Risiken rasch untersuchen

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 25.06.09
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Regine Günther, WWF Deutschland, KlimaexpertinDas Gesetz zur Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid im Untergrund ist in Deutschland politisch blockiert. Union und SPD haben beschlossen, es in dieser Legislaturperiode nicht mehr weiter zu verfolgen. Doch fast alle seriöse Studien kämen zu dem Schluss, dass es ohne diese Technologie wahrscheinlich nicht gelingt die globale Klimaerwärmung auf einen Wert unter 2 Grad zu begrenzen., sagt Regine Günther vom WWF Deutschland. Mit ihrem Einsatz könnten die Kohlendioxidemissionen der schnell wachsenden Schwellenländer , die auf Kohle und Erdgas setzen, im notwendigen Masse verringert werden. Industrieländer könnten mit dieser Technologie mehr Emissionen einsparen als verursacht werden.

Steffen Klatt: Das Gesetz über die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) stockt politisch. Ein Grund zu feiern?

Regine Günther: Nein, überhaupt nicht. Wir glauben, dass sehr schnell untersucht werden muss, ob und in welchem Umfang die Technologie CCS einen Lösungsbeitrag zur Abwendung des gefährlichen Klimawandel leisten kann. Gerade in den Schwellenländern brauchen wir diese Technologie wohl. Auch deshalb hoffen wir, dass die neue Regierung das Thema wieder aufnimmt.

Steffen Klatt: Woran harzt es politisch?

Regine Günther: Die Union hat bizarrer Weise relativ spät festgestellt, dass zu neuen Technologien auch die Akzeptanz gehört. Sie hat in Person ihres Wirtschaftsministers zu Guttenberg Positionen im Gesetzesentwurf bekämpft, die für die Vertrauensbildung und die Akzeptanz in der Bevölkerung eine wichtige Rolle spielen. Man hatte über weite Strecken nicht den Eindruck, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Union ein Thema sei. Erst am Ende, als sich die betroffene Bevölkerung zu Wort meldete, hat die Union kalte Füsse bekommen. Im Wahljahr hat sie sich darauf besonnen, dass man die Leute mitnehmen muss. Das ist auch richtig so. Bisher hatten weder die Politik noch die Industrie ein vernünftiges Konzept, wie man die Menschen, vor allem in den betroffenen Regionen aufklärt, was CCS bedeutet, mit welchen Risiken zu rechnen sein könnte – und mit welchen eben nicht. Und vor allem, mit welchen Verfahren man die Risiken minimieren kann. Dieses Versäumnis rächt sich jetzt. Auch wenn das Gesetz in der neuen Legislaturperiode zustande kommt, müssen im Nachklapp unbedingt Strategien entwickelt werden, wie man die Bevölkerung mitnimmt: runde Tische gründen, Informationskampagnen über die Risiken machen.

Steffen Klatt: Wäre mit dem Gesetz also erst die eine Hälfte der Arbeit getan?

Regine Günther: Wenn man im Untergrund etwas speichern will, muss man den Leuten sagen, was das bedeutet. Nach Einschätzung des WWF sind die Risiken von CCS überschaubar. Jedenfalls überschaubarer, als wenn das Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen wird.

Steffen Klatt: Sind die Ängste der Bevölkerung irrational?

Regine Günther: Ich würde sie keinesfalls als irrational bezeichnen. Es ist eine neue Technologie, über deren Chancen und Risiken eine sachliche Debatte geführt werden muss. Die Pilotphase soll zeigen, dass die Risiken beherrschbar sind. Es ist geradezu aberwitzig die CCS-Risiken in die Nähe der Nukleartechnologie rückt. Das verharmlost auch die Nukleartechnologie.

Steffen Klatt: Warum ist die Umweltbewegung in dieser Frage gespalten?

