Das Meer ist Ursprung und Voraussetzung allen Lebens, sagt der Meeresbiologe Thomas Henningsen. Der Mensch sei dabei, diese Grundlage nachhaltig zu schädigen. Am schlimmsten sei die Lage in der Fischerei. Durch die Überfischung drohe eine der wichtigsten Nahrungsgrundlagen weltweit zu verschwinden. Deswegen werde es in Ländern, deren Bevölkerung sehr stark vom Fisch Anhängig sind, zu Hungersnöten kommen. Urs Fitze:Herr Henningsen, was für eine Beziehung haben Sie zum Meer?
Thomas Henningsen:Thomas Henningsen: Ich bin in Kiel an den Gestaden der Ostsee aufgewachsen. Das gehört das Meer sozusagen zum alltäglichen Leben. So richtig gepackt hat es mich während eines Ausbildungsgangs zum Forschungstaucher. Da habe ich erstmals die Vielfalt des Lebens unter Wasser mit eigenen Augen gesehen. Ich habe Meeresbiologie und Zoologie studiert und damit das Meer und die Tierwelt auch zu meinem Beruf gemacht. 1991 habe ich als Mitglied einer Greenpeace-Mission im persischen Golf die ökologischen Folgen des ersten Golfkrieges auf das Meer erforscht. Was ich da gesehen habe, hat mir bewusst gemacht, mit welch destruktiver Gewalt der Mensch das Ökosystem Meer zerstören kann. Urs Fitze:Was war geschehen? Thomas Henningsen:Rund eine Million Tonnen Öl gelangten, nachdem die Ölquellen in Brand gesetzt worden waren, ins Meer und verseuchten die Küstengewässer auf Hunderten von Quadratkilometern. Schwerstens geschädigt wurden dabei auch zahllose Korallenbänke. Es war eine riesige Katastrophe. Urs Fitze:Hat sich das Meer vor der Küste Kuwaits davon erholt? Thomas Henningsen:Vordergründig ja. Aber das Öl ist ja nicht einfach weg. Es lagert heute im Sediment am Meeresgrund, als tickende Zeitbombe, die jederzeit hochgehen kann. Urs Fitze:Rund 71 Prozent der Erdoberfläche sind mit Meeren bedeckt. Welche Bedeutung hat das Meer? Thomas Henningsen:Die Wissenschaft ist sich einig. Im Meer ist irdisches Leben entstanden, es ist der eigentliche Ursprung unseres Daseins. Und mehr noch: Ohne unsere Meere wäre an ein Leben auf der Erde gar nicht zu denken. Doch das Meer ist auch eine geheimnisvolle Welt. Wir kennen die Oberfläche des Mondes besser als die Tiefen des Meeres. Urs Fitze:Wie geht es dem Meer? Thomas Henningsen:Der Zustand ist kritisch, und es ist absehbar, dass, wenn wir so weitermachen, es zu Schädigungen kommt, die sich nicht mehr korrigieren lassen. Urs Fitze:Wo liegen die Probleme? Thomas Henningsen:Kurz gefasst: Überfischung, Vergiftung und klimatisch bedingte Veränderungen. Urs Fitze:Das Meer scheint schier unermesslich gross. Können sechs Milliarden Menschen dieses riesige Ökosystem tatsächlich ernsthaft gefährden? Thomas Henningsen:Jahrtausendelang war der Mensch, aus Sicht des Meeres, eine fast vernachlässigbare Grösse. Doch im 20. Jahrhundert hat sich das dramatisch geändert, vor allem nach dem zweiten Weltkrieg. Urs Fitze:Was ist passiert? Thomas Henningsen:Man könnte von der Industrialisierung des Meeres sprechen. Fischerboote und Fischtrawler sind mehr und mehr verdrängt worden von schwimmenden Fischfabriken. Und der Dreck unserer modernen Zivilisation hinterlässt mehr und mehr Spuren. Urs Fitze:Zum Beispiel? Thomas Henningsen:Plastik. Vor Hawai gibt es riesige Strudel im Meer. Dort sammelt sich der in den Pazifik geworfene Kunststoff in Form von körnchengrossen Partikeln. Sie bilden dort heute eine ganze Schicht im Wasser. Oder die Hinterlassenschaften der chemischen Industrie. Sie finden sich in immer höherer Konzentration im Fleisch der Meeresbewohner. Urs Fitze:Welche Stunde hat für die Ozeane geschlagen? Ist es fünf vor zwölf? Thomas Henningsen:Da muss man unterscheiden. Wenn wir von den Auswirkungen des Klimawandels sprechen, so ist eine gesicherte Aussage schlicht nicht möglich. Wir wissen nicht genau, was