Profit allein ist nicht genug

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Zürich 08.07.09
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Unternehmen sind nicht mehr nur dafür da, Profite für die Aktionäre zu schaffen, sagt David Syz. Sie müssten auch Verantwortung für diejenigen übernehmen, welche die Folgen ihres unternehmerischen Tuns zu spüren bekommen. Der einstige höchste Schweizer Beamte für Wirtschaftspolitik und Ex-Konzernchef will mit Filmen auf den notwendigen Wandel aufmerksam machen.

Steffen Klatt:Ein ehemaliger Spitzenmanager macht Filme über die Schattenseiten der Globalisierung. Wie kommt das?

David Syz:Ich war fünf Jahre als Staatssekretär beim Bund und habe mich insbesondere auch mit den Fragen der Globalisierung auseinandersetzen müssen. Nach fünf Jahren kam ich zum Schluss, dass ich als ehemaliger Manager nicht die Ergebnisse erzielte, die ich erhofft hatte. Der Entscheidungsprozess beim Bund ist ganz anders. Man muss sehr viele Leute einbeziehen, wenn man etwas bewegen will. Aber ich habe in dieser Zeit viel gelernt, und das wollte ich weitergeben. Ich will vor allem junge Leute über diese Fragen der Globalisierung und der Entwicklungszusammenarbeit sensibilisieren. Dafür sind Filme ein gutes Medium. Mit meinem ersten Film über die Globalisierung bin ich in vielen Schulen und Firmen aufgetreten. Das Echo war gut. Jetzt habe ich einen zweiten gemacht zur Entwicklungszusammenarbeit: wie kann man sie besser gestalten, was ist das Verhältnis von Hilfe zu Investitionen und so weiter. Das Echo ist noch besser.

Steffen Klatt:Wir erleben jetzt die erste grosse Krise der Globalisierung. Was ist schief gelaufen?

David Syz:Die wirtschaftliche Entwicklung ist schneller vorangegangen als die Regulierung. Man kann nicht einfach den freien Markt gewähren lassen. Die einzige internationale Organisation, die Sanktionen verhängen kann, ist die WTO. Alle anderen Organisationen, von der Uno angefangen, können das nicht. Man braucht aber Regeln und muss sie auch durchsetzen können. Dann findet man einen besseren Ausgleich zwischen wirtschaftlichen Vorteilen und sozialer Gerechtigkeit.

Steffen Klatt:Diese Deregulierung ist politisch gewollt. Vor anderthalb Jahrzehnten war es das Mantra aller Manager und vieler Politiker.

David Syz:Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Deregulierung und Liberalisierung des Weltmarktes richtig ist und etwas bringt. Aber man kann es nicht unbedacht machen. Von Ländern, die in der Entwicklung weit hinterher hinken, kann man nicht verlangen, dass sie in fünf Jahren wettbewerbsfähig werden. Diese übereilte und oft egoistische Betrachtungsweise der grossen Exportnationen ist nicht in Ordnung. Die Entwicklungsländer brauchen einen gewissen Schutz, weil sie Nachholbedarf haben.

Steffen Klatt:Hätten Sie das so auch vor zehn Jahren als Staatssekretär gesagt?

David Syz: Ich war auch verantwortlich für die Schweizer Delegation bei der WTO und der OECD und habe dafür plädiert, dass man auf der einen Seite die Vorteile der Marktwirtschaft nutzt, aber auch eine gewisse Grosszügigkeit beim Schutz der Schwächeren an den Tag zu legen.

Steffen Klatt:Die Krise ist durch die Finanzmärkte ausgelöst worden. Was ist auf den Finanzmärkten falsch gemacht worden?

David Syz:Das eine war die Innovation. Die Finanzmärkte haben zum einen neue Produkte hervorgebracht, die darauf beruhten, anders mit dem Risiko umzugehen. Alle haben gesagt, sie hätten das Risiko im Griff. Das zweite war das billige Geld. Das hat dazu geführt, dass der Markt mit Produkten überschwemmt wurde. Jedermann wollte noch etwas mehr verdienen. Nach dem Schneeballprinzip wurden immer mehr Produkte entwickelt, ohne dass ein realer Untergrund vorhanden war. Viele Banken haben solche Produkte für die eigene Kasse gemacht. Das war pure Spekulation. Als das schief ging, fiel das ganze wie ein Kartenhaus zusammen.

Steffen Klatt:Hat sich die Credit Suisse an diesem Schneeballsystem beteiligt?

David Syz:Ja, sicherlich haben auch wir mitgemacht. Aber wir haben es schneller gemerkt als andere und haben uns schneller zurückgezogen. Deshalb steht heute die Credit Suisse als eine der Banken da, die diese Krise sehr rasch bewältigt haben. Wir haben jetzt auch nichts dagegen, wenn härter reguliert wird. Aber die Regulierung muss für alle gleich sein.

