Rund 40 Prozent des in der Schweiz produzierten Wasserstroms werden als erneuerbarer oder Ökostrom ins Ausland exportiert, das heisst rund 13 Millarden Kilowattstunden. Gleichzeitig importieren wir jährlich an die 11 Millarden Kilowattstunden Strom aus «nicht überprüfbaren Energiequellen» – was nichts anderes ist als Strom aus nuklearer und fossiler Produktion. Dieser Artikel ist in der neuesten Ausgabe von «Energie und Umwelt», dem Magazin der Schweizerischen Energie-Stiftung SES, erschienen.
Lehrerinnen und Lehrer unterrichten es stolz an unseren Schulen, Politikerinnen und Politiker erwähnen es nicht minder gern: Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas und deckt rund 60 Prozent ihres Elektrizitätsbedarfs mit Wasserstrom. Rund 40 Prozent des Stroms stammen aus nuklearen Quellen. Die Bevölkerung glaubt also, dass wir zu rund zwei Dritteln C02-neutralen Strom verbrauchen. Zu Unrecht, denn da werden Birnen mit Äpfeln verglichen, die Stromproduktion mit dem Stromverbrauch vermischt. Der Grund: Strom ist ein Handelsgut, das an internationalen Börsen gehandelt wird. Und gerade Wasserstrom ist im Zeitalter der Reduktion des C02-Ausstosses gefragt und beschert unseren Energieversorgern hohe Renditen. So erreichen zum Beispiel deutsche Städte dank dem Einkauf von Wasserstrom aus der Schweiz eine deutliche Senkung ihres C02-Ausstosses, oder englische Stromversorger, die vor allem Kohle-, Gas- und Atomstrom erzeugen, erleichtern ihre C02-Bilanz. Ihr «schmutziger» Strom gelangt aber über den Strom- und Zertifikatehandel in unser Land. Die Warnung aus Österreich«Die Stromdeklaration wird zeigen, dass ein grosser Teil des in der Schweiz produzierten Wasserstroms ins Ausland verkauft wird», erklärte bereits 2004, ein Jahr vor der Einführung der Stromdeklaration, ein österreichischer Stromfachmann an der naturemade energie arena in Luzern. «Der Schweizer Bevölkerung wird es gleich ergehen wie der österreichischen», fuhr er fort, «sie wird empört sein, dass ihre Eigenproduktion mit viel Gewinn ins Ausland verkauft wird.» Damit lag der Fachmann einerseits richtig, wie Christian Schaffner, Fachspezialist Energieversorgung beim Bundesamt für Energie BFE, bestätigt: «2007 wurde ein nicht zu vernachlässigender Anteil der Schweizer Stromproduktion aus Wasserkraft ins Ausland exportiert, nämlich rund 40 Prozent.» Schaffner fügt an: «Da dies Handelsgeschäfte der Privatwirtschaft sind, haben wir keine detaillierten Zahlen über die Exportdestinationen.» Der freien Marktwirtschaft sei Dank. Andererseits blieb aber die vom österreichischen Energieexperten erwartete Empörung der Bevölkerung aus: Eine Mehrheit glaubt nach wie vor, unser Strom stamme vor allem aus Wasserkraft. «Nicht überprüfbare Energieträger»2007 wurden in der Schweiz rund 38 Prozent des Stroms mit Kernenergie produziert, 57 Prozent mit Wasserkraft und gut vier Prozent fossil und nicht ganz ein Prozent aus anderen erneuerbaren Energien. Trotz dieser klaren Energiebilanz wird 21 Prozent des gelieferten Stroms auf den Rechnungen als Strom aus «nicht überprüfbaren Energiequellen» definiert. Dazu schrieb selbst das BFE in einer Medienmitteilung: «Das heisst, dass die Herkunft dieses Stroms aus buchhalterischen Gründen nicht mehr nachvollziehbar ist. Es darf aber vermutet werden, dass dieser Strom auf internationalen Börsen eingekauft wurde und mehrheitlich aus fossilen und nuklearen Quellen stammte.» Nuklear- und KohlenschneeDoch auch diese Bilanz ist beschönigt: Denn über Nacht wird die Produktion der Stauseen mancherorts zurückgefahren, um weit billigeren ausländischen Strom aus «nicht überprüfbaren Energiequellen» zu kaufen. Damit sparen Energieversorger viel Geld und schonen die Seen, um tagsüber Strom am internationalen Markt zu Höchstpreisen zu verkaufen. Energieexperte Heini Glauser erklärt: «Der in der Nacht eingekaufte Strom für die Grundlast, sprich Elektroheizungen, Gefriertruhen, Kühlschränke, Computerserver, stammt weitgehend aus fossilen und nuklearen Kraftwerken.» So produzieren zum Beispiel unsere Kurorte im Winter Kunstschnee mit Strom aus fossilen und nuklearen Quellen, sozusagen der ökologische Irrsinn im Quadrat. Dasselbe gilt für Wärmepumpen, denn im Winter ist der Anteil der Stromimporte aus Kohle- und Nuklearkraftwerken sehr hoch, die Wasserkraftinlandproduktion aber sehr tief. Das heisst, dass wer nicht Ökostrom kauft, heizt seine Stube eigentlich nuklear und fossil. Pro und Contra Ökostromlabels Heini Glauser steht den Ökostromlabels in ganz Europa skeptisch gegenüber: «Ich persönlich würde für keine Kilowattstunde auch nur einen Rappen mehr bezahlen, wenn der Ökostrom von einem Unternehmen stammt, das auch noch Strom aus fossilen oder nuklearen Quellen herstellt oder im Stromhandel mit diesem Strom tätig ist.» Der Energiefachmann plädiert für eine europäische Stromdeklaration: «In diesen Topf gehörten die Produktionszahlen aller Energieversorger, bevor die Mengen gehandelt werden. Erst das ergäbe ein klares Bild der effektiven Produktion nach Energieträgern.
