Die wahren Gründe der Krise

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Geschrieben von: Lisa Louis, Paris 29.06.09
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Die Unternehmen müssen ihre Produktionsweise ändern, die Konsumenten ihren Konsum, sagt Yves Cochet, Mitbegründer der französischen Grünen und Abgeordneter der Nationalversammlung. Sonst werde die gegenwärtige Krise nicht bewältigt. In Frankreich werde bisher zu wenig für eine nachhaltige Entwicklung getan.

Lisa Louis:Im französischen Parlament wird die Grenelle-Gesetzgebung diskutiert, die eine nachhaltige Gesellschaft zum Ziel hat. So soll der CO²-Ausstoss bis 2020 um 20 Prozent gesenkt werden - unter anderem dadurch, dass der Anteil der Strasse am Gütertransport von 86 auf 75 Prozent verringert wird. Reicht das aus?

Yves Cochet:Nein. Das Gesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung, verfehlt das Ziel aber um Längen. So müsste zum Beispiel der Strassengütertransport auf 50 Prozent gesenkt werden.

Ich habe das Gefühl, das liegt daran, dass die Regierung die wahren Gründe der aktuellen Wirtschaftskrise nicht verstanden hat. Sie sieht den Handlungsbedarf nicht!

Lisa Louis:Wie meinen Sie das?

Yves Cochet:Die Statistiken der Welthandelsorganisation und der Internationalen Energie-Agentur zeigen, dass die Kurse von Rohstoffen wie Öl und die Preise von Nahrungsmitteln seit 2002 stetig gestiegen sind. Letzteres hat ja im vergangenen Jahr schon weltweit zu Hunger-Unruhen geführt. Bei steigenden Preisen müssen vor allem ärmere Haushalte einen immer größeren Teil ihres Einkommens für Nahrungsmittel und den Transport aufwenden. Ihre Kredite konnten sie so nicht weiter bedienen. Auch das hat zum Zusammenbruch der Banken beigetragen, den Rest kennen Sie ja.

Lisa Louis:Inwiefern sind Krisen-Investitionspakete wie der „Plan de relance“ in Frankreich da zielgerichtet?

Yves Cochet:Diese Notfallpläne lindern zwar die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, das zugrunde liegende Problem lösen sie jedoch nicht.
Der französische Plan widerspricht zudem der Grenelle-Gesetzgebung: Für den Ausbau der Strasseninfrastruktur sind 400 Millionen Euro vorgesehen, für die Schiene jedoch nur 300 Millionen Euro.

Lisa Louis:Wie sollte man stattdessen gegen die Ursachen der Wirtschaftskrise vorgehen?

Yves Cochet:Im Jahr 2050 wird es praktisch kein Öl mehr geben, beziehungsweise es wird sehr teuer sein. Wenn wir soziale Unruhen vermeiden wollen, müssen wir unsere gesamte Transportstruktur ändern, damit nicht ein immer grösserer Teil unseres Einkommens für Beförderungskosten verwendet wird.

Lisa Louis:Was genau muss da geändert werden?

Yves Cochet:Einerseits müssen Transportwege verkürzt, andererseits der Warentransport noch mehr von der Strasse auf die Schiene verlagert werden.
Unser Transportsystem ist ja völlig irrsinnig - wir konsumieren in Frankreich Garnelen, die in Dänemark gefischt und in Marokko geschält werden! Das alles verursacht erhebliche Umweltverschmutzung und verbraucht Öl. Wir sollten versuchen, mehr Nahrungsmittel aus der Nähe, zum Beispiel einem Umkreis von 150 Kilometer zu konsumieren.

Zudem müssen wir wegkommen von einer Just-In-Time-Produktion. Bis jetzt lagern Unternehmen ihre Vorprodukte nicht selbst, sondern bestellen sie kurzfristig bei ihren Zulieferern. Unter anderem weil Lastkrsftwagen das flexiblere und schnellere Transportmittel sind, hat die Schiene so einen großen Nachteil.
Wenn Unternehmen wieder mehr selbst vorhalten, wird die Schiene wettbewerbsfähiger. Denn Güterzüge sind ebenfalls zuverlässig, nur brauchen sie eben häufig länger.

"Grenelle de l'environnement"

Der "Grenelle de l'environnement" ist ein Umweltgipfel, der im Oktober 2007 stattfand. Zum ersten Mal haben der Staat, Kommunen, Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Umweltverbände zusammen über den Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft diskutiert. Heraus kamen 20 Massnahmen, die sich in den Gesetzen Grenelle 1 und 2 wiederfinden. Grenelle 1 hat den ersten Durchgang durchs Parlament hinter sich, soll Anfang Juni zum zweiten Mal diskutiert werden. Nach der Sommerpause sollte Grenelle 2 examiniert werden.

Die Massnahmen betreffen unter anderem die Bereiche Transport, Landwirtschaft, Energie und das Bauwesen.

Lisa Louis:Verfügt Frankreich über die nötige Schienen-Infrastruktur?

Yves Cochet:Da muss tatsächlich einiges getan werden. Einerseits brauchen wir mehr Bahnhöfe, andererseits müssen alte Provinzbahnhöfe wieder in Betrieb genommen werden. Das Gleiche gilt für stillgelegte Gleise. Dann lohnt sich auch ein Gütertransport über kurze Strecken, bei dem teilweise auf Züge, teilweise auf Kleinlaster zurückgegriffen werden kann.

Lisa Louis:Welche Rolle spielt die Flussschifffahrt, die ja auch durch die Grenelle-Gesetze gefördert werden soll?

Yves Cochet:Es ist richtig, den Ausbau des Seine-Nord-Europe-Kanals mit vier Millarden Euro zu fördern - was im Umwelt-Gesetz vorgesehen ist. Denn die Flussschifffahrt hat eindeutig ihren Platz im künftigen Gütertransport, der es bis 2020 aber wahrscheinlich nicht auf mehr als zehn Prozent schaffen wird.


Zur Person:

Yves Cochet war 1984 Gründungsmitglied der französischen Grünen „Les Verts“. 2001 wurde er unter Premierminister Lionel Jospin Minister für Umwelt und Raumplanung. Seit Juni 2002 ist er Abgeordneter der Nationalversammlung für das 11. Arrondissement in Paris.

 

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"Der Übergang in eine erneuerbare Energiezukunft hat längst begonnen. Daraus ergeben sich enorme unternehmerische Chancen. In der Management-Aus- und Weiterbildung an der Universität St. Gallen leisten wir einen Beitrag zur Ebnung des Weges von 20:80 zu 80:20."
Rolf Wuestenhagen, Lehrstuhl für Management Erneuerbarer Energien, Uni SG

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