Die Stromproduzenten müssen sich stärker an den Bedürfnissen der Kunden orientieren, sagt Rolf Wüstenhagen. Vorbild wäre Google. Während sich bisher das Netz und die Verteilung des Stroms an der Produktion orientiert, sollte es sich künftig daran orientieren, was die Kunden brauchen. Der St. Galler Professor für das Management erneuerbarer Energien verweist auf die hohen Risiken von Investitionen in neue Kohle- und Atomkraftwerke.Steffen Klatt:Sie haben den ersten Lehrstuhl für das Management erneuerbarer Energien in Europa und wohl auch weltweit inne. Brauchen erneuerbare Energien ein anderes Management als andere Wirtschaftszweige?
Rolf Wüstenhagen:Erneuerbare Energien sind ein Megatrend, so wie es vor zehn Jahren das Internet gewesen ist. Wie vor zehn Jahren an der Universität das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement neu gegründet worden war, wurde nun der Lehrstuhl für das Management erneuerbarer Energien geschaffen. Steffen Klatt:Die erneuerbaren Energien wurden oft von sehr kleinen Unternehmen aufgebaut. Jetzt werden die Erneuerbaren zu einer Grossindustrie. Was heisst das für die Führung dieser Unternehmen? Rolf Wüstenhagen:Es gibt bei den erneuerbaren Energien eine Mischung aus Davids und Goliaths. Es gibt kleine Garagenfirmen und es gibt Grosskonzerne. Um auf den Vergleich mit dem Internet zurückzukommen: Bei solchen Umbrüchen ist es typisch, dass die grossen bestehenden Unternehmen eine Weile brauchen, bis sie den Trend erkennen und umsteuern können. Die erfolgreichsten Unternehmen sind heute im Internet eher solche, die in der Garage gestartet sind, wie Google und Amazon. Verwandte Themen| { 400 Milliarden für ein Sonnenbad, 16.06.09 } | | { Der Energiemix der Zukunft, 08.06.09 } | | { Solarbranche wartet auf die Banken, 27.05.09 } | | { Strombranche vor Hürden, 19.05.09 } | | { Europa vereint für Erneuerbare, 18.05.09 } | | { „Atomkraft löst Klimaproblem“, 07.05.09 } | | { Energie bestimmt globale Zukunft, 01.05.09 } | | { Erneuerbare verkannt, 26.03.09 } | | { Veränderung durch Konsum, 02.03.09 } | | { Ausstieg aus dem Ausstieg, 06.02.09 } | | { Erneuerbare in der Welt durchsetzen, 23.01.09 } | | { Kein Konsens bei der Kernkraft, 31.12.08 } | | { Erneuerbare machen Welt sicherer, 19.11.08 } | | { Obama setzt auf Erneuerbare , 07.11.08 } |
Steffen Klatt:Warum fällt des den grossen Unternehmen so schwer, auf neue Trends zu reagieren? Rolf Wüstenhagen:Die Schwierigkeit liegt in der sogenannten Pfadabhängigkeit: Die Investitionen von gestern bestimmen die Investitionen von morgen. Eine Garagenfirma hat nichts zu verlieren, wenn sie eine neue Technologie wie die Solarzellen einsetzt. Die bestehenden Unternehmen müssen immer abwägen, wie viel sie gewinnen können, indem sie in neue Technologien investieren, und wie viel sie damit bei den bestehenden Technologien verlieren. Die Kannibalisierung der heutigen Märkte stellt für bestehende Unternehmen eine grosse Sorge dar. Steffen Klatt:Werden die neuen Davids auch im Energiebereich die alten Goliaths verdrängen, wie das im Internet geschehen ist? Rolf Wüstenhagen:Das ist durchaus möglich. Bei der Herstellung von Windturbinen haben Sie heute einen ehemaligen David, Vestas, und einen alten Goliath, GE, an der Spitze... Steffen Klatt:General Electric hat bereits vor dem Ersten Weltkrieg den Markt beherrscht, damals zusammen mit der deutschen AEG... Rolf Wüstenhagen:Das ist ein Beleg für meine These, dass einige Goliaths die Kurve bekommen. GE ist 2002 mit dem Einstieg bei Enron Wind als eines der ersten Grossunternehmen in den Markt eingetreten. Andere wie Siemens und Alstom haben dafür viel länger gebraucht und machen entsprechend in diesem Bereich weniger Umsatz. Vestas dagegen hat sehr klein angefangen. Seine Stärke war die Fokussierung auf diese neue Technologie. Es gibt natürlich auch Davids, die auf der Strecke bleiben. Steffen Klatt:Wann scheitern Davids? Rolf Wüstenhagen:Das eine ist die Qualität des Managements: Wachsende Unternehmen brauchen die Fähigkeit, neue Mitarbeiter zu integrieren und Verantwortung zu delegieren. Es braucht auch das richtige Produkt. Wenn man schnell wächst, kann ein technischer Fehler einem Unternehmen das Genick brechen. Wichtig ist auch die Kapitalausstattung. Unternehmen mit dünner Kapitaldecke haben es schwerer, Krisen zu überwinden. Das sieht man jetzt auch in der Solarbranche. Steffen Klatt:Eine Gruppe von deutschen Konzernen will 400 Milliarden Euro in die Produktion von Solarstrom in Nordafrika investieren. Wechseln damit die Goliaths auf die Überholspur? Rolf Wüstenhagen:Die Initiative ist begrüssenswert. Das zeigt, dass