Künftige Unternehmensführer sollen nicht nur auf den Gewinn schauen, sagt Katarzyna Negacz, Präsidentin von oikos International. Die Studentenorganisation arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten daran, Nachhaltigkeit in den Lehrplan von Volks- und Betriebswirtschaft und in den Alltag von Managern zu bringen.Steffen Klatt:Es gibt viele Studentenorganisationen. Was macht oikos so besonders?
Katarzyna Negacz:Es gibt tatsächlich viele Organisationen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Aber oikos will vor allem Wirtschaftsstudenten ansprechen. Wir wollen ihnen helfen, kreativ und innovativ zu sein. Wir wollen sie dazu bringen, Themen kritisch zu hinterfragen und sich für innovative Lösungen zu engagieren. Steffen Klatt:Warum diese Konzentration auf Wirtschaftsstudenten? Katarzyna Negacz:Das sind die künftigen Entscheidungsträger. Wir wollen erreichen, dass sie nicht nur auf das Kapital und den Gewinn schauen. Steffen Klatt:Ist es schwer, Wirtschaftsstudenten davon zu überzeugen, dass Wirtschaft mehr ist als Profit? Katarzyna Negacz:Nein. Die meisten Wirtschaftsstudenten sind intelligent. Wenn nichts geschieht, sind viele natürlichen Ressourcen bald aufgebraucht. Und blindes Profitstreben war ein Faktor, der zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise geführt hat. Und gerade in der Krise zeigt sich, dass Verantwortung auch wirtschaftlich sinnvoll ist: Unternehmen, die sich ernsthaft mit ihrer wirtschaftlichen und sozialen Verantwortung beschäftigt haben, steht oft viel besser da als andere. Verwandte Themen| { Klimarevolution möglich?, 18.05.09 } | | { Impulse kommen aus der Wirtschaft, 08.05.09 } | | { Grünes Wissen sichert Stellen, 28.04.09 } | | { Diese Chance muss genutzt werden, 02.04.09 } | | { Erneuerbare verkannt, 26.03.09 } | | { Wirtschaft braucht neue Regeln, 24.02.09 } | | { Klimaabkommen hat Vorrang, 28.01.09 } | | { Heute an morgen denken, 23.12.08 } | | { Ehrlich währt am längsten, 12.12.08 } | | { Krise trifft Nachhaltigkeit, 08.12.08 } | | { Wohlstand dank Ökologie, 02.12.08 } | | { Staat soll Nachhaltigkeit belohnen, 29.11.08 } | | { Jetzt handeln, 07.11.08 } |
Steffen Klatt:oikos will helfen innovativ zu sein. Wie innovativ ist oikos? Katarzyna Negacz:Wir organisieren und unterstützen innovative Programme. So haben wir ein Programm für zukünftige Führungskräfte, an dem jeweils zehn Studenten aus verschiedenen Ländern teilnehmen. Wir wollen damit verschiedene Sichtweisen und Dimensionen zusammenbringen, um zu verhindern, dass die alten Muster immer wiederholt werden. Ein interessantes Projekt an der Universität Graz beschäftigt sich mit Menschen, die als Einwanderer gekommen sind. Es verbindet die soziale Dimension mit der ökonomischen. Für oikos ist das neu. Ein anderes Beispiel: Bisher haben die einzelnen Chapter von oikos nur wenig miteinander zu tun gehabt. Jetzt wollen wir sie über gemeinsame Projekte zusammenbringen. Im vergangenen Jahr kamen immer zwei Vertreter eines Chapters zu einem anderen, um die eigene Sichtweise auf Nachhaltigkeit darzulegen. In diesem Jahr behandeln wir dabei die Restrukturierung von Industriegebieten wie dem Ruhrgebiet in Deutschland oder Industriegebieten in Polen. Wir diskutieren, wie wir diese Gebiete wieder innovativ und lebenswert machen können. Steffen Klatt:Warum beginnt die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Chaptern von oikos erst jetzt? Katarzyna Negacz:Es gab schon vorher Kontakte, aber sie waren nicht gut koordiniert. Durch die Bologna-Reformen können Studenten zwischen den Universitäten besser wechseln. oikos wird nicht von oben geführt. Die Initiativen müssen