Die Ökostadt am Schwarzwald

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Geschrieben von: Ulrich Glauber, Freiburg 05.06.09
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Freiburg im Breisgau, Rieselfeld, BiotopFreiburg im Breisgau – seit bald zwei Jahrhunderten Ausgangspunkt für Schwarzwald-Touristen – ist von Naturschutzgebieten umzingelt. Bauland am Stadtrand ist rar. Aus der Not hoher Nachfrage nach günstig gelegenen und bezahlbaren Wohnungen hat die Stadt mit ihren 220000 Einwohnern im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Schweiz eine Tugend gemacht und errichtete auf städtischem Boden zwei ökologische und soziale Mustersiedlungen.
Zuerst war die Tramtrasse. „Die Strassenbahn fuhr schon, als 1996 die ersten 400 Bewohner eingezogen waren“, erklärt Hans-Jörg Schwander von der Freiburger Innovation Academy, die unter anderem dem Magistrat den Ansturm von Besuchern aus der interessierten Fachwelt bewältigen hilft. „Die Leute sollten sich gar nicht erst daran gewöhnen, mit dem Auto ins Zentrum zu fahren.“ Drei Haltestellen gibt es im Modellbezirk Rieselfeld, dessen Mittelachse die Gleise bilden. Niemand soll weiter als 300 Meter zur Stadtbahn pilgern müssen.

Der Vorrang für den öffentlichen Nahverkehr ist ein wichtiger Teil, aber nur ein Aspekt eines Konzepts, dass Stadtplaner gern „ganzheitlich“ nennen. Denn über den Anspruch von Energieersparnis und Vermeidung von Kohlendioxid-Emissionen geht der Freiburger Ansatz weit hinaus. Die Kriterien reichen vom Wasserkonzept über die soziale Einbettung der Bürger, die nebenbei Verkehr vermeiden hilft, bis zur Eindämmung des Landschaftsverbrauchs – sprich: der Umwidmung bisher anders genutzter Flächen.

Kein Platz zum Ausufern

Bei aller Wertschätzung der Lebenshaltung in der Breisgau-Metropole, wo erstmals in einer deutschen Grossstadt ein Politiker aus der Partei der Grünen zum Oberbürgermeister gewählt wurde: Auch Sachzwänge haben zur glücklichen Fügung nachhaltiger Stadtplanung beigetragen. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre war der Druck auf die Kommunalpolitik riesig, in der Nähe der arbeitgebenden Unternehmen und des Zentrums Wohnraum zu schaffen. Doch die Freiburger Bucht unterhalb der Hänge des Südschwarzwalds ist von Naturschutzgebieten umringt. So blieb nichts anderes übrig, als sich nach Arealen umzusehen, die einer neuen Verwendung zugeführt werden könnten.

Dabei bot sich zum einen das ehemalige Rieselfeld an, wo seit 1891 die Abwässer der Breisgau-Stadt durch Versickern im Boden beseitigt (verrieselt) worden waren. 1985 ging die Anlage ausser Betrieb, weil sie den wachsenden Abwasser-Mengen nicht mehr gewachsen war. Allerdings war auch die Bebauung des Rieselfelds umstritten, dessen rund 320 Hektar Fläche 1990 zum schützenswerten Biotop erklärt worden waren. Schliesslich wurden 78 Hektar abgezweigt, um nach dem Ende der letzten Ausbaustufe im kommenden Jahr zwischen 10.000 und 11.000 Menschen in 4.200 Wohnungen und Einfamilienhäusern eine neue Heimat zu bieten.

Wasser wird bewusst genutzt

Nicht nur der Sensibilisierung durch den Streit mit den Naturschützern ist es wohl zu verdanken, dass für die Siedlung Rieselfeld ein Wasserkonzept vorliegt. Dabei werden natürlich auch Niederschläge wie Regen oder Schnee genutzt – nicht nur um den Teich zu speisen, an dem die Kindergartenkinder bei schönem Wetter spielen. Auch das viele Grün in den Gärten hinter den Häusern in Blockrandbebauung, die der Bodenversieglung entgegenwirkt, muss schliesslich manchmal bewässert werden. Das Abwasser des Stadtteils – das wieder eine Anknüpfung an alte Traditionen – versickert zum grossen Teil wieder im benachbarten Biotop, das seit 2001 - unter anderem als Vogelschutzgebiet – Teil des europäischen Netzes NATURA 2000 ist.

