Die Marke Knospe von Bio Suisse vereint glaubwürdige Philosophie und tolle Produkte, sagt Markus Arbenz. Und weil Knospen-Produkte keine Billigmarke sind, sollen und dürfen sie durchaus ein Viertel bis ein Drittel mehr kosten, sagt Regina Fuhrer.
Urs Fitze:Frau Fuhrer, Die Knospe von Bio Suisse ist das mit Abstand erfolgreichste Label auf dem Biomarkt. Nun hat Ihre Organisation ein neues Leitbild. Sind Sie mit dem Erreichten nicht zufrieden? Regina Fuhrer: Doch, sehr sogar. Wir können stolz sein auf das Geleistete. Und gerade deshalb ist es an der Zeit, einen Schritt weiterzugehen. Das Umfeld verändert sich und wir wollen erfolgreich bleiben. Dies möchten wir mit dem Leitbild einleiten. Urs Fitze:Was wird anders? Regina Fuhrer: Seit dem Anfang steht vor allem die biologische Landwirtschaft und die schonende Verarbeitung unserer Produkte im Vordergrund der Arbeit von Bio Suisse:. Da ist viel, sehr viel erreicht worden. Diesen Ansatz möchten wir nun weiter entwickeln, mit der Vision eines nachhaltigen Biolandes Schweiz. Urs Fitze:Was meinen Sie damit? Markus Arbenz: Neben dem biologischen Landbau rücken neue ideelle Ziele wie soziale Aspekte, die klimaverträgliche Energienutzung und der faire Handel gleichberechtigt in unseren Fokus. Wir streben einen vollumfänglich nachhaltigen ländlichen Lebensraum an. Das bedeutet eine wesentliche Vertiefung unserer ursprünglich verfolgten Ziele. Um das zu verstehen muss man etwas im Geschichtsbuch von Bio Suisse blättern. Anfänglich ging es uns vor allem um die Fruchtbarkeit der Böden, die ja die Grundlage jeglicher Landwirtschaft bilden. Heute ist unser Horizont weiter. Wir wollen nun auch soziale und ökonomische Aspekte verstärkt in den Vordergrund rücken. Urs Fitze:Das Wort Nachhaltigkeit wird heute geradezu inflationär verwendet. Niemand weiss genau, was darunter verstanden werden soll. Wie lautet Ihre Interpretation? Markus Arbenz: Eine nachhaltige Entwicklung in unserem Sinne heisst, neben der Ökologie auch die Ökonomie und das Wohlergehen der Menschen im Auge zu behalten. Wir nehmen den Begriff im ursprünglichen Sinne sehr ernst. Wirklich nachhaltig sind wir erst, wenn wir in keinem Aspekt die Chancen für zukünftige Generationen verkleinern oder auf Kosten von Umwelt, Pflanze, Tier oder Mitmenschen leben. Urs Fitze:Das klingt beinahe nach der Quadratur des Kreises… Regina Fuhrer: Das sehe ich nicht so. Vor 20 Jahren war der Begriff ´Bio´ nur etwas für Insider, und Bio-Produkte fanden sich fast nur im Reformhaus oder direkt beim Bauern. Heute ist Bio breit erhältlich, in aller Munde und das Bewusstsein dafür doch wesentlich geschärft. Das hätte damals auch jedermann als utopisch betrachtet. Wir wollen nun einen wichtigen Schritt weiter gehen, ähnlich wie damals, als wir die Biopioniere waren, wollen wir jetzt die Pioniere einer nachhaltigen Biolandwirtschaft sein. Urs Fitze:Bio Suisse als Avantgarde eines neuen Verständnisses von Biolandbau? Regina Fuhrer: Das kann man durchaus so sehen. Wir wollen die Vorreiter sein und Entwicklungen auf die Wege bringen, an die heute noch niemand denkt. Urs Fitze:Sie haben es selbst erwähnt. Bio ist in aller Munde. Ist das nicht genug?
