Claudia Kohlus:Sie gelten als „Vater des Energieausweises“. Was war Ihr Antrieb, sich diesem Thema so intensiv zu widmen? Gerd Hauser:Als Vorsitzender der Gesellschaft für rationelle Energieverwendung habe ich nach Möglichkeiten gesucht, die vorhandenen Techniken und Kenntnisse zur Steigerung der Energieeffizienz auch in die Praxis umzusetzen. Hierfür ist der Energiepass ein hervorragend geeignetes Instrument, da er für den entsprechenden Bereich Informationen liefert und Motivation gibt, Modernisierungsmassnahmen umzusetzen. Claudia Kohlus: Vermieter und Verkäufer haben bei Gebäuden mit mehr als fünf Wohneinheiten die Möglichkeit, zwischen zwei Varianten zu wählen. Zum einen gibt es den Bedarfsausweis, der von Fachleuten erstellt wird. Zum anderen gibt es den Verbrauchsausweis, der den Energieverbrauch der letzten drei Jahre ermittelt und deutlich kostengünstiger ist. Verbraucherverbände fordern, den weniger aussagekräftigen Verbrauchsausweis abzuschaffen. Was meinen Sie dazu? Gerd Hauser: Ich stimme diesen Forderungen voll zu. Bei der Erarbeitung des Energiepasses hatten wir niemals an ein verbrauchsorientiertes System gedacht. Die Verbrauchswerte sind durchaus wertvoll im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Untersuchungen, aber sie können niemals herangezogen werden, um einen Pass auszufüllen. Hier hat die Politik leider dem umfangreichen Drängen zahlreicher Lobbyisten nachgegeben. Claudia Kohlus:In einer neuen Umfrage der Deutschen-Energieagentur wusste ein Viertel der befragten Vermieter immer noch nicht, dass der Energieausweis bei Neuvermietung verpflichtend ist. Woran liegt das? Gerd Hauser: Für einige Gebäude wurde der Energiepass ja auch erst Anfang dieses Jahres in Kraft gesetzt, so dass dies für mich nicht weiter verwunderlich ist. Ich gehe davon aus, dass sich dies in naher Zukunft massiv ändern wird. Claudia Kohlus:Der Energieausweis dient nur der Information über den energetischen Zustand. Ein Rechtsanspruch auf energetische Sanierungsmassnahmen haben Mieter und Käufer allerdings nicht. Ist der Energieausweis nur ein Papiertiger? Gerd Hauser:Der Energiepass ist keineswegs ein Papiertiger, er ist ein Informationssystem und soll nicht ein Regulierungssystem darstellen. Ich denke, dass die Akzeptanz hierdurch erheblich verbessert wird. Ein Rechtsanspruch auf energetische Sanierungsmassnahmen haben Mieter oder Käufer nicht. Bei Käufern würde dies ja auch nur bedeuten, dass die entsprechenden Kosten im Kaufpreis mitzutragen wären. Claudia Kohlus:Viele Hausbesitzer scheuen die Kosten einer umfangreichen Sanierungsmassnahme. Weshalb sollten energetische Sanierungen gewagt werden? Gerd Hauser:Wie bereits zuvor gesagt, dient der Energieausweis als Informationssystem – wenn jemand nicht gesund leben will, muss er dies auch nicht. Die Situation Vermieter/Mieter ist dabei allerdings deutlich problematischer, es ist anzustreben, dass – wie es bei vielen Modellen bereits gelungen ist -, im Rahmen von Modernisierungsmassnahmen grössere Mieterhöhungen zulässig sind, wenn sich hierdurch an den Gesamtmietkosten nichts ändert. Bei heutigen Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen mit den heutigen Energiepreisen amortisieren sich tatsächlich zahlreiche Massnahmen erst in 15 bis 20 Jahren. Andererseits sind viele Massnahmen hinsichtlich Komfortsteigerung sofort wirksam und es ist Geld, das sicherlich deutlich sinnvoller investiert ist, als Geld, das für irgendwelche Aktien ausgegeben wird, bei denen – wie wir in den letzten Jahren vehement erkennen mussten – erhebliche Risiken vorhanden sind. Das heisst, es ist durchaus berechtigt hier von einer sogenannten Gebäuderente zu sprechen. Die Wertsteigerung der Immobilie ist durch energetische Modernisierungsmassnahmen erheblich, in vielen Fällen ist die Bausubstanzerhaltung nur auf diesem Wege möglich und die Behaglichkeitssteigerung im Winter und im Sommer ist in vielen Fällen ein ganz wichtiges Argument für die Umsetzung dieser Massnahmen. Claudia Kohlus:Die Verbraucherzentralen und andere Verbände haben Nachbesserungen gefordert. Die Bundesregierung hat dennoch nur wenig geändert. Sind Sie damit zufrieden? Gerd Hauser:Aus meiner Sicht war es ein Fehler, einen verbrauchsorientierten Energiepass zuzulassen, da allein die Doppelgleisigkeit des Vorgehens für den Endverbraucher nicht verständlich zu vermitteln ist. Es ist sehr zu wünschen, dass - verstärkt durch sachliche Aufklärung - der bedarfsorientierte Energiepass an Bedeutung gewinnt. Claudia Kohlus:Was könnte beim Energieausweis besser gemacht werden? Gerd Hauser gilt als "Vater des Energieausweises". Er ist Professor für Bauphysik der TU München, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart sowie Vorsitzender der Gesellschaft für Rationelle Energieverwendung und Vorsitzender des Dachverbandes Luftdichtheit im Bauwesen.
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