Wer wirklich helfen möchte, soll den Menschen nicht einfach eine Ware verkaufen, sondern sie befähigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, sagt Hans Rudolf Herren. Der Agronom und Entwicklungshelfer engagiert sich für die langfristige Planung und Umsetzung entwicklungspolitischer Ziele.Urs Fitze:Herr Herren, was sind Sie, Naturwissenschaftler oder Entwicklungshelfer?
Hans Rudolf Herren:Wohl beides, schliesslich habe ich Jahrzehnte meines Lebens der Forschung und der Entwicklungshilfe gewidmet. Darauf baut auch meine heutige Tätigkeit auf. Doch ich betreibe keine Grundlagenforschung mehr und bin auch nicht mehr in erster Linie in der Projektarbeit tätig. Mir geht es im Rahmen meiner Arbeit als Präsident des Millenium-Institutes darum, die vorliegenden Forschungserkenntnisses nicht nur von unten, mit Projekten, sondern auch von oben, mit Überzeugungsarbeit bei Regierungen und internationalen Organisationen in die Praxis umzusetzen. Das erfordert ein langfristiges Denken und Planen.
Urs Fitze:Dann sind Sie heute Lobbyist? Hans Rudolf Herren:Das könnte man vielleicht sagen, wenn entsprechende Mittel vorhanden wären. Doch wir haben weder Geld noch grossen Einfluss. Wir leisten Überzeugungsarbeit und setzen darauf, dass unsere Argumente stärker sind. Urs Fitze:Stärker als wer? Hans Rudolf Herren:Das sind zum Beispiel die Lobbyisten der mächtigen Agrarindustrie, namentlich die Vertreter der Agrochemie. Urs Fitze:Und was sind ihre guten Argumente? Hans Rudolf Herren:Wir möchten den Menschen nicht einfach eine Ware verkaufen, sondern sie befähigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das gilt letztlich auch für die Entscheidungsträger in diesen Ländern. Urs Fitze:Auch der Saatgutkonzernvertreter wird ähnlich argumentieren... Hans Rudolf Herren:Das bezweifle ich, auch auf Basis jahrzehntelanger Erfahrung nicht nur mit Saatgutherstellern, sondern auch mit vielen Entwicklungsorganisationen und -helfern, die gekommen und wieder gegangen sind, ohne dass sich etwas Entscheidendes getan hätte. Urs Fitze:Was meinen Sie damit? Hans Rudolf Herren:Was ich am allermeisten vermisse, ist der Blick aufs Ganze und eine langfristige Perspektive. Es wird nur Stückwerk geleistet. Es geht eben nicht nur darum, eine Hochleistungs-Maissorte einzuführen oder ein Pestizid, das gegen den gefürchteten Stengelbohrer wirksam ist – von genveränderten Maispflanzen ganz zu schweigen. Das funktioniert nicht, und das müsste man gerade in Afrika eigentlich schon seit Jahrzehnten wissen. Die grüne Revolution hat sich hier nie umsetzen lassen. Weshalb? Weil in Afrika nie in die begleitenden Massnahmen investiert worden ist, vom Fachwissen bis zur Erschliessungsstrasse. Darum geht es heute. Urs Fitze:Das klingt nach weit mehr als nach biologischer Schädlingsbekämpfung… Hans Rudolf Herren:Sicher. Es geht ums Ganze, um eine langfristige Perspektive für den ganzen Kontinent. Und da lebt bis heute die überwiegende Mehrheit der Menschen auf dem Land und von einer kleinräumig strukturierten Landwirtschaft. Dort müssen wir ansetzen, wenn wir Afrika voranbringen wollen. Urs Fitze:Zum Beispiel? Hans Rudolf Herren:Wir haben in jahrelanger Forschungsarbeit eine Anbaumethode für Mais entwickelt, die, neben hohen Erträgen, auch einen sehr guten Schutz vor dem gefürchteten Stengelbohrer garantiert. Nicht nur das: Die Auslaugung der Böden und die Erosionen werden gleichermassen verhindert. Das System besteht letztlich aus der Kombination verschiedener Pflanzen, die einander ideal ergänzen. Dazu braucht es kein spezielles Fachwissen. Das Problem ist die grossflächige Umsetzung. Das ist im Rahmen einzelner Projekte nicht zu schaffen, auch wenn die Erfolge beeindruckend sind. Doch was nützt das, wenn der weitere Rahmen fehlt? Der Zugang zum Saatgut, zum nächsten Markt, zu einem Kredit, zum Landbesitz, den ich belehnen könnte? Das sind die Dinge, die mich heute bewegen. Die Staaten müssen den Rahmen schaffen, in dem sich innovative Ideen wie das von uns entwickelte ‚PushPull’-Methode breit umsetzen lassen. Urs Fitze:Sie haben 27 Jahre in Afrika gelebt. Was bindet Sie an den Kontinent? Hans Rudolf Herren:Das waren natürlich sehr prägende Jahre. In Afrika sind meine drei Kinder aufgewachsen, in Afrika habe ich einen grossen Freundeskreis. Das bindet, und es motiviert mich, mich weiter zu engagieren für diesen Kontinent. Aber ich war und bin in Afrika auch immer der Ausländer, ich bin in all den Jahren nicht zum Afrikaner geworden, auch wenn ich für mich reklamieren darf, nicht nur für die Realisierung des einen oder anderen Projektes, sondern für ein ganzes Forscherleben in Afrika gewesen zu sein. Und doch, wenn ich mich unter die Entwicklungshelfer mische, die guten Willens und für eine befristete Zeit nach Afrika reisen, um die Zustände zu verbessern, dann befallen mich noch heute manchmal die Zweifel, was das Ganze soll… Urs Fitze:Sie meinen, man sollte sich ganz zurückziehen aus Afrika, wie es manche Stimmen heute fordern? Hans Rudolf Herren:Nein, nein, keineswegs. Aber es ist höchste Zeit, Lehren zu ziehen aus den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte. Afrika hat es verdient. Urs Fitze:Warum sind Sie 1979 nach Afrika gegangen? Hans Rudolf Herren:Weil ich nicht in die Schweiz zurück wollte. Was hätte ich als Spezialist für biologische Schädlingsbekämpfung dort damals tun sollen? Als in Nigeria eine Stelle frei wurde, habe ich mich spontan beworben. Und so fing alles an. Urs Fitze:Weshalb haben Sie den Kontinent nach 27 Jahren verlassen? Hans Rudolf Herren:Wieder aus beruflichen Gründen. Als Präsident des Millenium-Institutes liegt mein Wohnsitz heute in der Nähe von Washington, der Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Wahrscheinlich werden wir im kommenden Jahr nach Riga, der Hauptstadt Lettlands übersiedeln. Urs Fitze:Und welche Rolle spielt die Schweiz heute in ihrem Leben? Hans Rudolf Herren:Beruflich bin ich als Präsident der von mir gegründeten Stiftung Biovision nach wie vor stark engagiert und weile auch regelmässig in der Schweiz. Privat gehe ich gerne ins Unterwallis, wo ich aufgewachsen bin und wo meine Mutter lebt. Und wenn ich an meinen Vater denke, der als Tabakpflanzer sehr engagiert war für den Aufbau genossenschaftlicher Strukturen und der bäuerlichen Selbsthilfe, dann denke ich, dass es in Afrika heute eine ähnliche Entwicklung braucht. Urs Fitze:Und ihre Familie? Hans Rudolf Herren:Die ist buchstäblich über die ganze Welt verstreut. Meine drei Kinder leben in der Schweiz, in den Vereinigten Staaten und in Schottland, meine Frau in Rom, wo sie für die Welternährungsorganisation tätig ist. Urs Fitze:Sie sind Jahrgang 1947. Wo möchten Sie Ihr Alter verbringen? Hans Rudolf Herren:Ich habe in Kalifornien einen kleinen Rebberg. Das könnte der Ort sein, an den ich mich zurückziehe, wenn ich meine Mission erfüllt habe. Dann möchte ich mich dem biologischen Rebbau und der Erforschung verbesserter Anbaumethoden widmen. Zur Person: Hans Rudolf Herren lebte von 1979 bis 2007 als Forscher und Entwicklungshelfer in verschiedenen Ländern Afrikas. Dort gelang es dem Agronomen, eine wirksame biologische Bekämpfung eines gefürchteten Maniok-Schädlings zu entwickeln und flächendeckend einzuführen. Dafür erhielt er den Welternährungspreis. Mit dem Preisgeld gründete er die Stiftung Biovision, die heute in Afrika verschiedene Projekte betreibt. Seit 2006 ist der Präsident des Millenium-Institutes, einer Nicht-Regierungs-Organisation, die sich für langfristiges und nachhaltiges Denken weltweit engagiert.
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