erneuerbare Energien in bestimmten Bereichen wettbewerbsfähig sind. Gerade Unternehmen wie RWE mit vielen Kohlekraftwerken scheinen erkannt zu haben, dass ein grosser Ausstoss an Kohlendioxid auch ein finanzielles Risiko darstellt. Die Initiative zeigt aber auch die Tendenz, selbst bei neuen Technologien in solche Bereiche zu gehen, die den alten Technologien ähneln. Die grossen Konzerne denken an grosse Kraftwerke. Es fällt ihnen schwerer, in kleinere, dezentrale Einheiten zu investieren. Steffen Klatt:Welche Art von Energiegewinnung hat Zukunft: die grossen Solarkraftwerke in Nordafrika und Windparks in der Nordsee oder die Photovoltaikanlagen zuhause auf dem Dach? Rolf Wüstenhagen:Wir werden ein Nebeneinander beider Arten haben. Beides hat seine Vorteile. In der Sahara gibt es mehr Sonne, daher ist es sinnvoll, das auszuschöpfen. Auf der anderen Seite bringt das Transportkosten und eine erneute Abhängigkeit von einer Weltregion, von der man schon heute abhängig ist. Die dezentrale Variante hat den Vorteil, dass der Strom da hergestellt wird, wo er gebraucht wird. Die Produktionskosten sind tendenziell höher, dafür spart man den Transport. Ausserdem gibt es positive Nebenwirkungen wie die Minderung von Importrisiken, aber auch die Bewusstseinsbildung vor Ort. Steffen Klatt:Was heisst das für die Steuerung von Strom? Heute gibt es grosse, zentrale Kraftwerke nahe den Verbrauchern. Künftig gäbe es grosse, zentrale Kraftwerke weit weg und zugleich viele kleine Anlagen in der Nähe. Wer garantiert den gleichmässigen, stetig verfügbaren Strom, den wir gewohnt sind? Rolf Wüstenhagen:Im Internet macht das Google bereits. Google hat es geschafft, Geld zu verdienen mit Dingen, die in der Sichtweise der alten Ökonomie viel zu klein waren, etwa mit Anzeigen, bei denen man nur einige Cents für ein paar Klicks verdient. Ein starker Markenname integriert diese vielen kleinen Cent-Geschäfte. Mit anderen Worten: Kleinvieh macht auch Mist. Steffen Klatt:Braucht es also einen Google der erneuerbaren Energien?
Rolf Wüstenhagen:Ja. Steffen Klatt:Welches Unternehmen wäre dafür der geeignete Kandidat? Rolf Wüstenhagen:Das kann einer der bisherigen Energieversorger sein, insbesondere auch die Stadtwerke. Das können auch Unternehmen der Solarbranche sein. Hier muss ein Umdenken stattfinden von der Herstellung von fassbaren Produkten in der Hoffnung, der Kunde werde sie schon kaufen, hin zur konsequenten Kundenorientierung. Ein dritter Kandidat wäre ein Unternehmen wie Google, das seine Fähigkeiten aus dem IT- oder Telekommunikations-Bereich auf den Energiebereich überträgt. Steffen Klatt:Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz wird über die Erneuerung von Kohle- und Kernkraftwerken diskutiert, also über Grossinvestitionen, welche die Stromproduktion auf Jahrzehnte hinaus in den alten Pfaden halten würden. Ist das angesichts des rasanten Wachstums der erneuerbaren Energien eine absurde Diskussion? Rolf Wüstenhagen:Das Interesse der heutigen Stromproduzenten, ihr bestehendes Geschäft nicht zu kannibalisieren, ist nachvollziehbar. Für die Gesellschaft als Ganze bietet sich aber jetzt die Chance, aus den nicht erneuerbaren Energien auszusteigen. Wir müssen das früher oder später ohnehin tun. Wenn wir damit noch eine oder zwei Generationen warten, dann wird dieser Ausstieg wahrscheinlich schwieriger und teurer. Steffen Klatt:Sie plädieren also gegen die Erneuerung von Kohle- und Atomkraftwerken? Rolf Wüstenhagen:Der Umstieg auf erneuerbare Energien muss kommen, diese Einsicht wächst in immer weiteren Bevölkerungskreisen. Es ist letztlich eine Frage des gesellschaftlichen Mutes, ob wir das jetzt beherzt anpacken - oder ob wir durch weiteres Zuwarten eine noch grössere Herausforderung für unsere Kinder hinterlassen.
Zur Person: Rolf Wüstenhagen hat den Lehrstuhl für das Management erneuerbare Energien an die Universität St. Gallen inne. Dieser erste Lehrstuhl zu diesem Thema an einer führenden europäischen Wirtschaftsuniversität wird von Good Energies finanziert, einer der grössten Beteiligungsgesellschaften im Bereich der erneuerbaren Energien. Der Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St. Gallen ist Experte im Bereich des Energie- und Nachhaltigkeitsmanagements. Er war Gastprofessor an der Universität von British Columbia in Vancouver und an der Copenhagen Business School. Wüstenhagen ist Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungskommission und einer der Leitautoren des Sonderberichts zum Beitrag erneuerbarer Energien zum Klimaschutz, der derzeit vom Weltklimarat erarbeitet wird.
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