Der steigende Ölpreis könnte ein überraschendes Zeichen für ein Ende der Krise sein. Doch allein Hoffnung und Spekulationen scheinen den Preis in die Höhe zu treiben. Experten bestätigen: Die Wirtschaftsaussichten sind weiterhin düster.
Das Gesetz von Angebot und Nachfrage scheint dieser Tage der Ölpreis außer Kraft gesetzt zu haben: Trotz der weltweiten Rezession und Rekord-Lagerbeständen steigt der Preis für das „schwarze Gold“ stetig und kratzt an der Marke von 70 Dollar pro Fass. Somit ist der Rohstoff ist mehr als das doppelt so teuer als noch Mitte Dezember, als der Preis für ein Fass bei 32 Dollar lag. Allein im Mai stieg der Ölpreis um 30 Prozent. Der Rekordpreis für Öl lag im vergangenen Juni bei 147 Dollar je Fass. Zeichen für ein Krisenende?Für diese Entwicklung machen Experten mehrere Faktoren verantwortlich: Starke Nachfrage aus China und Indien, eine strikt eingehaltene Produktionsdrosselung der OPEC- und anderer führender Öl-Staaten, der schwache Dollar, der traditionell den Ölpreis nach oben treibt sowie mögliche Anzeichen einer Erholung oder zumindest eines absehbaren Erreichens der Talsohle in den USA. Die Veröffentlichung weniger schlechter Arbeitsmarktdaten in den USA Anfang Juni führte umgehend zu einem Preisanstieg. Man kann es als Zeichen dafür verstehen, dass sich Marktbeobachter fast verzweifelt an jedes Anzeichen des vielbeschworenen „grünen Triebs“ der Erholung klammern. „Es scheint, dass sich die Bedingungen auf den Finanzmärkten deutlich verbessern“, sagt Paul Dales von der Research-Firma Capital Economics. Amrita Sen von der Londoner Barclays Capital attestiert: „Es gibt Zeichen, dass das Schlimmste wahrscheinlich vorbei ist.“ Den scharfen Preisanstieg hat zuletzt noch eine Einschätzung von Goldman Sachs zusätzlich befeuert. Die Investmentbank rechnet damit, dass der Ölpreis bis Ende 2010 auf bis zu 95 Dollar steigen wird. Andere freilich widersprechen: „Es ist schwierig, in den realen Daten irgendetwas zu entdecken, das diese Einschätzung unterstützt“, sagt Michael Lynch, Präsident von Strategic Energy & Economic Research. Andere drücken es noch drastischer aus. Victor Shum von der Beratungsfirma Purvin & Gertz: „Der Markt stürzt sich auf ein paar Krumen guter Nachrichten und ignoriert die Fundamentaldaten zu Angebot und Nachfrage.“ Diese unterstützen tatsächlich kaum einen scharfen und fortgesetzten Anstieg des Ölpreises: In den USA ist die Nachfrage auf dem niedrigsten Niveau seit elf Jahren und die US-Energy Information Agency sagt für die Welt in diesem Jahr mit 83,67 Millionen Barrel pro Tag den geringsten Verbrauch seit fünf Jahren voraus. Gleichzeitig befinden sich die Lagerbestände auf dem höchsten Stand seit 21 Jahren: Nach Angaben von Nobuo Tanaka, dem Präsidenten der International Energy Agency (IEA) mit Sitz in Paris, bleibt der Trend bestehen. Für Marktbeobachter bedeutet dies, dass die Einschätzung „weiter extrem bearish“ und somit negativ bleibt. „Vor Jahresende sehe ich kein Gleichgewicht im Markt“, sagt Tanaka. Die OPEC erklärte Anfang Juni: „Die Nachfrage ist schwach und wird schwach bleiben.“ Spekulanten treiben den PreisDass die Preise dennoch steigen, dafür machen einige nun wieder Spekulanten und Hedgefonds verantwortlich, die heute Öl in der Erwartung kaufen, dass es zu einem vereinbarten Termin in der Zukunft noch wesentlich teurer sein wird. Ein Beispiel: Wer am 1. März ein Fass Leichtöl kaufte, zahlte 40,15 Dollar. Der Terminkontrakt für zwölf Monate aber betrug 50,26 Dollar. Nehmen wir an, ein Käufer borgte sich 80 Prozent des Betrags, mit dem er Öl kauft, zu einem Zinssatz von drei Prozent, schloss einen solchen Terminkontrakt und zahlte 50 Cent im Monat pro Fass an Lagergebühren: In diesem Fall machte er immer noch 3,15 Dollar Gewinn pro Barrel, eine Rendite von stolzen 39,2 Prozent. Furcht vor der nächsten BlaseManche sehen hier bereits die nächste Spekulationsblase wie in den vergangenen Jahren am amerikanischen und britischen Immobilienmarkt entstehen. „Die Bewegung allein wird zu einer Rechtfertigung zu kaufen, nicht die Fundamentaldaten“, sagt Stephen Schork, Herausgeber eines Energie-Newsletters. Andere halten diese Art von Geschäften nicht für preisbestimmend, dafür sei ihr Volumen schlicht zu unbedeutend. „Auf lange Frist betrachtet, verstärken Hedgefonds vielleicht Auf- oder Abwärtsbewegungen, aber sie lösen sie nicht aus“, sagt Stephen Roach von Morgan Stanley. Sein Kollege Hussein Allidina ergänzt: „Im Nebel der gegenwärtigen wirtschaftlichen Ungewissheit scheinen Rohstoffe für viele eine der wenigen sicheren Anlageformen.“ Bild: Marlin Semi-Sub-Plattform im Golf von Mexiko (BP)
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