Vertrauen notwendig

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Geschrieben von: Barbara Becker, ETH Zürich 15.07.09
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Auf meinem letzten Flug sass ich neben einer Unternehmensberaterin, mit der ich schnell in ein engagiertes Gespräch kam. Sie berät IBM in der Organisation von Konferenzen und im Monitoring des potentiellen monetären Wertes der Kontakte auf solch einer Konferenz. Ich hingegen führe ein Kompetenzzentrum im Bereich Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit. Man könnte meinen, dass diese beiden Aufgaben wenige Gemeinsamkeiten aufweisen – und doch kamen wir sehr schnell auf gemeinsame Wahrnehmungen zu sprechen.

Sie zitierte Ruhm, Macht und Geld als Grundantriebe des Menschen. Demgegenüber versucht sie in ihrer Arbeit mit Führungspersonen den Wert von Vertrauen, Authentizität und Integrität zu vermitteln. Auch in der Forschungszusammenarbeit, speziell zwischen Nord und Süd, gehören Vertrauen als Grundlage und die Rolle von Macht und Geld zu den wichtigsten Faktoren für das Gelingen oder Misslingen solcher Kooperationen. Meine Forschungswelt und ihre Wirtschaftswelt sind demnach in vielen Aspekten gar nicht so verschieden.

Vor zehn Jahren hat die Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE) Prinzipien zu Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern herausgegeben, die seither international zu einem Leitfaden der Nord-Süd-Zusammenarbeit geworden sind. Eines der obersten Prinzipien heisst «Build up mutual trust». Dies gilt universell, egal ob für Nord-Nord, Nord-Süd, oder Süd-Süd-Beziehungen, ob in der Forschung oder in der Wirtschaft. Ohne gegenseitiges Vertrauen lässt sich nicht konstruktiv zusammenarbeiten, schon gar nicht über grosse Entfernungen und in unterschiedlichen Kontexten.

 

Wie kann unter diesen Umständen eine Vertrauensbasis entstehen? Vertrauen lässt sich nicht verordnen oder top-down erzeugen. Vertrauen muss wachsen und braucht dafür geeignete Bedingungen. Erste Voraussetzung ist die Begegnung der Partner, die zusammen arbeiten wollen oder sollen. Zweitens braucht die Beziehung Zeit, um sich kennen zu lernen und gemeinsame Erfahrungen zu machen. Institutionell gesehen braucht es dafür Ressourcen, um diese Prozesse zu ermöglichen, beispielsweise durch gegenseitige Besuche, durch gemeinsame Planungsworkshops, durch kleinere Vorprojekte oder auch Anschlussfinanzierungen, um vielversprechende Beziehungen weiter zu entwickeln. Vor allem braucht es auf beiden Seiten mindestens eine Person, deren Herzblut in dieser Beziehung fliesst.

Was entscheidet über Erfolg oder Misserfolg von solchen Forschungskooperationen? Oft läge eine Zusammenarbeit zwischen zwei Fachgebieten auf der Hand, aber die Kolleginnen und Kollegen sind völlig antagonistisch. Oder jemand hat eine gute Idee zur Zusammenarbeit, aber die Ausführenden, zum Beispiel Doktorierende, können nicht miteinander. Oft kommt es auch zu Missverständnissen, weil beide Seiten völlig unterschiedliche unausgesprochene (meist berechtigte) Erwartungen und Wertvorstellungen haben.

Zum Beispiel geht es dem Nord-Partner um baldige Veröffentlichungen von Ergebnissen in anerkannten Journals, während dem Süd-Partner die Aus- und Weiterbildungskomponente für die beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wichtiger ist. Zum Glück gibt es auch beglückende Erfahrungen gelungener Zusammenarbeit. Ich beobachte beispielsweise mit Freuden, wie in dem Projekt des Nord-Süd-Zentrums zur Kamelmilchforschung der kenianische und der schweizerische Doktorand Hand in Hand arbeiten und sich gegenseitig ergänzen.

Die zehnjährigen Erfahrungen mit den elf Prinzipien der KFPE und die damit verbundenen Lernprozesse werden gegenwärtig aufbereitet für eine Neuausgabe des Leitfadens. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Erkenntnis, dass sich Forschungspartnerschaften mit Institutionen in Entwicklungsländern meist durch asymmetrische Machtverhältnisse auszeichnen.

Doch Macht in Forschungsbeziehungen wird weitgehend ignoriert, verdrängt oder tabuisiert. Meist bestimmt der Norden die Agenda, weil von dort das meiste Geld kommt und darüber die Programme und Inhalte bestimmt werden. Dabei ist die finanzielle Asymmetrie nur der am leichtesten erkennbare Faktor ungleicher Machtverteilung. Schon da zeigen sich politische Interessen oder Vorlieben der Geldgeber. Macht drückt sich oft auch durch ungleiche Seniorität der Forschungspartner aus, durch ihre Nähe oder Ferne zum wissenschaftlichen Mainstream, der Sprache und dem Journal für die Veröffentlichung der Ergebnisse, und erst recht darin, wie weit auch Anspruchsgruppen jenseits der Wissenschaft beziehungsweise mit anderen Wissenssystemen in der Themensetzung und Methodenwahl Gehör finden.

Nach all diesen Überlegungen stellt sich daher die Frage, ob vertrauensvolle Zusammenarbeit in dieser Realität von Machtverhältnissen überhaupt möglich ist. Ich bin klar der Meinung – ja. Da Nord-Süd-Forschungspartnerschaften oft stärker asymmetrisch sind als die zwischen ähnlicher entwickelten Forschungskulturen, bergen sie besondere Chancen und stellen besondere Herausforderungen. Sie fordern dazu heraus, die jeweiligen Voraussetzungen, Interessen, Erwartungen und Wünsche explizit zu reflektieren, zu benennen und zu verhandeln. Sie stellen oft selbstverständliche Gewohnheiten in Frage und provozieren unvorhergesehene Reflektionsprozesse. Sie lehren vielleicht auch Bescheidenheit (oder gar Demut) und die Anerkennung anderer Wissenssysteme.

Um diese Lernprozesse zu ermöglichen, braucht es Zeit, d.h. die Chance zur langfristigen Zusammenarbeit. Es braucht Freiräume, Fehler zu machen und zu korrigieren. Es braucht auch eine Kultur, die es erlaubt aus Fehlern zu lernen. Das wiederum setzt Vertrauen voraus, wobei wir wieder am Anfang angekommen sind.

 

Zur Person: Barbara Becker studierte Biologie und Mathematik in Göttingen. Sie absolvierte ein einjähriges Praktikum im Turkana-Land, einem Trockengebiet im Norden Kenias und begann Ende 1999 ihre Traumstelle als Leiterin des Nord-Süd-Zentrums an der ETH Zürich. Dazwischen liegen eine Masterarbeit in tropischer Landwirtschaft, mehrere Jahre Einsatz für die UNEP in Peru, eine Habilitation an der Uni Kassel über die Vegetationsökologie von Landwirtschaftssystemen in den peruanischen Anden, zahlreiche Einsätze und Engagements in Entwicklungsländern und entwicklungspolitischen Organisationen. Nebenamtlich sie aktiv als Aufsichtsrätin des International Institute of Tropical Agriculture (IITA) und des Africa Rice Centre (WARDA).

 

Weitere Informationen: 

Nord-Süd-Zentrums an der ETH Zürich
Barbara Becker, Institutsleiterin
Telefon: +41 44 632 53 39
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt, Du musst JavaScript aktivieren, damit Du sie sehen kannst.

 

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