von den Chaptern und den Studenten selbst kommen. Steffen Klatt:Verstehen alle Chapters das gleiche unter Nachhaltigkeit? Katarzyna Negacz:Es gibt bei oikos keine gemeinsame, fixe Definition der Nachhaltigkeit, aber schon ein gemeinsames Verständnis. Die Grundlage ist die Definition des Brundtland-Berichts, aber jedes Mitglied entwickelt über die Zeit sein eigenes Verständnis von Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist etwas Lebendiges. Es kann nur durch das eigene Leben, durch die eigene Tätigkeit ausgedrückt werden. Steffen Klatt:Sie kommen aus Polen. Was bedeutet Nachhaltigkeit dort? Katarzyna Negacz:Das oikos-Chapter an der Warschauer Wirtschaftsschule wurde 1998 gegründet. Damals schien Nachhaltigkeit vielen fremd zu sein, auch wenn sich unsere Professorin Dr. Ewa Taylor bereits viele Jahre damit beschäftigt hatte. Aber in der Zeit des Übergangs zur Marktwirtschaft waren andere Themen wichtiger. Inzwischen ist Nachhaltigkeit ein heisses Thema geworden. Der Beitritt zur EU hat auch eine geistige Öffnung gebracht. Von St. Gallen nach Europa oikos wurde 1987 als „umweltökonomische Studenteninitiative“ an der Hochschule – heute Universität – St. Gallen gegründet. Sie strebte unter anderem den Einbezug von ökologischen Themen in Forschung und Lehre an. Sie gehörte zu den treibenden Kräften hinter der Gründung der Oebu- der Schweizerischen Vereinigung für ökologisch bewusste Unternehmensführung, der inzwischen 330 Unternehmen angehören. Auch 1992 bei der Gründung des Instituts für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen wirkte oikos mit. 1998 wurden erstmals weitere oikos-Organisationen gegründet, in Köln, Paris, Prag und Stockholm. Gemeinsam gründeten diese fünf lokalen „Chapters“ oikos International. Heute gehören rund 25 lokale Organisationen zu oikos International, darunter auch ausserhalb Europas in Monterrey in Mexiko, in Süd Afrika und in Dhaka in Bangladesh Steffen Klatt:Was hat Sie in Ihren bisher sechs Monaten als Präsidentin von oikos International am meisten beeindruckt? Katarzyna Negacz:Der Geist des St. Galler Chapters von oikos. Es gibt hier eine besondere Atmosphäre, innovativ und kreativ. Die Mitglieder sind hoch motiviert und gut koordiniert. Sie können viele Projekte gleichzeitig verwirklichen. Das macht es für mich verständlich, warum oikos hier in St. Gallen entstanden ist. Auch die jährlichen Treffen im Frühjahr und im Herbst sind für mich sehr beeindruckend. Sie geben viel Energie. Steffen Klatt:Gibt es eine Zusammenarbeit mit ehemaligen oikos-Mitgliedern? Katarzyna Negacz: Ja, es gibt eine solche Zusammenarbeit. Die ehemaligen oikos-Mitglieder arbeiten heute als Berater, unterrichten, arbeiten in Unternehmen und Finanzinstitutionen. Sie haben aber immer noch das Bedürfnis zusammenzukommen und sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Sie organisieren ihre Treffen selber, teilweise dort, wo es Chapters gibt, teilweise auch anderswo. Vor zwei Monaten haben sich die Alumni in Zürich getroffen, wo es kein Chapter gibt. Sie haben sich aber schon in London und in Ljubljana getroffen, wo inzwischen Chapter gegründet worden sind. oikos prägt für das Leben. Steffen Klatt:Was wollen Sie selbst nach dem Studium machen? Katarzyna Negacz:Ich würde gern hier in St. Gallen als Doktorand bleiben. Später würde ich gern für eine internationale Organisation arbeiten, um in der Welt etwas zu ändern. Zur Person: Katarzyna Negacz ist die diesjährige Präsidentin von oikos International. Sie studiert internationale Wirtschaft an Warsaw School of Economic and law an der Universität Warschau.
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