Greenpeace will den übereilten Einstieg in die kommerzielle Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid (CCS) in Deutschland verhindern. Das Ausmass der Risiken sei heute nicht absehbar, sagt Karsten Smid von Greenpeace Deutschland. Die Industrie müsse zudem voll für diese Risiken haften. Ohne eine Akzeptanz der Bevölkerung seien Endlager für Kohlendioxid nicht machbar.
Steffen Klatt: In Deutschland blockiert die Union das Gesetz über die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid und schlägt sich damit auf die Seite von Greenpeace. Haben Sie das erwartet? Karsten Smid: Die Union schlägt sich nicht auf unsere Seite. Es geht der Union um Wählerstimmen in Schleswig-Holstein. Dahinter liegt ein anderes Problem: Die grosse Koalition aus Union und SPD hat hinter dem Rücken der Bevölkerung einen übereilten Einstieg in die kommerzielle Endlagerung von Kohlendioxid organisieren wollen. Das haben die Bürger in Schleswig-Holstein und Brandenburg gemerkt, wo Standorte für Endlager geprüft worden sind. Jetzt reagiert die Politik auf ihren Protest. Eine Lagerung von Kohlendioxid ist ohne die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht durchsetzbar. Steffen Klatt: Haben die Politiker also zu stark auf das Gaspedal gedrückt? Karsten Smid: CDU und SPD wollten der Industrie einen Gefallen tun. Es ist ein offenes Geheimnis, dass RWE und Vattenfall den Parlamentariern in Berlin die Türen eingerannt haben. Das Gesetz wurde von einer Anwaltskanzlei im Auftrag dieser und anderer Energiekonzerne geschrieben. Steffen Klatt: Wie bitte? Karsten Smid: Wesentliche Bestandteile stammen aus diesem privaten Gesetzesentwurf. Auch grundlegende Begriffsbestimmungen wurden daraus übernommen. Zum Beispiel das Wort „Speicherung“. Dabei geht es aber nicht um Speicherung, sondern um Endlagerung, also um dauerhafte Ablagerung im Untergrund. Bei einer Endlagerung würden die strengen Regeln des Umweltministeriums gelten. Die Speicherung betrifft dagegen meist Wirtschaftsgüter, für die das Wirtschaftsministerium zuständig wäre. Hier wurden mit Tricks frühzeitig Weichen im Sinne der Industrie gestellt. Steffen Klatt: Lehnen Sie CCS generell ab? Karsten Smid: Wir sehen offene Fragen. Die Abscheidung von Kohlendioxid im grosstechnischen Massstab ist heute nicht möglich. Wenn sie überhaupt kommt, dann kommt sie viel zu spät. Wir rechnen frühestens mit 2030, Optimisten gehen von 2020 aus. Wir müssen aber schon heute die Treibhausemissionen reduzieren, und zwar drastisch. Dazu sind die Energiekonzerne in Deutschland nicht bereit. Im Gegenteil: Heute werden über 27 neue Kohlekraftwerke geplant oder gebaut, alle ohne die CO2-Abscheidetechnik. Steffen Klatt: Man könnte diese Kraftwerke später nachrüsten... Karsten Smid: Das wird diskutiert. Aber schauen Sie auf das Kraftwerk Moorburg von Vattenfall in Hamburg. Vattenfall hat klar gesagt, dass es sich dieses Kraftwerk ohne CCS genehmigen lassen will. Die Umweltbehörde in Hamburg hat die Auflage gemacht, CCS nachzurüsten. Vattenfall wehrt sich dagegen mit Händen und Füssen. Heute wird CCS benutzt, um dreckige Kohle in Deutschland grün zu waschen. Die CCS-Technik ist zudem zu teuer. Selbst Strom aus der Wüste oder von Windparks vor der Küste wird billiger sein. CCS ist auch keine nachhaltige Technik: Da wird nur an den Symptomen herumgedoktert, statt den Ausstoss von Kohlendioxid etwa mit der Nutzung der Solarenergie zu vermeiden. Steffen Klatt: China hat gesagt, dass es seine Kohlevorräte nutzen wird. Ist für solche Länder die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid nicht sinnvoll, um wenigstens die schädlichen Folgen für das Klima abzuschwächen? Karsten Smid: Auch für China gilt, dass andere Techniken wesentlich sinnvoller und kostengünstiger sind. China investiert in Windkraft und baut riesige Photovoltaikanlagen. Das ist sinnvoller, als auf die