Dass in einer solchen Modellsiedlung alle Häuser nach den neuesten Niedrigenergie-Standards errichtet werden und Solaranlagen auf den Dächern haben, versteht sich wohl von selbst. Klar auch, dass im gesamten Quartier bei Tempo 30 für Autos Vorrang für Fussgänger und Radfahrer herrscht. Zum Ökoaspekt gehört auch, dass das Bedürfnis nach Licht, Luft und sonstiger Natur nicht verhindert hat, dass der Landverbrauch mit umgerechnet 13.000 Bewohnern pro Quadratkilometer trotz der Vermischung von fünfstöckigen Häusern mit Mietwohnungen, Genossenschaftsprojekten und frei finanzierten Eigenheimen in Doppelhäusern sehr gering gehalten ist.

Ökumenisch unterm Solardach

Spätestens an dieser Stelle wird klar, warum die Planer der Siedlung bei „Umweltbewusstsein“ auch immer „sozialer Zusammenhalt“ mitdenken. Die Stammtisch-Weisheit „Gute Zäune machen gute Nachbarn“ ist im Freiburger Rieselfeld in sein Gegenteil verkehrt. „Überwindung von trennenden Grundstücksabgrenzungen durch gemeinsame Planung und Realisierung der sich im Freien befindenden Aufenthaltsflächen innerhalb der Baublöcke“, heisst das im Magistratsdeutsch.

Doch die gemeinsamen Aktivitäten gehen über Fragen der Gartengestaltung weit hinaus. Von der Kindertagsstätte "Wilde 13" und dem Kinderhaus Taka-Tuka-Land über den Stadtteil-Verein K.I.O.S.K. bis zur Seniorenanlage "Pro Seniore" reicht das Infrastrukturangebot. Es gibt eine Quartier-Zeitung und den Veranstaltungskalender Litfass, die in alle Briefkästen verteilt werden. Im Internet kann man sich informieren, was es mittags im Café des Stadtteiltreffs „glashaus“ zu essen gibt.

Vielleicht am nachdrücklichsten führen die beiden grossen christlichen Konfessionen vor, wie man im „Rieselfeld“ an einem Strang zieht. Die katholische Maria-Magdalena-Gemeinde und die evangelische marie-magdalena-Gemeinde – die Namensähnlichkeit ist kein Zufall - haben im Juli 2004 zusammen eine Kirche bezogen, dessen acht Meter hohe und 30 Tonnen schweren Wände mittels Elektromotoren beiseite geschoben werden, so dass ökumenischer Gottesdienst in einem gemeinsamen Raum möglich sind. Am Eingang des Neubaus läuft gut sichtbar der Zähler, wie viel Strom die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach gerade produziert.

Grüne Vorstadt Vauban

Mehr Schlagzeilen als das Rieselfeld hat in der Vergangenheit das andere grosse Freiburger Siedlungsprojekt Vauban am südlichen Stadtrand gemacht. Auf den rund 210.000 Quadratmetern des früheren Militärgeländes, das durch den Abzug der französischen Armee nach der deutschen Vereinigung frei geworden war, bot die Stadt Freiburg in drei Bauabschnitten 164.000 Quadratmeter Wohnbauland, 30.000 Quadratmeter Mischgebietsgrundstücke und 16.000 Quadratmeter Gewerbeflächen an. Wie im Rieselfeld liess sich die Infrastruktur leicht aus den Einnahmen der Grundstückverkäufe durch die Kommune finanzieren.

Der Bekanntheitsgrad der Siedlung mit ihren 2000 Wohneinheiten mag damit zusammenhängen, dass eine der Kasernen in dem nach einem grossen französischen Festungsbaumeister benannten Areal nach dem Abzug der französischen Soldaten von Studenten besetzt worden war und inzwischen zur grossen WG ausgebaut wurde. Vor allem aber erwies sich als öffentlichkeitswirksam, das hier selbst die Autos der Bewohner konsequent aus dem öffentlichen Raum in ein Parkhaus am Rande des Quartiers verbannt worden sind. Doch für Bewohner scheint das ungewöhnliche Verkehrskonzept allein nicht ausschlaggebend für die Lebensqualität „im Vauban“ zu sein. „Nein, die vielen Besucher stören mich nicht“, verneint Katja W., die gerade ihr Fahrrad mit Kinderanhänger abstellt. Die dreifache Mutter wohnt seit neun Jahren in der Ökosiedlung. Manchmal frage sie sich allerdings, „was die Leute hier sehen. Ich müsste mich eigentlich hinstellen und laut rufen: ,Das Tolle hier ist doch der Zusammenhalt und die Gemeinschaft´.“

 

Bild Frontseite: Solarsiedlung Schlierberg (www.rolf-disch.de)

Bild Textseite: Biotop in der Siedlung Rieselfeld (Ulrich Glauber)

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