Aufschwung bleibt im Stau stecken

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Geschrieben von: John Dyer, Boston 22.07.09
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Die USA sind eine Autofahrernation. Stundenlanges Pendeln zum und vom Arbeitsplatz werden als mühsam, aber normal empfunden. Kehrseite sind der Verlust an Zeit, Geld und Treibstoff. Die Krise ändert daran wenig.

Chris Gale ist Public Relations Manager in Manhattan. Er wohnt aber nicht in New York, sondern in Stamford im Bundesstaat Connecticut. Nur eine Stunde Fahrt von seinem Büro - an Wochenenden. Während der täglichen Rushhour in der Woche braucht er zwei Stunden zur Arbeit und abends zwei Stunden nachhause. Nur selten nimmt er den Vorortzug. Denn der Fahrplan will nicht zu seinen Arbeitszeiten passen, vor allem, wenn er - wie so oft - am Abend lange im Büro zu tun hat.

Über elf Milliarden Liter Benzin „verblasen”

Zwar hat die Rezession, die in den USA schon vor dem Einbruch an Wall Street begonnen hatte, das Verkehrschaos 2007 gegenüber dem Vorjahr etwas entschärft. Aber dennoch ging durch Staus eine Menge an Zeit, Geld und Treibstoff verloren. Die Zahlen sind erschreckend. Das Institut für Verkehrswesen in Texas, das alljährlich einen Bericht über die Verkehrssituation in ganz Amerika veröffentlicht, beziffert den wirtschaftlichen Verlust durch Staus bei Berufspendlern auf 87 Milliarden Dollar (62,6 Milliarden Euro/ 94,8 Milliarden Franken) im Jahr 2007. Für jeden amerikanischen Pendler bedeutete das persönliche Mehrkosten von 750 Dollar (540 Euro / 818 Franken). Fast drei Milliarden Gallonen (11,4 Milliarden Liter) Treibstoff wurden in die Luft geblasen. Mehr als vier Milliarden Arbeitsstunden gingen verloren, umgerechnet auf die Pendler eine ganze Arbeitswoche pro Person.

Krise ändert wenig

Die Zahlen für 2007 liegen nur geringfügig unter denen von 2006. Der Rückgang beträgt gerade eine Stunde und eine Gallone (3,8 Liter) Treibstoff. Der Trend werde sich wieder umkehren, wenn die Wirtschaft erneut anspringt, glaubt David Schrank, einer der Autoren des Berichts. „Das ist nur eine kleine Veränderung. Niemand sollte erwarten, dass er deshalb ohne Stau mit Vollgas zur Arbeit fahren kann.”
„Die besten Lösungen sind die, bei denen das Vorgehen der Transportbehörden ergänzt wird durch Geschäfte, Fabriken und Pendler”, sagte Mit-Autor Tim Lomax. „In den Köpfen steckt, dass dies die Aufgabe einer Stadtverwaltung oder der Transportbehörde eines Bundesstaats sei. Aber das Problem ist viel zu gross, als dass es von den Transportbehörden allein ordentlich gelöst werden könnte.”
Diese Haltung hat dazu geführt, dass man die Staus zwar beklagt, aber wenig Wirksames dagegen getan hat. In den USA sind die einzelnen Staaten für die Autobahnen zuständig. Die Bundesregierung bezahlt nur den Bau, nicht aber die Erhaltung. Die Vielfalt der Zuständigkeiten führt häufig zu miserablen Planungen. Auch sind im auto-verliebten Amerika nur wenige Steuerdollars in den Ausbau der Eisenbahnen geflossen, sodass die Abhängigkeit von den Mega-Autobahnen vor allem in den urbanen Zentren bleibt.
Amerikanische Arbeitgeber zeigen meist wenig Bereitschaft, auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter einzugehen. Das gilt auch für leitende Angestellte wie Chris Gale. Er sagt, man bezahle ihm viel dafür, früh zu kommen und spät zu gehen und sich über den Weg zur Arbeit nicht zu beklagen. Gale will nicht in New York wohnen, weil die Schulen dort sehr viel schlechter als die in Stamford sind.

Lokalpolitiker hoffen vergeblich auf „Stimulus”

Lokalpolitiker hatten ihre Hoffnungen auf das Konjunkturprogramm von Präsident Barack Obama gesetzt. Von den 800 Milliarden des „Stimulus-Pakets” sollten 30 Milliarden in neue Strassen und andere Infrastrukturprojekte fliessen. Die Studie aus Texas zeige, dass die Verkehrsstaus eines der Hauptprobleme seien und bedeutende Investitionen in Verkehrsprojekte notwendig wären, erklärt Frank Quon, stellvertretender Direktor des kalifornischen Verkehrsministeriums in Los Angeles - der Stadt mit den schlimmsten Staus und grössten Verkehrsproblemen der USA.
Tatsächlich scheint sich aber wenig zu tun. Die New York Times veröffentlichte jetzt einen Bericht, laut dem die Städte bei der Verteilung der Gelder aus dem Konjunkturpaket zu kurz kommen. Die Times untersuchte 5300 bisher von der Regierung in Washington genehmigte Verkehrsprojekte. Die 100 grössten Städte der USA mit ihren Einzugsgebieten erhalten weniger als die Hälfte der Gelder.
„Wenn wir die Wirtschaft dieser Nation wieder ankurbeln wollen, dann müssen wir uns darauf konzentrieren, wo die Wirtschaft ist: in den Grossstadtgebieten”, sagt Robert Puentes von der Ideenschmiede Brookings Institution. „In den Bundesstaaten aber hat man die Erdnussbutter-Strategie: dünn auftragen und breit verstreichen, statt die Dollars zu nehmen und sie dort zu konzentrieren, wo die komplexen Verkehrsprobleme wirklich auftreten.” 

 

Bild: Yvonne von Hunnius