Ein Leben ohne zwischen dem Eigenheim und dem Arbeitsplatz mit dem Auto zu pendeln oder mit dem Auto zum Einkaufen in einem Zentrum weit draussen auf der grünen Wiese zu fahren schien für Amerikaner undenkbar. Die Krise lässt umdenken. Amerikas Innenstädte sollen wiederbelebt werden.
Zu Fuss zum Einkaufen in der Innenstadt, mit Bus oder Bahn zur Arbeit, das Auto in der Garage lassen, bis man eine längere Strecke fährt – für Amerikaner ist das eine Utopie. Man wohnt weit ausserhalb der Städte, fährt zwei Stunden mit dem Auto zur Arbeit und wieder zurück. Zum einkaufen fährt man in eine „Mall“, ein Einkaufszentrum weit draussen vor der Stadt. Das ist so seit den 50er Jahren, als die USA zur Autofahrernation Nummer eins in der Welt wurden. Jetzt setzt, noch langsam aber spürbar, ein Umdenken ein. Ausgelöst wurde das nicht zuletzt durch die Wirtschaftskrise, die einiges in der amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft durcheinander wirbelt. Zauberwort „nachhaltiges Wachstum“ Der Zusammenbruch des Immobilienmarktes hat den Amerikanern vor Augen geführt, wie unsinnig es ist, reihenweise Einzelhäuser weit weg von den Städten zu bauen. In den Gemeinden beginnt man sich jetzt intensiv mit Stadtplanung zu befassen. Das läuft unter dem Stichwort „smart growth“, nachhaltiges Wachstum, und soll die Menschen aus ihren Autos auf die Bürgersteige und in den öffentlichen Personennahverkehr bringen. Befürworter des „smarten Wachstums“ setzen auf europäische Städte als Vorbild. Bliebe man bei dem bisherigen ungezügelten Wachstum in die Fläche, so müssten die Steuerzahler höhere Kosten für Strassenbau, andere Infrastruktur und öffentliche Dienste tragen, die unerlässlich sind, um die weit verstreuten Siedlungen untereinander und mit den Städten zu verbinden. „Wenn sie mit jemandem darüber sprechen, was er sich für seine Enkel im Grossraum Boston wünscht, dann wird er ihnen sagen, dass er mit den Enkeln in der Innenstadt spazieren gehen möchte“, sagt Amy Cotter. Sie gehört zum Planungsstab des Metropolitan Area Planning Council (MAPC) von Boston, einer halbstaatlichen Planungsbehörde. Die soll die Entwicklung in mehr als 100 Randgemeinden rund um Boston an der amerikanischen Nordostküste kontrollieren. Leben in die Innenstädte bringen „Wir müssen in die Revitalisierung investieren“, sagt Cotter. „Wir brauchen langsame Entwicklung, gemischte Nutzung (Wohnen und Geschäfte), die eigentlich für unsere beliebten Innenstädte in New England charakteristisch sind.“ Die MAPC-Mitarbeiter bedrängen den Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, mehr Abgaben von den Bürgern für die Infrastruktur zu verlangen, Anreize zum Bau von Häusern nahe den Vorortbahnhöfen zu geben und das Bauen auf bisher unbebautem Land zu verbieten. Patrick ist der einzige schwarze Gouverneur der USA und ein wichtiger politischer Verbündeter von Präsident Barack Obama. Ähnliche Initiativen wie in Boston gibt es in Kalifornien, New York und New Jersey, den am dichtesten bevölkerten Staaten in den USA. „Die Menschen wollen in den Innenstädten leben und dort Dienstleistungen und Annehmlichkeiten vorfinden“, argumentiert Cotter. „Das ist nicht nur kostengünstiger für sie, sondern auch für die Stadt. Man denke nur an die immer weiter werdenden Wege bei der Wasserversorgung oder der Müllabfuhr.“ Gebaut wird, was ankommt Bauunternehmer stellen sich meist mit dem Argument gegen das „nachhaltige Wachstum“, dass dieses viele zu viele Regulierungen mit sich bringe. „Wir bauen, was die Leute wünschen“, sagt Mark Kablack, Anwalt des Bauherrenverbandes von Massachusetts. „Bauen und Entwickeln ist ein Geschäft. Man baut nur Sachen, die die Menschen auch attraktiv finden.“ Allerdings erkennt auch Kablack an, dass eine Neuformulierung der städtischen Entwicklungspolitik angesichts immer knapper werdender Bauflächen angebracht ist. „Wir brauchen mehr Wohnraum in unserem Staat. Es gibt dringenden Bedarf dafür. Und den können wir nur durch verdichtetes Bauen schaffen.“ Boston wächst und wächst Nach Angaben von MAPC werden bis 2030 rund 550.000 neue Bürger in Boston leben oder auf Wohnungssuche sein, eine Steigerung um 13 Prozent. Auch wenn das Bevölkerungswachstum in den USA nur halb so gross sein sollte, wie heute erwartet, so wären immer noch 350.000 zusätzliche Wohnungen nötig. Diese Bevölkerungszunahme würde mit 300.000 neuen Arbeitsplätzen in Gross-Boston einhergehen, eine Zunahme um 12 Prozent gegenüber heute. Verwandte Themen| { Zürich will ein Juwel, 09.06.09 } | | { Die Ökostadt am Schwarzwald, 05.06.09 } | | { Der Bauernhof im Hochhaus, 26.05.09 } | | { Obama wird zum Eisenbahnpionier, 18.04.09 } | | { Obamas färben Amerika grün, 08.04.09 } | | { Städte sind grüner, 27.03.09 } | | { Kopenhagen wird klimaneutral, 19.03.09 } | | { Stadtlandschaft statt endloser Brei, 16.02.09 } | | { Auf kleinerem Fuss leben, 13.02.09 } | | { Dicht und gemischt, 21.10.08 } |
Aus heutiger Sicht sei unklar, wo diese neuen Wohnungen entstehen könnten, sagt MAPC-Direktor Marc Draisen. Schliesslich seien die Vororte schon ziemlich zugebaut. Schliesslich werde im Raum Boston schon seit dem 17. Jahrhundert intensiv gesiedelt. Im Moment ruhe die Bautätigkeit wegen der Krise. „Aber sie wird wiederkommen. Diese Wohnungen werden gebraucht werden. Diese Jobs werden gebraucht werden. Es ist entscheidend, dass wir eine verbesserte Infrastruktur haben.“ Millionen mehr in Kaliforniens Bay Area Boston ist nur ein Beispiel für ähnliche Entwicklungen überall in den Vereinigten Staaten. Die Bevölkerung der Bay Area in Kalifornien, mit San Francisco, Oakland und San Jose im Silicon Valley, soll bis 2035 um zwei Millionen Menschen und 1,7 Millionen Arbeitsplätze wachsen, berichtet Jeremy Madsen von der Umweltgruppe Greenbelt Alliance. Wenn die kalifornische Staatsregierung die Entwicklungsgesetze verändern würden, dann könnten 80 Prozent dieser Menschen in rehabilitierten Gebieten wohnen und arbeiten statt in neu erbauten Trabantenstädten. Madsen forderte die Regierung auf, Neubauten in Gebiete zu lenken, wo Einkaufszentren leer stehen oder Grossparkplätze chronisch leer stehen. „Es geht darum, dieses Wachstum zu nutzen, um bessere Wohnsiedlungen zu schaffen, umgeben von der einzigartigen Schönheit des naturbelassenen Landes der Bay Area“, sagt Madsen. „Wir müssen uns auf die Gebiete konzentrieren, wo es schon Jobs und Shops gibt und Dienstleistungen. Wir müssen nicht in unbebautes Land ausweichen.“ Lebe, wo Du arbeitest San Joses Bürgermeister Chuck Reed spricht sich für eine Art nachhaltigen Bauens aus, das den Charme des ländlichen Charakters erhält, für den das Silicon Valley berühmt ist, obwohl dort das Herz der amerikanischen Computerindustrie schlägt. Man müsse Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum eben mit dem Erhalt der natürlichen Umwelt in Einklang bringen. In New Jersey hat die Staatsregierung das Bauen im Tal des Delaware Flusses gestoppt, einer der letzten unberührten Naturlandschaften im Westen des Bundesstaates. Auch ist in New Jersey ein Programm aufgelegt worden: Lebe, wo du arbeitest. Wer in der Nähe seines Arbeitsplatzes bauen will, erhält staatliche Hilfen. Damit soll das weit verbreitete Langstrecken-Pendeln zwischen New York City und Philadelphia eingeschränkt werden. „Dieses Programm macht in der heutigen Wirtschaftslage viel Sinn, denn es verkürzte die Pendler-Zeit, und das ist auch ein Weg, um zu sparen“, sagt Marge Della Vecchia von der Haus- und Hypothekenagentur in New Jersey. Auto-Nation seit den 50ern Das Problem mit den weit verstreuten Vororten in den USA hat zwei Ursachen. Der Wandel der amerikanischen Gesellschaft zur Autofahren-Nation in den 50er Jahren erlaubte den Menschen, weit ab von ihren Arbeitsplätzen zu wohnen. Seither sind die Innenstädte in den USA zunehmend entvölkert worden. Alle Welt zog ins Grüne. Die teure Infrastruktur in den Städten ist vorhanden, wird aber nicht mehr ausgelastet. Zum zweiten hat die Philosophie des Freien Marktes in den USA die Verwaltungen zögern lassen, den Grundbesitzern allzu viele Bauvorschriften zu machen. Im Vergleich zu Europa gibt es nur wenige Vorschriften, ob ein Grundstück nur für Wohnungsbau oder auch für ein Unternehmen genutzt werden darf, welche Infrastruktur vorhanden sein muss und ähnliche Dinge. MAPC-Direktor Marc Draisen tritt für das Recht der Gemeinden ein, die Baugesellschaft voll für die Erschliessungskosten zur Kasse zu bitten sowie für die notwendige Infrastruktur einschliesslich der Schulen, des teuersten Brockens bei der Gemeindeentwicklung. Die Rechtslage verbiete vielen Gemeinden ein solches Vorgehen. Needham soll leben In Needham, einer Gemeinde 25 Kilometer von Boston entfernt, hatten die Stadtväter nur Bauten mit zweieinhalb Stockwerken genehmigt. Nun aber hat die Bevölkerung in einer Abstimmung durchgesetzt, dass auch höher gebaut sowie aufgestockt und so der Stadtkern besser genutzt werden kann. Ohne diese neue Möglichkeit könnte Needham nicht genügend Menschen beherbergen, um all die Einrichtungen der kleinen Stadt, von Restaurants und Cafés über Einkaufsläden und Souvenir-Shops zu erhalten. Die erwirtschaften einen Grossteil des Steueraufkommens der Gemeinde. Der Stadtkern von Needham soll leben, haben die Bürger beschlossen. Darum wird alles getan, um die innerstädtischen Angebote zu erhalten, einen Bummel zu Fuss durch Needham attraktiv zu machen und ein fast europäisch anmutendes Stadtleben zu sichern. Jennifer McKnight vom Planungsausschuss der Gemeinde Needham ist sicher, dass der Originalcharakter von Needham erhalten bleibt. „Ich sehe das so, dass wir in die Zeit vor der Autofahrergesellschaft zurückgehen, beinahe in die Zeit der (vorvergangenen) Jahrhundertwende.“ Bild: Amerikanische Städte sollen europäischen Charakter bekommen. Boston ist am Weitesten fortgeschritten. Hier das Harvard-Square. (MAPC)
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