Steffen Klatt:Kann man in einer Grossbank alle Risiken im Griff haben?

David Syz:Nicht jedes einzelne. Aber es gibt in der Bank viele Leute, die sich mit den Risiken befassen. Wir hatten das Gefühl, wir hätten die Risiken einigermassen im Griff und sie seien abgesichert. Aber wenn plötzlich der Untergrund wegbricht, dann leidet auch die Absicherung darunter.

Steffen Klatt:Nimmt der Finanzplatz Schweiz dauerhaft Schaden?

David Syz:Das glaube ich nicht. Wir haben eine Bank, die in Schieflage geraten ist, weil sie zusätzlich zur Finanzkrise sich in Steuerfragen nicht so aufgeführt hat, wie das notwendig gewesen wäre. Aber gesamthaft hat sich der Finanzplatz Schweiz nicht schlechter verhalten als andere. Es ist auch nicht schlecht, dass das Bankgeheimnis adaptiert worden ist. Das zwingt uns zu recht zu einer noch besseren Leistung. Wir haben immer noch grosse Vorteile wie die politische Stabilität, gut ausgebildete Leute, einen Namen. In der Schweiz mag diese Reputation angeschlagen sein, aber im Ausland zumindest in unserem Fall überhaupt nicht.

Steffen Klatt:Das Geschäftsmodell des Finanzplatzes Schweiz stimmt also weiterhin?

David Syz:Ja. Es ist auch richtig, dass es Banken gibt, die das Gesamtangebot bieten. Wir brauchen Investmentbanking in der Schweiz. Auch die mittleren Unternehmen brauchen das. Ich bin ja auch Präsident eines mittleren Unternehmens, und ich bin sehr froh, dass ich eine Schweizer Bank habe, mit der ich Akquisitionen in Amerika oder anderswo machen kann. Es wäre ein Unsinn, wenn man das Modell dieser zwei Universalbanken – und es braucht mindestens zwei – aufbrechen würde. Wenn man das Risiko einschränken will, gibt es andere Möglichkeiten. So kann man das Risiko bei der Kreditvergabe an einzelne Firmen über Konsortialkredite aufteilen. Dass wir sehr viel mehr Geld verwalten, als wir in der Schweiz verwenden können, ist eine andere Geschichte. Aber das ist ein Wettbewerbsvorteil, den wir etwa auch in der Pharmazeutik haben. Andere haben das in anderen Bereichen. Viele beneiden uns um diesen Wettbewerbsvorteil und bekämpfen ihn daher auch.

Steffen Klatt:Wie soll eine Globalisierung mit menschlichem Antlitz ausschauen?

David Syz:Es ist wichtig, dass man nicht der kapitalistischen Logik allein folgt. In meinem Film sagt das auch Peter Brabeck von Nestlé: „Wir können nicht in ein Land gehen und nur für uns schauen. Wir müssen auch schauen, was wir auslösen.“ Solche Unternehmen sind bereit, zusätzliche Programme zur sozialen Abfederung zu starten. Es geht aber auch um die Kultur in den Firmen. Sie tragen eine Verantwortung, die darüber hinaus geht, nur für den Aktionär Profite zu machen. Diese Denkweise ist die Zukunft.

Steffen Klatt:Ist sie in den Köpfen angekommen?

David Syz:In gewissen Köpfen schon. Das ist einfacher für grössere Unternehmen, Mittel oder Managerkapazitäten dafür abzuzweigen. Aber der Sinn für Gerechtigkeit ist in immer mehr Köpfen verankert. Die Credit Suisse etwa hat gemerkt, dass Profit allein nicht reicht. Vor kurzem war ich in New York an der Verwaltungsratssitzung. Dort hatte ich Gelegenheit, meinen Film zur Entwicklungszusammenarbeit vor 270 Mitarbeitern der CS plus 460 Mitarbeitern im Intranet zu zeigen und zu diskutieren. Die Leute sind interessiert. In den Banken allgemein herrscht der Wunsch, den Geist der Verantwortung mit einzubeziehen.

 

Zur Person:

David Syz, geboren 1944, ist Verwaltungsratspräsident von Huber + Suhner in Pfäffikon, Mitglied des Verwaltungsrates der Credit Suisse und Stiftungsratspräsident des Klimarappens. Bis 1999 war er Konzernleiter der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft in Neuhausen. Von 1999 bis 2004 war er als Staatssekretär Chef des eidgenössischen Staatssekretariats für Wirtschaft. Nach seinem Abschied aus der Bundesverwaltung hat Syz in New York eine Ausbildung als Drehbuchautor absolviert. Mit seiner Produktionsfirma Ecodocs in Zürich hat er erst „The Steel War“ über die Globalisierung und dann „Beyond a Dollar a Day. Die unbarmherzigen Samariter“ über die Entwicklungszusammenarbeit gedreht.

 

 

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