Minergie dürfte durch das Konjunkturprogramm des Bundes nochmals einen Schub bekommen, erwartet Franz Beyeler. Doch einem Export des national erfolgreichsten Baustandards für Gebäude mit hohem Wohn- und Arbeitsplatzkomfort bei gleichzeitig hoher Energieeffizienz weltweit steht ausgerechnet seine grösste Stärke entgegen: Minergie stützt sich im Inland auf ein weites Netz von öffentlichen und privaten Partnern. Im Ausland müssten solche Netze erst aufgebaut werden.
Steffen Klatt:Bund, Kantone und einige Gemeinden geben im Rahmen des Konjunkturprogramms derzeit viel Geld aus für die Gebäudesanierung. Kommt das auch Minergie zugute? Franz Beyeler:Das kommt sicher auch Minergie zugute. Denn Minergie ist der Königsweg der Gebäudesanierung bzw. der Gebäudemodernisierung. Ein nach Minergie modernisiertes Gebäude bietet mehr Komfort und höhere Energieffizienz; es ist moderner, während ein herkömmlich saniertes Gebäude einfach in den ursprünglichen Zustand versetzt worden ist. Die 200 Millionen Franken des Förderprogramms des Bundes werden sicherlich nicht nur für Modernisierung gemäss dem Minergiestandard eingesetzt. Aber wer sein Haus nach Minergie erneuern und zertifizieren lässt, bekommt wahrscheinlich pro Quadratmeter beheizte Fläche mehr Geld. Beim Förderprogramm Klimarappen war das jedenfalls so. Steffen Klatt:Mit welchem Anteil der Modernisierung gemäss Minergie rechnen Sie? Franz Beyeler:Das lässt sich noch nicht sagen. Wir werden 26 verschiedene Programme haben. Jeder Kanton wird ein eigenes Förderprogramm ausarbeiten. Dabei werden die Anforderungen unterschiedlich sein. Weil Minergie bei den Kanton akzeptiert ist, wird es sicher auch bei den Förderprogrammen bevorzugt berücksichtigt. Steffen Klatt:Mit wie viel Geld rechnen Sie insgesamt von Bund, Kantonen und Gemeinden für die Gebäudesanierung? Franz Beyeler:Wenn die 200 Millionen Franken des Bundes an die gleichen Bedingungen wie andere Globalbeiträge geknüpft sind, die Kantone also für einen Franken des Bundes anderthalb Franken aus der eigenen Tasche hinzu geben müssen, dann ergibt sich ein Programm von fast einer halben Milliarde Franken. Aber dem müssen noch die einzelnen kantonalen Parlamente zustimmen. Auch die Stadt Bern hat ein Programm, andere Städte werden folgen. Steffen Klatt:Mit wie viel neuen minergie-zertifizierten Gebäuden rechnen Sie 2009? Franz Beyeler:Im vergangenen Jahr haben wir rund 2900 Gebäude zertifiziert, in diesem Jahr rechnen wir mit 3000 bis 3500 Gebäuden. Für uns ist aber nicht die Anzahl Gebäude, sondern die Energiebezugsfläche wichtig. Bisher haben wir etwas mehr als 12000 Gebäude zertifiziert und 12 Millionen Quadratmeter Energiebezugsfläche. Das heisst, pro Zertifikat sind es 1000 Quadratmeter. Wir zertifizieren also hauptsächlich grosse Gebäude. Der Marktanteil beträgt im Bereich Wohnen bei 20 Prozent, bei den Büros ebenfalls. Bei den Einfamilienhäusern haben wir allerdings einen relativ geringen Marktanteil, und das ist für mich nicht recht erklärlich. Vielleicht scheut der Eigenheimbauer die Zertifikatskosten von 750 Franken. Steffen Klatt:Warum sollte ein Eigenheimbauer ein Zertifikat haben wollen, wenn es ihm nur auf die tatsächliche Energieeffizienz ankommt? Franz Beyeler:Wenn ich heute ein Haus baue und nach Minergie zertifizieren lasse, ist es auch in 20 Jahren noch eine Minergiehaus. Ein möglicher Käufer weiss dann, was er erwarten kann: eine Komfortlüftung, weniger Lärm, weniger Pollen, kein Durchzug. Wenn ich aber in 20 Jahren nur sagen kann, das Haus sei gut isoliert, wer weiss dann, was „gut“ bedeutet? Ausserdem brauche ich mit einem Minergie-Zertifikat keinen Gebäudeenergieausweis, wie er im August eingeführt werden soll. Schliesslich bekomme ich mit Minergie auch günstigere Hypotheken. Rund 15 Banken bieten sogenannte Minergie-Hypotheken an. Darunter die Credit Suisse, die Coop-Bank, die Raiffeisenbanken und verschiedene Kantonalbanken. Steffen Klatt:Minergie ist nur möglich, wenn die Bauwirtschaft voll mitzieht. Tut sie das? Franz Beyeler:ei den Baufachleuten haben wir wahrscheinlich einen Bekanntheitsgrad von nahezu 100 Prozent. Das heisst natürlich nicht, dass alle wissen, wie Minergie umzusetzen ist. Steffen Klatt:Gibt es genügend Baufachleute, die Minergie umsetzen können, wenn jetzt die Nachfrage steigt? Franz