geschieht, wenn die Eiskappen abschmelzen oder sich das Wasser erwärmt. Aber es wird nicht ohne Folgen sein. Ob es aber erst viertel vor zwölf ist oder schon viertel nach, das kann heute niemand mit letzter Sicherheit beantworten. Bei der Meeresverschmutzung ist es etwa halb zwölf. Die Folgen sind dennoch schlimm genug, und leider deutet nichts darauf hin, dass sich in naher Zukunft etwas ändern wird. Am schlimmsten ist die Lage in der Fischerei. Dort ist es definitiv fünf vor zwölf. Wenn hier nichts geschieht, droht eine Katastrophe. Urs Fitze:Was läuft in der Fischerei schief? Thomas Henningsen:Das lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Überfischung. Urs Fitze:Müsste man da nicht differenzieren, etwa, was einzelne Fischarten betrifft? Thomas Henningsen:Durchaus. Aber mit ganz wenigen Ausnahmen ist das Ergebnis immer dasselbe. Urs Fitze:Zum Beispiel? Thomas Henningsen:Kabeljau: Aus der Nord- und Ostsee ist dieser einstige Brotfisch fast vollständig verschwunden. Es begann damit, dass vor allem grosse, geschlechtsreife Tiere gefangen wurden. Das ging auf Kosten des Nachwuchses. Dann gingen die Fangzahlen drastisch zurück. Sie liegen heute nur noch bei einem Bruchteil dessen, was noch vor zwei Jahrzehnten erreicht worden war. Die Wissenschaft ist sich einig. Die Befischung muss sofort komplett eingestellt werden, und zwar nicht nur in der Dorschfischerei, sondern auch bei jenen Fischarten, wo der Dorsch als Beifang in die Netze geht. Mit Grundschleppnetzen wird, etwa auf der Jagd nach Shrimps oder Schollen, der Meeresgrund aufgerissen, ohne Rücksicht auf Verluste. Täglich sind 1'500 Quadratkilometer Meeresgrund davon betroffen. Im nördlichen Atlantik ist das grösste Kaltwasserkorallenriff teilweise zerstört. Man muss sich das einmal vorstellen: Was in Jahrtausenden gewachsen ist, geht in Minutenschnelle verloren. Wir haben uns den Beifang eines Fischers aus der Nordsee genau angesehen. Für ein paar hundert Tiere, die in den Handel gehen, haben wir mehr als 11'000 tote Tiere gezählt: Seesterne, Muscheln, riesige, jahrzehntealte Taschenkrebse, aber auch so seltene Arten wie Rochen und vor allem eine grosse Menge an Jungfischen. Täglich werden Millionen von Meeresbewohnern sinnlos vernichtet. Was für eine respektlose Verschwendung. Leben wird wie Abfall behandelt. Da können einem die Tränen kommen. Urs Fitze:Welche Meeresfischarten empfehlen Sie denn noch für den Konsum? Thomas Henningsen:Es sind nicht mehr viele übrig geblieben: Makrelen, Hering und Seelachs… Welcher Fisch darf auf den Tisch? Greenpeace hat ein Informationsblatt zusammen gestellt, das Schäden und Gefährdung nach Fischarten darstellt. Es kann auf der Homepage von Greenpeace heruntergeladen werden. Urs Fitze:Und was ist mit Scholle, Kabeljau, Rotbarsch, Thunfisch, Lachs oder Shrimps? Thomas Henningsen:Alles tabu. Entweder sind die Bestände hochgradig gefährdet wie etwa bei Kabeljau, Thunfisch oder Rotbarsch. Oder die Fische werden mit zerstörerischen Fangmethoden aus dem Meer geholt. Urs Fitze:Und Fische oder Crevetten aus Zuchtbetrieben? Thomas Henningsen:Da sieht es, leider, auch nicht besser aus, auch wenn schon bald die Hälfte der weltweiten Fisch- und Krustentierproduktion aus so genannten Aquakulturen stammt. Lachse und Thunfische etwa sind Raubtiere. Auch wenn sie gemästet werden, müssen sie mit Fisch gefüttert werden, der wiederum gefangen werden muss. Das ändert am Raubbau an der Natur gar nichts. Dazu kommt der hohe Bedarf an Antibiotika und das Problem der Fische, die aus den Netzen entkommen und die genetische Basis ihrer wilden Artgenossen gefährden. Urs Fitze:Sie sagen, es sei fünf vor zwölf in der Fischerei. Was geschieht, wenn wir so weitermachen? Thomas Henningsen:Eine der wichtigsten Nahrungsgrundlagen weltweit