Cornelia Brandes von naturemade zum Vorwurf von Heini Glauser: «Das Label naturemade gibt es gerade auch deshalb, weil die Konsumentinnen und Konsumenten beim gleichen Lieferanten unterschiedliche Qualitäten von Strom kaufen können. Wenn man sicher sein will, dass man die gewünschte erneuerbare oder ökologische Qualität zu 100 Prozent auch bekommt, muss man naturemade-zertifizierten Strom kaufen! Akkreditierte Auditoren vom TÜV oder von der SQS prüfen jährlich die Herkunft der verkauften Qualität und die Bilanzen eines solchen Lieferanten und stellen sicher, dass eine erneuerbare oder ökologische kWh nicht zweimal verkauft wird.» Rätia Energie und naturemadeDoch Energiefachmann Heini Glauser sieht die Zertifikate von naturemade in einem etwas differenzierten Licht. Um dies zu erklären, zieht er das Beispiel Rätia Energie heran: «Gerade Rätia Energie, die als erster Energieversorger das Label naturemade hoch gehalten hat, verkauft ihren Kunden 99 Prozent Strom aus ‹nicht überprüfbaren Energieträgern›.» Heini Glauser weist darauf hin, dass das Unternehmen Beteiligungen an Kohlekraftwerken in Deutschland hat. Auch andere Schweizer Energieversorger besitzen ausländische Beteiligungen an fossilen Kraftwerken von mehreren Tausend Megawatt. Schlechte Information?Angesichts der Tatsache, dass in der Schweiz effektiv nur rund 30 Prozent des verbrauchten Stroms aus Wasserkraft stammen und der Rest aus nuklearen und fossilen Kraftwerken, könnte man sich fragen, ob diese Tatsache von den Behörden am liebsten nicht an die grosse Glocke gehängt wird, weil die Schweiz sonst energiepolitisch noch schlechter dasteht. Das Bundesamt für Energie sagt dazu: «Die Stromversorgung in der Schweiz funktioniert nach dem Subsidiaritätsprinzip, wobei das Parlament und die Administration die Rahmenbedingungen setzen. Die Beschaffung von und der Handel mit Strom ist dabei der Strombranche überlassen. Die Verwaltung hat gemäss dem Energiegesetz den Auftrag, die Zusammensetzung (Qualität) des gelieferten Stromes über die Stromkennzeichnung den Endkundinnen und Endkunden transparent zu machen. Daher ist das Bundesamt für Energie derzeit dabei, die Stromkennzeichnung sowohl in der Umsetzung (Stichprobenkontrollen) als auch in der Weiterentwicklung (Anteil «nicht-überprüfbare Energieträger») voranzubringen. Zudem ist anzumerken, dass der Handel mit Strom auch wesentlich zur Versorgungssicherheit der Schweiz beiträgt, da wir zu gewissen Zeiten (z.B. in Wintermonaten) auf den Stromimport angewiesen sind und zu anderen Zeiten dementsprechend Strom exportieren können. Dies erlaubt uns eine sichere Versorgung zu erschwinglichen Preisen.» «Affaire à suivre...», oder zu gut Deutsch: Wir bleiben dran, denn es gibt noch viel zu verbessern: Wie die Zahlen zeigen, sind wir von der Vollversorgung mit ökologischem Strom noch sehr weit entfernt. Das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe des Magazins «Energie und Umwelt» - 2/2009, dem Magazin der Schweizerischen Energiestiftung, ist «Stromzukunft Schweiz». Bild: Aare Kraftwerk Wildegg-Brugg der Nordostschweizerischen Kraftwerke AG (www.axpo.ch)
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