Erneuerbare suchen Sitz

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 22.06.09
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Bonn, RegierungsviertelZwischen Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist ein Prestigekampf um den Sitz der neuen Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien entbrannt. Neben Bonn und Abu Dhabi ist Österreich mit Wien nur Aussenseiter. Kopenhagen ist bereits aus dem Rennen ausgeschieden. Um den Posten des Generaldirektors bewerben sich fünf Kandidaten. Am 29. Juni wird in Sharm el Sheik entschieden.

Wenn immer eine neue internationale Organisation gegründet wird, streiten die Mitgliedsländer, wo sie ihren Sitz haben soll. Das gilt um so mehr, wenn es um eine Technologie der Zukunft gehen soll: Am 26. Januar wurde in Bonn die Internationale Organisation für Erneuerbare Energien (Irena) gegründet. Die Gründungsurkunde wurde bereits von 104 Ländern unterzeichnet. Bis zum 29. Juni dürften weitere hinzukommen. Denn dann soll eine Konferenz der bisherigen Mitglieder im ägyptischen Sharm el Sheik entscheiden, wo die Organisation ihren Sitz haben und wer der erste Generaldirektor sein soll.

Deutschland war treibende Kraft

Deutschland hätte für beides gute Karten. Und das verdankt die Bundesrepublik Hermann Scheer. Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Präsident von Eurosolar, des europaweiten Interessenverbandes der erneuerbaren Energien, hat seit zwei Jahrzehnten für die Gründung dieser internationalen Behörde gekämpft. Scheer überzeugte erst die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder 2002, die Gründung von Irena in das Koalitionsprogramm aufzunehmen, dann die schwarz-rote Koalition unter Angela Merkel 2005. Deutschland gelang es, auch Dänemark und Spanien – die zwei andern „Grossmächte“ der erneuerbaren Energien in Europa – auf seine Seite zu ziehen. Eine erste Vorbereitungskonferenz mit mehr als 60 Teilnehmerländern kam im April 2008 in Berlin zusammen.

Bonn hat gute Karten

Noch vor der Gründungskonferenz Ende Januar in Bonn erklärte die Bundesregierung, dass sie sich für die Bundesstadt am Rhein um den Sitz für Irena bewirbt. „Deutschland hat Irena initiiert und massgeblich vorangebracht. Es will nun den Aufbau der Organisation dauerhaft begleiten“, begründet Frauke Stamer, Sprecherin des Bundesumweltministeriums, die Bewerbung. Für Bonn spricht die unmittelbare Nachbarschaft zu anderen UN-Organisationen wie das Sekretariat der Klimarahmenkonvention. Das ehemalige Regierungsviertel bietet zudem einen guten Rahmen für internationale Konferenzen. Das Motto der Bewerbung lautet denn auch: „Arbeitsfähig von der ersten Stunde an“. Doch Deutschland lockt auch finanziell: Das Gebäude am Rhein wird mietfrei zur Verfügung gestellt, Deutschland will zudem jährlich 8 Millionen Euro (12 Millionen Franken) zahlen.

Abu Dhabi lockt mit Masdar

Mit Geld lockt auch Abu Dhabi. Als das ölreiche Emirat wenige Tage vor der Gründungskonferenz im Januar bekannt gab, galt es zunächst als Aussenseiter. Denn lange hatte der Golfstaat bei den erneuerbaren Energien keine Rolle gespielt. „Das Stimmungsbild hat sich seither gewandelt“, sagt ein mit den Verhandlungen vertrauter Diplomat. Abu Dhabi sei zu einem starken Konkurrenten aufgestiegen. Ein Grund: Abu Dhabi soll angeblich 22 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt haben für die neue Organisation. Ganz offiziell wollen die Vereinigten Arabischen Emirate jährlich 50 Millionen Dollar für Projekte einschiessen, die von Irena gefördert werden.