Beyeler:Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich hat es nach wie vor zu wenig solcher Fachleute. Wir haben über 800 Fachpartner. Das sind Architekten, Heizungsinstallateure, Lüftungsinstallateure und andere. Sie können nur Fachpartner werden, wenn sie entweder praktische Erfahrung oder einen Weiterbildungskurs besucht haben. Minergie ist inzwischen der grösste Weiterbildungsanbieter in der Schweiz für Baufachleute. Wir werden in diesem Jahr rund 150 Weiterbildungskurse anbieten. Denn nach wie vor gibt es zu wenig Kompetenz bei den Fachleuten, Minergie umzusetzen. Dabei ist der klassische Minergie-Standard heute leicht umzusetzen. Minergie-P ist wesentlich anspruchsvoller. Minergie Eco oder Minergie P-Eco ist für einen Architekten Spitzensport. Steffen Klatt:Minergie ist wahrscheinlich der erfolgreichste nationale Baustandard für Energieeffizienz von Gebäuden weltweit... Franz Beyeler:Das bestätigt übrigens eine Studie von Ernst & Young Deutschland vom vergangenen Jahr. Dort werden die verschiedenen nationalen Zertifikatprozesse verglichen. Es gibt entsprechend auch ein grosses Interesse an Minergie. Eine Delegation des US-Kongresses hat sich kürzlich darüber informiert, wir haben Kontakte mit Schweden und anderen Ländern. Steffen Klatt:Aber Minergie in der Schweiz beruht auf einem weiten Netz von Akteuren der öffentlichen Hand und von Unternehmen. Kann das auf andere Länder übertragen werden? Franz Beyeler:Das ist genau der Erfolgsfaktor von Minergie in der Schweiz und die Achillesferse für einen Export von Minergie ins Ausland. Wir werden mit keinem Land einen Vertrag unterschreiben, wenn es ein solches Netzwerk nicht gibt. Wir haben in Frankreich einen Lizenzpartner, der Minergie nach unserem Konzept zertifiziert. Steffen Klatt:In welchen Ländern ist das möglich? Franz Beyeler:Deutschland und Österreich wären erste Wahl, auch wegen der ähnlichen Baukultur und der ähnlichen Einstellung zur Energie. Aber nur in Schweden haben wir die Kontakte so weit vorangetrieben, dass wir die entscheidenden Leute kennen. Steffen Klatt:Wie würde sich Minergie dort zu den bestehenden Standards verhalten, Passivhaus in Deutschland und Faktor 10 in Österreich? Franz Beyeler:Wir haben in der Schweiz eine Zusammenarbeit mit der IG Passivhaus. Minergie P ist gleichsam die Schweizer Variante des Passivhauses. Wir wollen ja nicht gegen diejenigen kämpfen, die ebenfalls etwas gutes tun. Wir wollen gemeinsam das bessere Bauen fördern. Aber wir haben verschiedene Ansätze. Faktor 10 etwa bedeutet, dass der Energieeinsatz eines Hauses auf ein Zehntel gesenkt werden muss. Minergie setzt einen maximalen Energieverbrauch fest. Wir würden zusammenarbeiten und gleichzeitig Konkurrenten sein. Aber Konkurrenz belebt. Steffen Klatt:Auch in Masdar, der Ökostadt bei Abu Dhabi, soll ein Minergiehaus gebaut werden. Wie wichtig wäre dieses Haus? Franz Beyeler:Masdar City ist eine gute Sache. Wenn die Ölscheichs uns zeigen, wie man ölfrei in der Wüste leben kann, dann sollte man auch in der Schweiz ölfrei leben können. Masdar City wird eine grosse Ausstrahlung in der Welt haben. Der erste Prototyp für das Swiss Village in Masdar soll jetzt bei Renggli gebaut werden. Steffen Klatt:Kann Minergie, wenn der Standard exportiert wird, auch zu einem Türöffner der exportwilligen Schweizer Baufirmen werden? Franz Beyeler:Ganz bestimmt. Vor einigen Jahren ist ein Bauunternehmer aus Japan zu uns gekommen, der pro Jahr rund 3500 Holzhäuser produziert und nun Minergiehäuser im Norden Japans bauen will. Ein Minergie-Fachpartner, der dafür eine Studie gemacht hat, kam aber zum Schluss, dass in Japan gar nicht die geeigneten Fenster hergestellt werden. Das heisst, dass die ersten Fenster für Minergiehäuser im Norden Japans von einem Schweizer Fensterhersteller produziert und dann verschifft werden. Möglicherweise übernimmt später ein Japaner die Produktion mit einer Schweizer Lizenz. Minergie könnte also auch für den Export zu einem Königsweg werden.
Zur Person: Franz Beyeler ist Geschäftsführer des Vereins Minergie. Der Betriebsökonom ist zudem Partner der MKR Consulting, einem Beratungs- und Kommunikationsunternehmen in Bern, sowie Leiter der Informationsstelle der Fördergemeinschaft Wärmepumpen Schweiz.
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