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Yvonne von Hunnius: Warum soll es sich gerade jetzt lohnen, in erneuerbare Energien zu investieren? Alessandro Miolo: Im Moment ist es möglich, für weniger Geld in innovative Projekte einzusteigen als noch vor einem Jahr. Während der Hypephase vor der Krise waren die Erwartungen teilweise sehr hochgestochen und manchmal unrealistisch. Yvonne von Hunnius: Und dieser Hype ist nun gebrochen? Alessandro Miolo: In gewissem Sinne und das ist eine gesunde Entwicklung. Es gab in manchen Bereichen Projekte, in die auch branchenfremde Investoren zu hohen Preisen eingestiegen sind. Die Businesspläne wurden oft zu wenig kritisch hinterfragt und erst im nachhinein hat man festgestellt, dass ein zu hoher Preis gezahlt worden ist. Die Hoffnungen waren zu hoch. Jeder neue Zweig hat damit zu kämpfen. Die Goldgräber genauso wie die Internetpioniere zahlten manchmal einen zu hohen Preis für ihre Investition zu Beginn eines Hype. Yvonne von Hunnius: Und zu welchem Projekt würden Sie nun raten? Alessandro Miolo: Das erste und wichtigste Kriterium ist natürlich die Rentabilität. Ich berate Unternehmen und sehe nur Potential, wenn die Investition ertragsmässig etwas bringt. Yvonne von Hunnius: Allem Gutmenschtum oder Glauben an eine klimafreundliche Zukunft zum Trotz? Alessandro Miolo: Eine Unternehmung hat sonst keine Zukunft. Es gibt hier zwei Strategien. Zunächst muss man sich eine Meinung bilden, in welchem Bereich beziehungsweise in welcher Technologie eine Nachfrage bestehen könnte. Die eine Gruppe von Investoren setzt dann auf verschiedene Technologien. Wenn eine hiervon das Rennen macht, sind sie auf alle Fälle dabei. Die andere Gruppe macht sich zuvor detaillierter ein Bild und setzt dann nur auf eine Technologie. Das hat ein gewisses Risiko, doch insofern die eigene Einschätzung eingetroffen ist, hat man das Geld gleich in die richtigen Kanäle gelenkt. Yvonne von Hunnius: Dann hat es doch etwas mit dem festen Glauben an eine Sache zu tun. Wie lange sollte man bei der Stange bleiben und weiterexperimentieren, auch wenn es nicht sofort Erfolg bringt? Alessandro Miolo: Es könnte sein, dass es zum Experimentieren in diesem Bereich oft zu spät ist, weil andere Unternehmen schon sehr weit sind. Ganz subjektiv sind vielleicht drei bis fünf Jahre Durchhaltevermögen wichtig. Doch man sollte sich immer nur an der künftigen Nachfrage auf dem Markt halten. Yvonne von Hunnius: Wie kann man diese berechnen? Alessandro Miolo: Zu berechnen ist das nicht. Das sind keine Hardfacts, sondern Schätzungen. Wenn man sich die Prognosen über den künftigen Energiebedarf ansieht, erschliesst sich der Markt für Erneuerbare. Dieser wird zum einen durch die Rahmenbedingungen, wie Subventionen und Ähnliches, bedingt. Zum anderen muss man sich über Befragungen von Kunden eine Meinung bilden. Da geht es um die Stimmung in der Öffentlichkeit und wie sich diese auf die Nachfrage auswirkt. Yvonne von Hunnius: Und wohin geht die Reise im Moment? Zurück zu Atomstrom? In Richtung Wind-oder Wasserkraft? Bedenkt man neueste Entwicklungen, müsste Solarenergie weit vorne sein… Alessandro Miolo: Unbestritten ist Wasserkraft von der Schweizer Mehrheit sehr gestützt. Dort, wo bei Wasserkraft investiert und optimiert werden kann, sollte das getan werden. Solar- und Windenergien besitzen ebenso eine grosse Akzeptanz. Doch es ist auch klar, dass das wohl nicht die Lösung zur Deckung des künftigen Energiebedarfes sein wird. Ich kann mir vorstellen, dass die Meinung der Öffentlichkeit sich wieder in Richtung Kernenergie bewegt. Wind wird grösstenteils positiv eingeschätzt, insofern der Windpark nicht in den eigenen Garten gestellt wird. Alessandro Miolo: Hier ist die Akzeptanz in der Schweiz nicht gross. Für Schweizer Unternehmen ist es nicht besonders attraktiv, selbst in ausländische Kohlekraftwerke zu investieren, wenn die Bevölkerung nicht dahinter steht. Auch, wenn sie effizienter als herkömmliche Kraftwerke sind und das Projekt finanziell aufgehen könnte, kann der eigenen Reputation und Marke hierdurch geschadet werden. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Offene und Gegner einbeziehende Kommunikation ist hier das A und O. Yvonne von Hunnius: Welche Trends ergeben sich momentan, betrachtet man die Anreizsysteme für Investitionen genauer? Alessandro Miolo: Im Rahmen der EU kommen einige Staaten unter Druck, da sie aufgrund von klimatischen und geografischen Bedingungen nicht die besten Voraussetzungen für erneuerbare Energien besitzen. Deutschland, Belgien oder die Niederlande haben beispielsweise nicht das Potential, die hier gesetzten hohen Ziele zu erreichen. Somit werden Partner gesucht, die mithilfe von Subventionen oder Steuererleichterungen Projekte in diesem Bereich realisieren. Das kann eine Chance für Schweizer Unternehmen sein. Yvonne von Hunnius: Bremst der Fall der Rohstoffpreise nicht die Investitionslust? Alessandro Miolo: Das muss keineswegs sein. Man hatte vor der Krise horrende Ölpreis-Szenarien bis zu tausend Dollar das Barrel vor Augen, dann sind sie gefallen. Ich glaube, dass Investitionen durch diese Entwicklung interessanter wird, da das Risiko sich durch die hohe Volatilität der Preise erhöht. Da ist das Risiko geringer, in einen Windpark zu investieren, wenn man weiss, der Wind bläst an diesem Ort kontinuierlich. Yvonne von Hunnius: Wo wurden denn positive Erfahrungen gemacht? Alessandro Miolo: In den letzten Jahren haben Schweizer Unternehmen sehr erfolgreich in Gaskombi-Kraftwerke in Italien investiert. Das war eine Technologie, die sich in diesem Falle bewährt hat. Die Schweiz hat traditionell eine gute Position bei erneuerbaren Energien. Allein die Forschung spielt hier eine grosse Rolle. Es gibt unter anderem innovative kleine Nischenunternehmen in der Windenergie-Technik und anderen Feldern. Auch in der Finanzdienstleistungen werden aus der Schweiz innovative Lösungen angeboten.
Zur Person: Alessandro Miolo, dipl. Wirtschaftsprüfer, ist als Partner von Ernst & Young AG und Leiter des Marktsegments Energie. Er zeigt sich als Mandatsleiter verantwortlich für die Prüfung und Beratung von börsenkotierten und national bedeutenden Unternehmen. Miolo ist zudem lizensierter Energiehändler bei der Europäischen Energiehandelsbörse (EEX).
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