Ein weiterer Grund: Abu Dhabi fördert seit drei Jahren erneuerbare Energien mit einem Milliardensegen. Vor den Toren der Hauptstadt wird derzeit die Ökostadt Masdar gebaut. Sie soll die erste kohlendioxid- und abfallfreie Stadt der Welt sein; der ganze Energiebedarf soll aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Obendrein soll Masdar mit Forschungs- und Produktionseinrichtungen ein globales Zentrum der erneuerbaren Energien werden. Es würde Masdars Prestige daher enorm erhöhen, wenn es Sitz der neuen internationalen Organisation würde. Das Emirat investiert 15 Milliarden Dollar (11 Milliarden Euro/17 Milliarden Franken) an eigenen Geldern in Masdar. Weitere 7 Milliarden soll von Privaten kommen. Wer also einen Teil des Investitionssegens auf sich lenken will, sollte Abu Dhabi unterstützen. „Wir werden unser Ziel aggressiv anstreben“, sagte denn auch Sultan Al Jaber, Chef der staatlichen Betreibergesellschaft Masdars, bei der Bekanntgabe der Bewerbung im Januar.

Fünf Bewerber für Amt des Generaldirektors

Neben Bonn und Abu Dhabi hat Wien nur noch Aussenseiterchancen. Die Stadt an der Donau kann darauf verweisen, dass bei ihr mit der Opec als der Dachorganisation der ölexportierenden Staaten und der Atomenergieagentur bereits zwei grosse internationale Energiebehörden ihren Sitz haben, daneben UN-Organisationen wie die Organisation für industrielle Entwicklung (Unido). „Wir halten unsere Kandidatur aufrecht“, heisst es aus Wien.

Ein vierter Bewerber, Kopenhagen, hat sich bereits zurückgezogen. Dänemark unterstützt dafür offen Bonn. Ausserdem geht es mit einem eigenen Kandidaten ins Rennen um den ersten Generaldirektor. Hans-Jörgen Koch, Chef der dänischen Energieagentur, hat gemeinsam mit Scheer massgeblich an der Gründung Irenas mitgewirkt. Auch Frankreich, bisher kein Schwergewicht bei den erneuerbaren Energien, hat mit Hélène Pelosse eine leitende Beamtin des Umweltministeriums ins Rennen geschickt. Griechenland hat mit Arthouros Zervos den Präsidenten des Europäischen Rates für erneuerbare Energien aufgestellt, Spanien mit Juan Ormazabal Jordana den Chef des nationalen Zentrums für erneuerbare Energien. Auch Nigeria tritt mit einem eigenen Kandidaten an.

Geheime Wahl

Welche Stadt und welcher Kandidat am Montag das Rennen in Sharm el Sheik macht, ist offen. Bisher lasse sich keine Gruppenbildung ausmachen, sagt ein Diplomat. Über die Hälfte der Teilnehmerländer sind Entwicklungsländer in Afrika und Asien – also besonders anfällig für grosszügige Geschenke der Konkurrenten. Europa stellt zwar bisher 32 Mitglieder, geht aber nicht geeint nach Sharm el Sheik. Es fehlen auch grosse Länder wie die USA, China, Brasilien und Grossbritannien, die mit ihrem Einfluss die Wahl lenken könnten. Zudem ist die Wahl geheim. Am Ende könnte es daher auch Überraschungssieger geben – etwa Wien als lachenden Dritten zwischen Bonn und Abu Dhabi.

Deutschland jedenfalls hat in der vergangenen Woche zumindest indirekt nachgedoppelt. Gegen die 22 Milliarden Dollar aus Abu Dhabi haben deutsche Konzerne 400 Milliarden Euro, also mehr als das 20fache gesetzt. Soviel wollen sie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in Nordafrika investieren, um Sonnenstrom aus der Sahara nach Deutschland zu bringen. Da dürften auch andere Länder im Mittelmeerraum Lust bekommen, einen Teil der Investitionen zu sich ans Land zu ziehen.

 

Bild: In Bonn würde Irena im ehemaligen Regierungsviertel untergebracht werden, in unmittelbarer Nähe zum Sekretariat der UN-Klimarahmenkonvention

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