CCS-Technik zu setzen, die heute noch gar nicht existiert. Steffen Klatt: Der Widerstand gegen die neue Technologie speist sich aus Ängsten vor den Endlagern. Sind diese Befürchtungen gerechtfertigt? Karsten Smid: Es geht dabei auch um die dauerhafte Endlagerung und um die Haftung. Dieses Kohlendioxid muss für 10000 Jahre im Untergrund behälterlos, sicher und dauerhaft verbracht werden. Bisher hat noch kein Geologe gezeigt, ob das möglich ist. Es gibt Lecks, es gibt auch geologische Verwerfungen, durch die das Kohlendioxid langsam wieder an die Oberfläche kommen kann. Wir kennen den Untergrund im Moment nicht. In der geologischen Formation Utsira in dem auch das Sleipner-Feld vor Norwegen liegt, das als Musterbeispiel für die Anwendung von CCS gilt, hat es einen schweren Unfall gegeben. Dort wurde im Tordis_Feld Wasser in die Formation hineingepresst und hat sie zerstört. Wenn das mit CO2 passiert wäre, dann könnte es dort nicht mehr gespeichert werden. Dabei hatten die Geologen von Statoil (des norwegischen Betreiberkonzerns, stk.) gesagt, dort könnte das CO2 aus ganz Europa sicher während hunderten Jahren gespeichert werden. Aufgrund dieses Unfalls gehen neue Einschätzungen davon aus, dass nur noch ein Bruchteil der geplanten Menge gespeichert werden kann. Wie lange sie sicher gelagert werden kann, weiss niemand. Die Industrie begrenzt ihre Haftung aber auf 30 Jahre nach Abschluss der Verbringung von CO2 in das Endlager. Danach will es die Risiken an den Staat abgeben. Erst will sie also ihre Profite mit der klimaschädlichen Stromerzeugung machen und dann die Risiken an den Staat und den Bürger abgeben. Es geht dabei um potentielle Risiken in Milliardenhöhe. Steffen Klatt: Also ähnlich wie bei der Kernkraft? Karsten Smid: Von den stofflichen Eigenschaften lässt sich das natürlich nicht vergleichen. Aber das Ausmass der Unkenntnis der Risiken lässt sich durchaus vergleichen. Wir haben in Deutschland den Musterfall, dass die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe 1965 gesagt hat, die Salzstöcke in der Asse seien für die Lagerung von radioaktivem Müll die sichersten Tresore. Man könne den Atommüll dort über Tausende von Jahren sicher lagern. Jetzt, nur 40 Jahre danach, muss der Müll mit einem Milliardenaufwand wieder zurückgeholt werden. Die Energieindustrie ist aber überhaupt nicht bereit, auch nur mit einem Cent an den Kosten der Rückholung und der Sanierung des maroden Endlagers zu beteiligen. Diese Gefahr sehen wir auch bei der CO2-Endlagerung: Die Industrie hat sich das Gesetz so zurechtgeschnitten, dass sie nur während einer sehr begrenzten Zeit haftet. Für Greenpeace gilt da ganz klar das Verursacherprinzip: Wer diesen Dreck erzeugt, muss dafür dauerhaft haften. Steffen Klatt: Glauben Sie das Gesetz auf Dauer verhindern zu können? Karsten Smid: Deses Gesetz kann in dieser Legislaturperiode nicht mehr passieren. Damit ist der übereilte Einstieg in die kommerzielle Endlagerung gestoppt. Steffen Klatt: Kommt die Endlagerung von Kohlendioxid in anderen Ländern Europas? Die EU will viel Geld in Modellprojekte stecken. Karsten Smid: Auch in vielen anderen Ländern ist die Diskussion noch nicht zu Ende. In Dänemark wurden ein Projekt von Vattenfall durch den Protest von Bauern gestoppt. Die Politik sollte sich in Europa um die Akzeptanz der Bevölkerung bemühen. Sonst wird es zu weiteren Auseinandersetzungen kommen. Die grossen Energieversorger sollen endlich auf erneuerbare Energien umschwenken. Denn dort liegt die Zukunft. Bisher aber verweigern sie sich.
Zur Person: Karsten Smid ist der Klimaexperte von Greenpeace Deutschland. Der Ingenieur und Umweltschutztechniker mit einem Abschluss der Technischen Universität München war Mitbegründer des Wissenschaftsladens München und ist seit 1990 bei der Umweltschutzorganisation tätig.
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