Das Endziel nachhaltiger Städte ist die Stärkung der Gemeinschaft, des Bewusstseins, zusammen zu wohnen und die Schaffung gesunder Lebensumstände. Auf dem Weg dahin ist der ökologisch aufgewertete städtische Raum ein wichtiges Mittel. Nachhaltige Städte verlangen nach Investoren, Bauherren und Planern mit neuen Profilen. Diese werden gefragt sein und fehlen zurzeit auf dem Arbeitsmarkt.
70 Prozent der Schweizer Bevölkerung leben heute in städtischen Gebieten. Dieser Anteil wird künftig wachsen. In den urbanen Zentren wird das Gros der wirtschaftlichen Wertschöpfung betrieben, findet das soziale Leben unserer Gesellschaft statt und liegt der Fundus der biologischen Vielfalt. Es besteht kein Zweifel, dass die Überwindung der grossen globalen Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit, Epidemienbekämpfung, Wasserknappheit, Terrorismus, Klimawandel, Biodiversitäterhaltung – mit anderen Worten, die Schlacht der Nachhaltigen Entwicklung - in den urbanen Zentren geschlagen wird. Verwandte Themen| { Tourismus wird immer grüner, 12.06.09 } | | { Kasernen zu Ökosiedlungen, 15.05.09 } | | { Impulse kommen aus der Wirtschaft, 08.05.09 } | | { Grünes Wissen sichert Stellen, 28.04.09 } | | { Städte sind grüner, 27.03.09 } | | { Kopenhagen wird klimaneutral, 19.03.09 } | | { Stadtlandschaft statt endloser Brei, 16.02.09 } | | { Ökostadt statt Flugzeugen?, 29.01.09 } | | { Zukunftswerkstatt Ökodorf?, 05.01.09 } | | { Dicht und gemischt, 21.10.08 } | | { Grüne Stadt in der Wüste, 03.10.08 } |
Wer die Umwelt liebt, sollte in grosse Städte ziehen. Denn dort leben die Menschen mit der günstigsten Schadstoffbilanz, zeigte kürzlich die britische Studie «Environment and Urbanization» des Internationalen Umwelt- und Entwicklungsinstituts auf. In unseren Städten - Rückzugsgebiete für die biologische Vielfalt - trifft man auch auf rund 40 Prozent der Arten der Schweizer Flora. Siedlungsnahe Grün- und Freiflächen erhöhen überdies entscheidend die Lebensqualität. Sie sind der Ort, wo die Bewohner in unmittelbarer Nähe Natur und Landschaft erleben und geniessen können. Sie dienen der Erholung und Gesundheitsvorsorge. Der Trend zum selbst organisierten Sport, das stark gewachsene Gesundheitsbewusstsein und die Alterung der Gesellschaft stellen die Städte vor die Herausforderung, ihre Grün- und Freiflächen für Sport und Bewegung und somit für die Bevölkerung attraktiver zu machen. Erwachsene sollen sich begegnen und austauschen können und sich physisch und psychisch sicher fühlen. Kleine Kinder und Jugendliche sollten in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung Plätze und Freiräume finden, die sie zum Bewegen und Spielen in gefahrloser Form anregen. Jugendliche in der Schweiz bewegen sich gemäss vergleichenden Untersuchungen in europäischen Ländern besonders wenig. Ein hoher Anteil der Schüler kämpft schon früh mit Gewichtsproblemen – laut Bundesamt für Gesundheit ein schwerwiegendes Gesundheitsproblem, das mit Gewohnheiten im frühen Kindesalter zu tun hat. Städte müssen aufhören, sich auf Kosten der Landschaft auszubreiten. Stattdessen sollten sie selbst zur urbanen Landschaft werden. Der endlose Brei, der überall gleich gebaut ist, ist keine praktische Stadt, meint Steffen Lehmann, Professor für Architektur an der Universität Newcastle und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Nachhaltige Stadtentwicklung. «Smart, Sustainable, Integrative» lautet denn auch die Devise der 14. Internationalen Konferenz für Architekten und Raumplaner in Barcelona. Die nachhaltige Stadt ist dicht bebaut, Leben und Arbeit finden in den gleichen Stadtteilen Platz. Es wird eine Wachstumsgrenze um die Stadt gezogen, über die sie nicht mehr hinaus wachsen darf. Will sie dennoch wachsen, muss sie sich nachverdichten, das heisst, Wohnraumpotential wird in den bereits bebauten Gebieten genutzt, damit sich das Siedlungsgebiet nicht ungebremst ausbreitet. In der Schweiz wird noch heute pro Sekunde ein Quadratmeter Land verbaut. Planungsverantwortliche von Städten sollten daher siedlungsnahe Freiflächen als wichtige Erholungs-, Begegnungs- und Bewegungsräume erkennen, diese planerisch sichern und gestalten. Darin liegt eine Chance für Städte, welche im Standortwettbewerb um Ratingplätze kämpfen. Der nahe Zugang zu Grün- und Freiflächen sowie Naherholungsräumen wird von der Bevölkerung gemäss verschiedenen Studien als ein prioritärer Aspekt der Lebensqualität eines Wohnstandortes gewertet. Nachhaltige Städte erfordern eine Vielzahl von Akteuren mit neuen Profilen: Begriffe wie Energie und Materialien, Wasser und Artenvielfalt, Städtebau und öffentlicher Nahverkehr werden künftigen Investoren, öffentlichen Bauherren, Urbanisten, Planern, Unternehmern, Unterhaltsdiensten etwas sagen. Sie werden daran arbeiten, was unsere Städte künftig lebenswert macht und welches Ambiente dazu hergestellt werden muss. Heute fehlen sie auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden in den kommenden Jahren gefragt sein, spätestens wenn soziale Phänomene ansatzweise in unseren Städten auftauchen werden, wie sie in den Vororten heutiger Megalopole zu sehen sind, wo Jugendliche am Wochenende nichts anderes zu tun haben, als sich gegenseitig abzuschiessen. Zur den Personen: Alfred Wittwer, Bereichsleiter Ressourcenmanagement Natur und Landschaft und Peter Lehmann, Direktor, sanu bildung für nachhaltige entwicklung, Biel. Bild: Die Ortsbürgergemeinde St. Gallen als Erbin der alten Stadtrepublik und Grundeigentümerin der früheren Textilbleichen hat im 19. Jahrhundert einen Teil der freien Flächen nicht überbaut, um Platz zu lassen für Parks und Museen. So könnten auch heute Grundeigentümer Städte nachhaltig prägen. (Steffen Klatt)
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