prasser:Der ENSI-Rat ist das Aufsichtsgremium, das dafür sorgt, dass der ENSI selbst seine Aufgaben erfüllen kann. Er ist vom operativen Geschäft abgekoppelt und hat keinen Einfluss auf die fachlichen Entscheide. Das ENSI ist eine strenge Aufsichtsbehörde, deren Aufgabe nicht in der Förderung, sondern der Kontrolle der Kernenergienutzung besteht.

Yvonne von Hunnius:Sie haben internationale Erfahrungen gesammelt – was ist besonders an der Schweizer Atomdiskussion?

Horst-Michael Prasser:Die Diskussion ist gesetzter als beispielsweise in Deutschland. In der Schweiz ist man empfänglicher gegenüber Argumenten und hört zu. Mit vielen Organisationen ist zu reden. Natürlich gibt es aber auch hier eine starke Polarisierung. Würde man morgen abstimmen, ich wüsste nicht, wie sich die Schweiz entscheidet.

Yvonne von Hunnius:Doch es spricht doch nichts gegen eine solare Zukunft.

Horst-Michael Prasser:Es gilt zu differenzieren. Führt man bei Photovoltaik und Atom-Technik Lebenszyklusanalysen mit einer Untersuchung der Materialströme durch, dann kommt man zu interessanten Ergebnissen. Momentan wird noch äusserst wenig Material verbraucht, denn die installierte Kapazität ist klein. Würde man jedoch die durch AKWs produzierte Energiemenge mit Solarzellen erzeugen wollen, dann hätte man mit weitaus grösseren Mengen Rohmaterialien und toxischen Stoffen zu tun, und deshalb auch mit höheren gesundheitsschädlichen Emissionen. Zudem bleibt der toxische Abfall der Photovoltaik auch über grossen Zeitraum toxisch und hat keine Halbwertszeit. Das wird seltsamerweise in der Öffentlichkeit nur beim radioaktiven Abfall als ein Problem gesehen. Man sollte also nicht versuchen, Kernkraft durch Solarenergie zu ersetzen, damit würde man schon Erreichtes beim Umweltschutz wieder teilweise aufgeben.
Bei den Herausforderungen, vor denen die Energieversorgung der Menschheit steht, geht es nicht um entweder nuklear oder regenerativ. Bald kostet das Öl wieder hundert Dollar pro Barrel und der Elektroverbrauch im Verkehr wird wegen des Nahverkehrausbaus und der Elektroautos anwachsen. Fossile Energieträger müssen zurückgedrängt werden und dafür braucht es Kernenergie, die Erneuerbaren und einen rationellen Energieeinsatz. 

Yvonne von Hunnius:Was haben Sie dem Totschlagargument des Restrisikos entgegenzusetzen?

Horst-Michael Prasser:Man wird immer Ereignisse postulieren können, die ein Kernkraftwerk so stark beschädigen, dass grosse Mengen radioaktiver Stoffe austreten können. Die Wahrscheinlichkeit solcher Störfälle ist jedoch mittlerweile extrem gering. So werden neue Kernkraftwerke durch doppelschalige Reaktorgebäude gegen den Absturz grosser Verkehrsmaschinen geschützt. Rechnerisch kommt man für solche Störfälle deshalb auf Wahrscheinlichkeiten von grossen radioaktiven Freisetzungen, die umfangreiche Evakuierungen erfordern würden, von einem Mal in einer Milliarde Jahren.

Yvonne von Hunnius:Wie kann garantiert werden, dass dieses Sicherungswissen auch in Schwellen- und Entwicklungsländern vorhanden ist?

Horst-Michael Prasser:Es gibt einen regen internationalen Austausch auch über internationale Organisationen zu Fragen der Reaktorsicherheit. Häufig wird nach China gefragt, das bekanntermassen ein ambitiöses Kernenergieprogramm betreibt. Meiner Meinung nach sind China sowie auch Indien keine Problemfälle. So haben die Universitäten dort ein hohes Niveau. Die internationale Atombehörde sieht dieses Problem eher zum Beispiel bei afrikanischen Staaten, die bei unter Null anfangen. Hier genügend internationale Unterstützung zu geben, ist enorm wichtig. 


Zur Person:
Horst-Michael Prasser ist seit April 2006 Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich und gleichzeitig Laborleiter im Paul-Scherrer-Institut. Zudem ist er Mitglied des Eidgenössischen Nuklearinspektorats ENSI der Schweiz. Der deutsche Wissenschaftler studierte vor dem Fall der Mauer Energetischen Institut in Moskau, promovierte in Zittau und war 19 Jahre lang im Forschungszentrum Rossendorf bei Dresden tätig. Er ist Spezialist für Reaktorsicherheit. Massgeblich beteiligt war Prasser 2008 an der Etablierung des Studiengangs „Master of Science in Nuclear Engineering“ der ETH Zürich und EPF Lausanne.

Bild: Yvonne von Hunnius