400 Milliarden für ein Sonnenbad

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Günther Bading, Madrid 16.06.09
Bookmark and Share
Stichworte:           

Solarkraftwerk, MAN FerrostaalDie bisher grösste Einzelinvestition für ein Energieprojekt soll Solarstrom aus der Sahara nach Europa bringen. Ein Firmenkonsortium unter Führung des Versicherers Münchener Rück will 400 Milliarden Euro in Solarstromprojekte in der nordafrikanischen Wüste investieren. Das Potential für solarthermische Kraftwerke reicht für ganz Europa aus.

Algeriens Energieminister Chakib Khelil nahm sich am Montag viel Zeit für eine spanische Wirtschaftsdelegation, um über Zusammenarbeit auf dem Energiesektor zu sprechen. Schliesslich ist Spanien Transitland für algerische Energieexporte, vor allem Gas, über die Maghreb-Europa-Pipeline durch Marokko und durch die neue Tiefseeröhre nach Almería, in den nächsten Wochen fertig wird. Über Elektrizität sprachen die Herren in Algier nicht. Niemand konnte wissen, dass am nächsten Tag eine Pressemitteilung der Münchener Rück alle energiepolitischen Pläne für Nordafrika über den Haufen werfen sollte. 400 Milliarden Euro (600 Milliarden Franken) wollen mehrere deutsche Grosskonzerne in Solarstrom aus der Sahara investieren. Noch nie wurde eine so gewaltige Summe für ein einzelnes Energieprojekt aufgebracht, geschweige denn für eines zur Erzeugung von Öko-Strom.

Gründungsversammlung am 13. Juli

Am 13. Juli soll das Konsortium in München gegründet werden, teilte der Versicherer Münchener Rück mit. Dabei werden wohl die Stromriesen E.ON, RWE und Siemens sein. Auch ausländische Unternehmen haben schon Interesse bekundet. Zur Gründungsversammlung werden neben Firmenvertretern Politiker und Experten erwartet, auch von der EU, aus Algerien, Marokko und anderen Maghreb-Staaten.

Die technischen Grundfragen scheinen geklärt. Mit einem Kostenaufwand von rund 350 Milliarden Euro sollen solarthermische Kraftwerke gebaut werden. Anders als bei der Photovoltaik wandeln diese das Sonnenlicht nicht direkt in Strom um. Die Sonnenenergie wird mit gewaltigen Parabolspiegeln eingefangen, auf einen zentralen Turm projiziert, wo ein spezielles Öl auf 400 bis 1000 Grad erhitzt wird, das dann Wasser erhitzt, Dampf erzeugt, der Stromgeneratoren antreibt. Solche Anlagen gibt es schon in Kalifornien und Südspanien. In Nordafrika sollen die Kraftwerke unter dem Namen „Desertec” laufen.

45 mal 45 Kilometer für ganz Deutschland

Über den Wirkungsgrad solcher Anlagen zeigte sich der Vorstandschef der Münchener Rück, Torsten Jeworrek, begeistert. Er wurde mit den Worten zitiert: „Das ist keine ferne Vision sondern realisierbare Technologie.” Und Partner Siemens machte eine Rechnung auf, um das Sonnenpotential in der nordafrikanischen Wüste vor Augen zu führen: Mit einer Anlage von „nur” 300 mal 300 Kilometern, dicht bestanden mit Parabolspiegeln, liesse sich der Strombedarf der ganzen Welt decken.

Fachleute mögen es bescheidener. So hat Professor Michael Düren von der Universität Giessen gerade erst in der vergangenen Woche bei SEPA 2009, dem 2. Giessener Workshop zur SolarEnergiePartnerschaft mit Afrika, gesagt, dass eine mit der entsprechenden Technologie bebaute Fläche von 45 mal 45 Kilometern ausreiche, um den gesamten Elektrizitätsbedarf Deutschlands zu decken. Düren ist Mitglied der Desertec Stiftung, die unter dem Motto „Saubere Energie aus der Wüste” antritt und mit der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome arbeitet. Der nächste Workshop zum Thema könnte in Afrika stattfinden, hiess es auf der Giessener Tagung, an der auch Vertreter aus Senegal, Namibia und Kenia teilnahmen.

Europa setzt auf Nordafrika

Das geplante Projekt des Konsortiums unter Führung der Münchener Rück allerdings konzentriert sich auf Nordafrika. Politisch angedacht war eine solche Energiekooperation schon in der vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy vor einem Jahr vorangetriebenen Mittelmeerunion. Die Entscheidung über das 400 Milliarden-Projekt ist nicht allein technischer oder wirtschaftlicher Natur. Es ist auch eine politische Entscheidung, weil nur Standorte in politisch stabilen Ländern in Frage kommen. Darauf machte der Chef der grössten deutschen Solarfirma, Franz Asbeck gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters aufmerksam. Der Chef von Solarworld sagte: „Baut man die Solarkraftwerke in politisch instabilen Ländern, bringt man sich in die gleiche Abhängigkeit wie beim Öl.”

Algerien und Marokko sind zwar zweifellos politisch stabil, haben aber immer wieder Probleme mit islamistischen Terroristen. Die einstige algerische Salafistengruppe für bewaffneten Kampf hat sich mit Extremisten aus Marokko zusammengeschlossen zur Al Kaida des islamischen Maghreb. Erst in der vergangenen Woche waren wieder Bomben in Ost-Algerien detoniert und Menschen getötet worden. Die riesigen Gasförderanlagen Algeriens in der Sahara aber sind gut geschützt und blieben bisher vor Anschlägen verschont.

Transport mit Gleichstrom

Ein weiteres Problem ist der Transport des in der Sahara erzeugten Stroms nach Europa. Transportiert werden soll der Strom mit Gleichstromleitungen, weil bei diesen der Verlust wesentlich geringer als bei Wechselstromleitungen ist. Dafür gibt es ebenfalls seit vielen Jahren Pläne, aber meist noch keine Planungen. So berichtete die stets gut informierte algerische Zeitung „El Watan”, dass eine Gleichstrom-Fernleitung gebaut werden solle, von der algerischen Wüste über Italien und die Schweiz nach Deutschland, wo sie in Aachen enden solle. Die Leitung solle für 6000 Megawatt ausgelegt werden und von der Firma New Energy Algeria (Neal) und der staatlichen Firma Sonatrach realisiert werden. Die Meldung ist einige Monate alt. Aufgefrischt wurde sie bisher nicht. Allerdings konnte der Schweizerisch-schwedische Anlagenbauer ABB im vergangenen September ein 580 Kilometer langes Gleichstrom-Starkstromkabel zwischen Norwegen und den Niederlanden seinem Betrieb übergeben. Es ist das bisher längste Unterwasser-Starkstromkabel der Welt.

 

Bild: So könnte ein Sonnenkraftwerk in der Sahara aussehen (MAN Ferrostaal).

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren