Krise nagt an Kunststiftungen

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 12.06.09
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Die Schweizer Kunstszene verdankt ihre Vielfalt auch der lebendigen Stiftungslandschaft. Ob sich hieran etwas ändert, hängt vom Willen auch kleinerer Stiftungen ab, sich zu professionalisieren. Geschätzte 20 Prozent der Vermögen sind der Krise zum Opfer gefallen.

Kunst braucht Leidenschaft. Auch in der Förderung. Und Leidenschaft ist zum Glück nicht rational. Für Georg von Schnurbein, Leiter des Ende November gegründeten Centre for Philanthropy Studies (CEPS) an der Universität Basel, ist das einer der Gründe, weshalb Kunststiftungen in der Schweiz einen grossen Beitrag zur Vielfalt leisten: „Sammler handeln nicht immer rational, wobei das Budget einer öffentlich-verwalteten Sammlung nach Konsens-Kriterien ausgegeben wird. Kunststiftungen fördern spannende Nischen.“ Die Krise hat jedoch auch das Vermögen der Stiftungen stark angegriffen: Laut von Schnurbein sind schätzungsweise 20 Prozent der Vermögen zum Opfer gefallen.

Staat kann Stiftungen nicht ersetzen

Schwere Zeiten für Museen

„Für viele traditionelle Museen war 2008 tatsächlich ein extrem schwieriges Jahr“, bestätigt Björn Quellenberg vom Kunsthaus Zürich. „Wir hatten einen Besucherrückgang von fast 30 Prozent. Trotz spannender Ausstellungen ist es eine schwierige Zeit, Leute ins Museum zu locken. Es reicht nicht mehr aus, einfach grosse Namen wie Giacometti, Picasso oder Chagall zu präsentieren.“

Die Art Basel scheint alles richtig zu machen und krisenresistent. „Die Verkäufe laufen ausserordentlich gut und deutlich besser als erwartet“, sagt Medienchefin Maike Cruse. Und die Art Basel wird durch zahlreiche Rahmenveranstaltungen und exklusive Partys zu einem vier-tägigen Megaevent. Und genau hiermit treffen die Veranstalter den Nerv der Zeit. Eventcharakter hat auch die Van-Gogh-Ausstellung in Basel. „Das Publikum möchte etwas Einmaliges erleben, für das es sich lohnt, Geld auszugeben. Ein Highlight wie die Van Gogh Ausstellung trifft genau dieses Bedürfnis“, so der Basler Kulturproduzent Thomas Dürr.
Aufwändige und kostspielige Ausstellungen können aber nur mithilfe von Sponsoren realisiert werden. Ob dies auch in naher Zukunft so sein wird, ist fraglich. Auch bei Museen, wie dem Bündner Kunstmuseum, das zu einem Teil aus Sponsoringbeiträgen finanziert wird, ist dieser Trend unübersehbar. Beat Stutzer, Direktor des Bündner Kunstmuseums: „Wir spüren die Krise weniger in den Besucherzahlen, denn mehr bei den rückläufigen Sponsorenbeiträgen.“

Exakte Daten darüber, wieviele Franken die cirka 200 Kunststiftungen in der Schweiz verwalten und ausschütten, gibt es nicht. Doch ihr Beitrag ist beträchtlich. Die Kunstförderer der öffentlichen Hand von Pro Helvetia befürchten harte Zeiten: „Wenn man davon ausgeht, dass die Schweizer Vermögen wegen der Krise um ein Drittel gesunken sind, dann wird ein Drittel der privaten Gelder fehlen, das entspricht etwa 100 Millionen oder 5 Prozent der Kulturfinanzierung in der Schweiz insgesamt. Das werden wir in Form von mehr Gesuchen zu spüren bekommen, auch wenn wir die Mittel nicht haben“, so Pro Helvetia-Direktor Pius Knüsel. Per Definition unterstützt die öffentliche Kulturstiftung nur Kunstprojekte, die bereits weitere Förderer gefunden haben. Als Impulsgeber sind somit private Stiftungen unabdingbar.

Geldmittel sind endlich

Es gibt traurige Beispiele für Kunststiftungen, deren Geld schnell geschwunden ist. 50 Millionen Schweizer Franken steckte die erste Stifterin der Schweiz Lydia Welti-Escher 1890 in ihre Gottfried-Keller-Stiftung, die Kunstwerke angeschaffen und Museen zur Verfügung stellen sollte. Die öffentliche Hand verwaltete und verlor in den ersten 15 Jahren die Hälfte des Vermögens. Für Kunsthistoriker Franz-Josef Sladeczek, den Mitautor des aktuell erschienenen „Handbuch zur Kunststiftung für den Sammler, Künstler und Kunstliebhaber“ nur ein Beispiel dafür,  wie endlich Mittel auch von Stiftungen sind. 
Doch Stiftungen haben sich in den vergangenen Jahren während des Kunstbooms um Professionalisierung bemüht. Zumindest die grossen. Experte von Schnurbein: „Institutionen wie die Ernst-Göhner-Stiftung, die Fondation Sandoz oder andere grosse wird die Krise kaum etwas anhaben. Sie haben sich stark unternehmerisch entwickelt und konnten Reserven anlegen. Bei kleineren Stiftungen sieht das anders aus.“

Stiftungen werden zu Effizienz gezwungen

Dass einige Institutionen auf der Strecke bleiben, glaubt Linda Zurkinden-Erismann vom Schweizer Stiftungszentrum. Sie will die Krise jedoch als Chance zur Professionalisierung sehen. Jetzt seien alle Institutionen zu Risikomanagement gezwungen. „Die Organisation, Förderungspolitik und auch die Versicherung der Gegenstände wird überdacht. Stiftungen werden effizienter aus der Krise hervorgehen.“ Der falsche Weg sei ihrer Meinung nach, nun blind auf die Kostenbremse zu treten. „Mein Wunsch ist, dass die Stiftungen gerade auf der Art Basel sind und Kunst zukaufen.“

Bei Basel fungiert unter anderem die weltweit bekannte Fondation Beyeler als Beispiel, wie erfolgreich gewirtschaftet werden kann. Vor zwei Jahren hat sie ihr Museum in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und dieses finanziert sich mittlerweile zu 70 Prozent selbst. Keine Spur von Besucherschwund, wie ihn einige öffentliche Museen beklagen. Pressesprecherin Catherine Schott: „Im ersten Quartal dieses Jahres hatten wir doppelt so viele Besucher wie vor einem Jahr.“ Bei diesen Ergebnissen wird keines der ambitionierten Förderungs- oder Ankaufs-Projekte auf Eis gelegt.

Krise wird nicht schaden

Laut einer Untersuchung von Barclays Wealth und der britischen Economist Intelligence des letzten Jahres wird es in zehn Jahren in der Schweiz so viele Millionäre geben, sodass das Land in der Weltrangliste auf Platz drei rutscht. Die Zukunft vor der Krise sah für die Schweizer Stiftungslandschaft demnach rosig aus. Doch selbst wenn die Krise die Stiftungslandschaft durcheinander wirbeln sollte, so wird es laut der Experten zu keinem Stiftungssterben kommen. Zudem sagt Pro Helvetia-Direktor Knüsel: „Kunst gewinnt in Krisen erfahrungsgemäss an Wesentlichkeit. Katastrophen stimulieren die Phantasie.“ Irrationale und leidenschaftliche Sammler freuen sich darauf.

 

Bild: Fondation Beyeler/Serge Hasenböhler

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