Markus Arbenz: Nein, denn wir vertreten nicht einfach Bio, sondern die Schweizer Bio-Bauern mit der Knospe. Wir haben es heute mit einer Fülle von Labeln wie zum Beispiel das EU-Bio zu tun, die uns konkurrenzieren wollen, sich inhaltlich jedoch beträchtlich unterscheiden. Bio Suisse und die Knospe bürgen für höchste Bio-Qualität und wir stehen für sehr strenge Kriterien. Regina Fuhrer: Auch hier möchten wir einen Schritt vorangehen. Bio Suisse ist neu kein Gütesiegel mehr, sondern eine Marke. Urs Fitze:Was bedeutet das? Markus Arbenz: Wer die Knospe trägt, garantiert nicht nur mit einem Zeichen, alle Kriterien erfüllt zu haben, sondern tritt stolz damit auf und identifiziert sich mit der biobäuerlichen Marke, eben der Knospe. Ein solcher Auftritt löst auch Emotionen aus bei den Konsumentinnen und schafft Verbindung vom Produzenten zum Konsumenten. Regina Fuhrer: Damit erhöhen wir auch die Glaubwürdigkeit der Knospe und positionieren uns am Markt ganz klar als Premium-Produkt. Knospe-Lebensmittel sind keine Billigprodukte, die Knospe ist eine Marke, die für hohe Qualität bürgt. Urs Fitze:Womit lässt sich Ihre Marke vergleichen? Markus Arbenz: Am ehesten mit Max Havelaar oder Demeter, zwei sehr erfolgreichen Marken. Auch sie vereinen eine glaubwürdige Philosophie und tolle Produkte. Urs Fitze:Das hat seinen ökonomischen Preis…
Regina Fuhrer: Sicher. Die Knospe ist keine Billigmarke, und ein Knospe-Produkt soll und darf durchaus ein Viertel bis ein Drittel mehr kosten, um damit die Kosten zu decken, die anfallen, um unsere Mehrleistungen fair zu entschädigen. Ein nachhaltiger Biolandbau ist nicht zum Billigpreis zu haben. Urs Fitze:Das könnte auch als reichlich elitärer Anspruch ausgelegt werden. Wer jeden Franken umdrehen muss, bevor er ihn ausgibt, wird sich Bio Suisse nicht leisten können. Markus Arbenz: Nicht nachhaltiges, allein auf den Preis ausgerichtetes Konsumieren kostet uns alle letztlich mehr. Es geht auf Kosten von Respekt, Gesundheit und der schwächeren Glieder in Gesellschaft und Umwelt. Unsere Kundinnen und Kunden sehen das ein und sind keineswegs nur die Spitzenverdiener. Sie sind aber auch Menschen, die bei Lebensmitteln Ansprüche an die Qualität stellen. Nebst der Verantwortung suchen sie auch den Geschmack und den Genuss. Darum nehmen wir im Leitbild nebst der verantwortungsvollen Produktion neu auch die Produktqualität in unseren Fokus auf. Urs Fitze:Aber die breite Masse werden Sie damit nicht erreichen. Regina Fuhrer: Wir erreichen immer mehr Menschen, denen der Mehrwert und die Qualität und nicht nur der Preis wichtig sind. Eine überwiegende Mehrheit der Schweizer Haushalte kauft ab und zu ein Bioprodukt. Es findet ein eindrücklicher Wertewandel statt. Wir müssen noch an der Kundentreue arbeiten und das erreichen wir nicht zuletzt durch gut schmeckende Produkte. Urs Fitze:Bio Suisse will faire Preise für alle, also auch für die Produzenten. Doch gerade die geraten zunehmend unter Druck, gerade von den Grossverteilern. Wie wollen Sie Ihren wichtigsten Abnehmer, die Coop-Gruppe, davon überzeugen? Markus Arbenz: Preisdruck besteht immer und überall und ist ein Teil von der ständigen Gestaltung der Austauschbeziehungen im komplexen Netzwerk, das es braucht, um die Knospeprodukte vom Acker auf den Teller zu bringen. Coop ist zweifellos