Regine Günther: Es gibt unterschiedliche Einschätzungen, wie schnell wir erneuerbare Energien und Energieneffizienz am Start haben. Man muss aber auch für das gesamte Spektrum der Treibhausgasemissionen Lösungen anbieten, wenn man es mit der vollständigen Dekarbonisierung der Wirtschaft wirklich ernst meint. Auch der WWF sagt für den Energiesektor, dass wir für Deutschland auf CCS verzichten könnten, wenn erneuerbare Energien und Energieeffizienz dramatisch zulegen. Wir sehen aber CCS nicht als „Kohlerettungstechnologie“, sondern als Klimaschutztechnologie. CCS wird bestimmt eine überragende Rolle spielen können, wenn im Zusammenhang mit den sogenannten Prozessemissionen: Wir haben in Deutschland bei Produktionsprozessen etwa von Stahl einen Ausstoss von 80 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

Steffen Klatt: Wenn also Deutschland seine Energie vollständig aus erneuerbaren Quellen herstellte, brauchte es immer noch CCS, um die Kohlendioxidemissionen aus anderen Quellen aufzufangen?

Regine Günther: Genau. Die neuesten Klimaforschungen sagen ausserdem, dass wir relativ schnell negative Emissionen brauchen. Das heisst, dass wir mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre herausnehmen, als wir hineinbringen. Das geht nur, wenn wir Biomasse verbrennen, Kohlendioxid abscheiden und unterirdisch lagern. Wenn wir den Weltklimagipfel im Dezember in Kopenhagen zu einem Erfolg werden lassen wollen, dann brauchen wir Technologien, die wir den Schwellenländern anbieten können. Eine der grossen Technologien könnte dabei CCS für China sein. Wir sollten dabei die deutsche Industrie in die Pflicht nehmen. Sie soll Teil der Lösung sein und diese Technologie erforschen, sowohl für Deutschland als auch für den Export. Hier zeigt sich auch die Herausforderung, zwischen globalen und lokalen Gefahren zu entscheiden. Viele sehen hier nur die vermeintlichen lokalen Gefahren von CCS, während wohl die Folgen des ungezügelten Klimawandels gerade viele Küstenbewohner härter treffen wird als die lokalen Auswirkungen. Diese Diskrepanz wird sich in Zukunft noch öfter zeigen.

Steffen Klatt: Warum sehen Sie CCS vor allem als Technologie für Schwellenländer? Auch China setzt auf erneuerbare Energien, deren Anwendung wächst dort sogar stärker als in Europa.

Regine Günther: Wir sehen sie nicht nur für Schwellenländer, aber auch. Es ist richtig, dass China massiv in Erneuerbare Energien und Energieeffizienz investiert, trotzdem sind die Investitionen in konventionelle Kohlekraftwerke auch gigantisch Aber China sagt angesichts seines Wachstumstempos, dass es die grossen Kohlevorräte weiter nutzen wird, über die es verfügt. Die Industrieländer haben die Kohlendioxidbelastung der Atmosphäre heute zu rund 80 Prozent verursacht. Den jetzt noch verbleibenden Rest müssen wir zu grossen Teilen den Entwicklungs- und Schwellenländern überlassen, denjenigen also, welche die Atmosphäre bisher nicht belastet haben. Und wenn diese Schwellenländer sagen, sie wollen Kohle nutzen, weil dies für ihre Entwicklung notwendig ist, müssen wir uns überlegen, wie das möglich sein könnte ohne die Klimaziele aufzugeben Ich sehe nicht, wie Chinas riesiger Energiebedarf sehr schnell nur durch erneuerbare Energien befriedigt werden wird. Wir müssen daher auch helfen, die bestehenden Kohlekraftwerke nachzurüsten, wenn die CCS Technologie zur Verfügung steht.

Steffen Klatt: Ist die deutsche Wirtschaft bereit, massiv in CCS zu investieren?

Regine Günther: Teilweise. Wir sehen, dass RWE und Vattenfall und E.ON aktiv sind. EnBW ist zurückhaltend.

Steffen Klatt: Was passiert, wenn das Gesetz auch nach der Bundestagswahl nicht zustande kommt?

Regine Günther: Es gibt ja bereits Bewilligungen. Man kann auch nach Bergrecht nach möglichen Lagerstätten suchen. Dann gibt es gar keine Beteiligung der Öffentlichkeit. Das ist die noch schlechtere Variante. Ich fand es bemerkenswert, dass die Politik wenigstens im Wahljahr die Bevölkerung entdeckt hat. Das Schicksal dieser Technologie entscheidet sich nicht an technischen Problemen, sondern daran, ob die Bevölkerung sie akzeptiert.

 

Zur Person:

Regine Günther ist Leiterin Klimaschutz und Energiepolitik des WWF Deutschland.

 

Bild: WWF Deutschland, Bernd Lammel

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