droht zu verschwinden. Stellen Sie sich die Konsequenzen für Länder vor, deren Bevölkerung weit stärker vom Fisch abhängig ist als bei uns. Es wird zu Hungersnöten kommen. Und Millionen von Fischern drohen ihre Arbeit zu verlieren. Aber, und das macht mir auch Hoffnung, das Meer ist geduldig, wenn man so will, oder zumindest so gross, dass es hoffentlich immer Nischen geben wird, in denen auch hoch gefährdete Arten überleben können. Doch wie lange es dauern wird, bis sich die Bestände erholen, weiss kein Mensch. An den Küsten Neufundlands, wo der Kabeljau wegen jahrzehntelanger Überfischung vor eineinhalb Jahrzehnten verschwand und die Fischerei eingestellt werden musste, ist er bis heute nicht wieder aufgetaucht. Urs Fitze:Und was muss geschehen, um eine solche Katastrophe zu verhindern? Thomas Henningsen:Es gibt nur eins: den sofortigen Fangstopp für gefährdete Arten und rigorose Einschränkungen bei jenen Arten, die nicht unmittelbar gefährdet sind. Und, was noch wichtiger ist: 40 Prozent der Meere müssen als Schutzgebiete deklariert werden, um den Meeresbewohnern Rückzugsgebiete zu schaffen. Dann wird, in einigen Jahrzehnten vielleicht, eine nachhaltige Fischerei auch wieder ein Thema sein. Urs Fitze:Gib es Anzeichen für eine solche Wende? Thomas Henningsen:Unter Wissenschaftlern herrscht auf breiter Basis Einigkeit, dass solche drastische Massnahmen über kurz oder lang nötig sein werden. Und auch die Fischer zeigen sich, zumindest hinter vorgehaltener Hand, einsichtig, denn sie sägen ja selber am Ast, auf dem sie sitzen. Doch es fehlt ein klarer politischer Impuls. Noch nicht einmal die Europäische Union ist in der Lage, ihre Fischereipolitik auf eine neue Grundlage zu stellen. Stattdessen wird eine kolonialistisch anmutenden Politik fortgesetzt, nur um die europäischen Fischereiflotten aufrecht zu erhalten. Urs Fitze:Was meinen Sie damit? Thomas Henningsen:Die Europäische Union hat Abkommen mit vielen Staaten in Westafrika, aber auch mit kleinen Inselstaaten im östlichen Pazifik abgeschlossen, eine Lizenz zum Fischfang, wenn man so will. Damit dürfen deren Küstengewässer leergefischt werden. Die Entschädigung, die die Staaten dafür erhalten, macht nur einen winzigen Bruchteil des Marktwertes der Fische aus. Urs Fitze:Was müsste geschehen? Thomas Henningsen:In Europa müsste die Europäische Union den betroffenen Fischern einen geordneten Rückzug ermöglichen, mit Stilllegungsbeiträgen, wie es sie auch für Landwirte gibt. Weltweit braucht es ein Abkommen, das auch alle internationalen Gewässer berücksichtigt, in denen es bislang überhaupt keine verbindlichen Vorschriften gibt. Urs Fitze:Das klingt utopisch… Thomas Henningsen:Das ist es auch, leider. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass etwas in dieser Richtung geschehen könnte. Urs Fitze:Was kann der Einzelne tun? Thomas Henningsen:Ich setze auf die Macht der Konsumenten, die weit grösser ist, als viele glauben mögen. Wenn nur ein Jahr konsequent auf den Kabeljaukonsum verzichtet würde, wäre das ein Signal, das auch der marktgläubigste Fischer und Politiker versteht. Urs Fitze:Das bedeutet den weitgehenden Verzicht auf Fisch aus dem Meer… Thomas Henningsen:Ja, leider, abgesehen von Seelachs, Hering und Makrele. Gerade der wieder in genügenden Mengen verfügbare Hering macht aber auch Hoffnung. Denn der atlantische Hering galt vor einigen Jahrzehnten als fast ausgestorben. Die Bestände erholten sich, nachdem die Befischung fast vollständig eingestellt worden war. Zur Person: Thomas Henningsen, Jahrgang 1960, ist promovierter Meeresbiologe und Zoologe. Seit 1991 ist er für Greenpeace tätig, heute in der Funktion als Leiter der Bereiche Meere, Wälder und Artenvielfalt. Er lebt in Hamburg.
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