unser wichtigster Partner und es bestehen langfristige Handelsbeziehungen in denen man gegenseitig profitiert und wo Vertrauensverhältnisse bestehen. Die Kunst ist, Situationen zu finden, in denen alle Beteiligten gewinnen und sie darum Interesse und Engagement zeigen. Wenn wir die Knospe stärken und Bio Suisse Führerschaft übernimmt, gelingt uns das in Zukunft noch besser als heute. Nicht nur mit Coop, wir haben viele weitere Partner und suchen auch ständig neue. Urs Fitze:Denken Sie auch an eine weitere Verschärfung der Knospe-Kriterien? Regina Fuhrer: Verschärfung würde ich das nicht nennen. Es geht, wie schon erwähnt, um eine Weiterentwicklung. Die Richtlinien sind nur ein Instrument, wie wir vorwärts kommen können. Viel zentraler sind Innovationen, die Lösungen bringen, wie zum Beispiel das Erkennen von Ebergeruch, so dass wir Ferkel nicht mehr kastrieren müssen. Wenn wir neue Märkte erschliessen um die Fruchtfolge zu erweitern, haben wir auch viel für die Umwelt getan. Das gilt auch künftig für Fragen der Energiequellen, oder auf internationaler Ebene für Aspekte des fairen Handels. Urs Fitze:Und die Konsumentinnen und Konsumenten? Werden sie mitziehen? Markus Arbenz: Davon bin ich überzeugt. Aber dazu bedarf es auch noch einiger Überzeugungsarbeit unsererseits. Wir haben hier den Anspruch, die Themenführerschaft zu übernehmen. An uns soll niemand vorbeikommen, wenn es um nachhaltige Biolandwirtschaft geht. Urs Fitze:Wollen Sie die Welt verbessern?
Regina Fuhrer: Wir wollen sicher einiges bewegen und eine aktive Rolle spielen, um unsere visionäre Ideen in die Praxis umzusetzen. Markus Arbenz: Wir wollen über die Leistungen unserer Bauern und Bäuerinnen reden. Nicht nur über die Knospe oder deren inhaltliche Kriterien, sondern auch über Themen wie die Saisonalität der Lebensmittel, über deren Wahrhaftigkeit und Rückstandsfreiheit, über die Risiken der Gentechnologie, über Energie- und Klimafragen und was der Biolandbau der Biodiversität hilft. All das trägt zur Bewusstseinsbildung von Konsumenten, Produzenten und Handel bei. Nur damit können wir auch die Basis schaffen, um unsere Vision vom Bioland Schweiz zu verwirklichen. Urs Fitze:Was bedeutet das Leitbild für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Markus Arbenz: Die Geschäftsstelle hat sich lange primär als Verwaltungseinheit der Biobauern verstanden. Man erledigte, etwas überspitzt ausgedrückt, Pendenzenberge für die in die Gremien gewählten Mitglieder. Das wird sich ändern. Die Mitarbeiter bewegen selber proaktiv, freud- und kraftvoll in Richtung der von der Basis vorgegeben Ziele und Visionen. Urs Fitze:Eine anspruchsvolle Vorgabe. Markus Arbenz: Durchaus, genauso wie das gesamte Leitbild anspruchsvoll für alle Beteiligten ist. Deshalb zählen wir auf Partnerschaften mit den Lizenznehmern und unseren Allianzpartnern. Wir brauchen Freunde, die die Werte teilen und am gleichen Strick ziehen. Nur so kommen wir im Geist unserer Pioniere den hoch gesteckten Zielen näher. Zur Person: Regina Fuhrer ist seit 2001 Präsidentin von Bio Suisse. Sie bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann einen 13 Hektaren-Knospehof. Der Agraringenieur Markus Arbenz ist seit 2006 Geschäftsführer von Bio Suisse. Bild: Yvonne von Hunnius
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