Norwegens CO2 bald unter der Erde

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: André Anwar, Oslo 20.07.09
Bookmark and Share
Stichworte:       

In Norwegen soll eine industrielle Anlage zur CO2-Lagerung unter der Erde gebaut werden. Die Anlage soll 20 Mal grösser sein als bisherige Testanlagen. Somit soll sich der Aufwand endlich ökologisch und auch wirtschaftlich lohnen, doch die Erstinvestitionen sind enorm.

Das Prinzip klingt einfach. Auch wenn der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg gerne von nichts Geringem als der „ersten Mondlandung“ im Klimaschutz spricht. Statt das klimaschädliche CO2 in die Atmosphäre zu pumpen, soll es in grossem Massstab unter der Erde gelagert werden. Fossile Brennstoffe könnten so weiterhin zum Einsatz kommen, ohne dass hierbei das Klima leidet. Das norwegische Parlament will das Projekt mit 25 Milliarden Kronen (4,2 Milliarden Franken / 2,7 Milliarden Euro) unterstützen.

Grosser Massstab lohnt sich

Das Projekt war lange umstritten. Es sei besser, den CO2-Ausstoss zu vermeiden, als ihn unter den Teppich zu kehren, hiess es. Vor allem aber galt das Verfahren als zu kompliziert, zu energieintensiv und vor allem zu teuer. Nach der Ankündigung, aus Norwegen bis 2050 das ganze Königreich klimaneutral zu machen, folgte lange nichts. Mehrere Projekte wurden zur Utopie, prognostizierten Kosten schossen über ein Zweieinhalbfaches der zu Beginn erwarteten Summe. Jetzt ist die technische Umsetzung zwar immer noch sehr teuer, aber die Experten sagen, sie lohnte sich ab einer gewissen Grösse. Habe man das Patentrezept entwickelt, könne dieses Wissen zudem zu einem Exportschlager werden. Die Anstrengungen konzentrieren sich auf eine Ölraffinerie bei Mongstad nahe Bergen. Hier soll nun zunächst eine Testanlage für 5,2 Milliarden Kronen (900 Millionen Franken / 500 Millionen Euro) entstehen. 80 Prozent trägt der Staat, 20 die mehrheitlich staatliche Ölgesellschaft Statoil.

Benzinproduktion ohne CO2-Ausstoss

Mongstad ist ein perfekter Ort für das CO2 Erdlagerungsprojekt. Heute hat die kleine Küstenstadt den zweitgrösste Öltransporthafen Europas. Zudem fliest auch das Rohöl aus dem in der Nordsee liegenden Troll-Feld in eine Raffinerie, wo es zu Produkten wie Benzin aufbereitet wird. Tausend Tonnen Rohöl strömen jede Stunde durch die Anlage. Bei dem Prozess werden grosse Mengen CO2 über Schornsteine in die Atmosphäre abgesondert. Zusammen mit einem Gaskraftwerk, das hier erbaut werden soll, könnten es mit 2 Millionen Tonnen CO2 bald 5 Prozent des gesamten norwegischen CO2-Ausstosses sein, die in Mongstad zusammenkommen.

Gesucht: die billigste Methode

Unterschiedliche Methoden zum Einfangen und Lagern von CO2 sollen bei dieser Testanlage analysiert werden. Am Ende soll eine „Carbon Capture and Storage“-Anlage, kurz CCS- Anlage, entstehen – 20 mal größer als alle bisherigen. „Wir werden hier die ‚first mover‘ sein. Wir sind es, die alle Fehler machen, von denen andere dann lernen können“, sagt ein Statoilsprecher.
Vor allem drei Filter-Techniken kommen in Frage. Bei der am weitesten erforschten Methode werden die Abgase durch eine Flüssigkeit mit CO2-absorbierenden Aminen getrennt. Eine neuere Technik benutzt gekühltes Ammoniak. Bei der dritten Methode wird für die Verbrennung reiner Sauerstoff benutzt. Die Abgase sind dadurch leichter zu trennen. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall benutzt diese Technik etwa in seiner deutschen Testanlage bei der „Schwarzen Pumpe“.

CO2-Zertifikate oder CO2-Lagerung?

Vor allem die Kosten für das Einfangen des CO2 bereiten den Forschern immer noch Kopfzerbrechen. 1300 bis 1800 Kronen (220 bis 300 Franken / 140 bis 200 Euro) pro Tonne kostet es momentan, ohne den Transport unter die Erde und die dortige Lagerung miteinzuberechnen. Im Vergleich dazu gilt der Kauf von CO2-Emissionskontingenten mit 130 Kronen (21 Franken / 14 Euro) als Schnäppchen. Sollte eine Anlage in grosser Skala mittelfristig auch ökonomisch Sinn machen, sind die Aussichten für eine weltweite Expansion jedoch ausgezeichnet.
Die norwegische Statoil betreibt bereits eine Anlage, bei der Absonderung und Lagerung von CO2 getestet wurde. Auf der Erdgasplattform Sleipner werden seit 1996 rund 11 Millionen Tonnen CO2 in eine Erdschicht 1000 Meter unter den Meeresspiegel gepumpt. Grund: Das geförderte Erdgas enthält zu viel CO2. Hinzu kam eine in Norwegen 1991 eingeführte Emissionssteuer, die das Unternehmen 43 Millionen Euro (65 Millionen Franken) im Jahr gekostet hätte.

Kontrolle ist ungewiss

Skandinavische Umweltverbände haben deutlich für die CO2-Lagerung Stellung genommen, und lauthals protestiert, als die Pläne in Norwegen zunächst auf Eis gelegt worden sind. Bei Greenpeace ist man argwöhnischer. Es sei Wahnsinn, Millionen von Tonnen CO2 unter die Erde zu pumpen, die Menge ließe sich nicht kontrollieren, sagt Gabriela von Goerne von Greenpeace.

 

Bild: Statoil-Öl-Raffinerie in  Mongstad (www.StatoilHydro.com).

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren