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Klimarevolution möglich?

Geschrieben von: Katharina Beck, oikos 18.05.09
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Barcelona - Am 7.und 8. Mai 2009 haben 32 internationale Studenten in Barcelona die Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen, die im Dezember 2009 in Kopenhagen stattfinden werden, simuliert und das „Barcelonaprotokoll“ verabschiedet. Dabei stellten die „Staats- und Regierungsvertreter auf Zeit“ fest, wie schwer es sein kann, in solchen Verhandlungen dem internationalen Kampf gegen den Klimawandel Priorität vor nationalen Interessen zu gebenBarcelona am 7. Mai 2009 um 8 Uhr 45: 32 elegant gekleidete Studenten aus über zehn Ländern betreten den Hörsaal 101 an der ESADE Business School in Barcelona. Noch sind es höchst offiziell aussehende Studenten; dann - um 9 Uhr - schlüpfen sie in die Rolle von Ministern, Nichtregierungsorganisations- und Industrievertretern aus der ganzen Welt. Das „Model UNFCCC“ geht an den Start, welches von der Universität St. Gallen und ESADE im Rahmen des CEMS Master-Programms in International Management in Barcelona organisiert wird.

Simulation der Klima-Weltkonferenz

Die Studenten simulieren die UN Klimaverhandlungen, die im Rahmen der UN Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) im Dezember 2009 in Kopenhagen stattfinden werden. Ziel beider Veranstaltungen ist, eine Nachfolgeregelung für das Kyotoprotokoll zu finden, welches 2012 ausläuft. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Einigungen der Studenten keinen direkten Einfluss auf die Zukunft der Menschheit haben werden, wohingegen die „echten“ Verhandlungen in Kopenhagen entscheiden werden, ob die Welt eine gemeinsame Lösung für den Klimawandel finden wird.

Es geht um den Erhalt der heutigen Lebenswelt

Die damit einhergehenden Entwicklungen, wie zum Beispiel der Anstieg des Meeresspiegels und die längeren Dürren in Gebieten wie Afghanistan und Sub-Sahara-Afrika, bereiten schon heute extreme Probleme in den betroffenen Ländern. Was passiert beispielsweise mit Klimaflüchtlingen, wenn das Territorium einiger Inselstaaten einfach im Meer versinkt? Vanuato beispielsweise, das die Liste des Happy Planet Index als Nummer eins anführt, wird voraussichtlich in 30 Jahren untergegangen und damit einfach nicht mehr existent sein.

Die Aufgaben, die die „32 Verhandlungspartner auf Zeit“ in Barcelona zu lösen haben, sind also durchaus anspruchsvoll. Es geht quasi um die Rettung der uns bekannten Welt. Und sie haben dafür nur zwei Tage Zeit. Am 8. Mai gegen Abend werden sie schon ihren Abschlussbericht vorlegen: das „Barcelonaprotokoll“.

Verhandlungen in Komitees

Die Ergebnisse dieses Protokolls werden durch Verhandlungen in drei Komitees erreicht. Auch in den „echten“ Verhandlungen werden Unterthemen in einzelnen Arbeitsgruppen bearbeitet.

Im „Mitigation“ (Linderung) Komitee geht es darum, den Klimawandel zu entschärfen. Die Staaten müssen sich auf Einschnitte ihrer CO2-Emissionen einigen, wenn sie den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur bekämpfen wollen. Werden die Schwellenländer wie Brasilien, Indien und China, die in Kyoto keine festen Reduktionslimiten unterzeichnen mussten, nun ebenfalls einer Begrenzung ihrer Emissionen zustimmen?

Ein in Kyoto beschlossenes Instrument zur Bekämpfung des Klimawandels ist der „Clean Development Mechanism“ (CDM), bei dem Industriestaaten in Entwicklungsländern ihre versprochenen Emissionseinsparungen leisten können und gleichzeitig Technologietransfer nach „Süden“ gewährleistet wird. Dieses teils begehrte Instrument würde theoretisch mit Auslaufen des Kyotoprotokolls ein Ende nehmen, daher widmet sich ein ganzes Komitee der Verhandlungen zum CDM.

Einige durch den Klimawandel verursachte Entwicklungen werden bereits jetzt sichtbar und können auch nicht mehr rückgängig gemacht werden. Wie man sich diesen anpassen kann, wird im „Adaptation“ Komitee erörtert. Die Industriestaaten müssten den am meisten betroffen Ländern - das sind sarkastischer Weise die ärmsten Nationen dieser Welt, die kaum zum Klimaproblem beigetragen haben - bei der Bewältigung der bereits feststehenden Folgen der Klimaerwärmung, wie dem Anstieg des Meeresspiegels, helfen.

Verhandeln wie die Echten – thematische Konfliktlinien

So gehen also nach den Einführungsstatements der vertretenen Länder (beispielhaft wurden Vertreter der Interessengruppen Industrieländer, Schwellenländer und Entwicklungsländer für die Simulation ausgewählt) die Verhandlungen in den Komitees los.

Und direkt wird Konfliktpotential deutlich: Der Vertreter aus Sudan boykottiert demonstrativ die ersten fünf Minuten der Verhandlungen im Adaptation Komitee, weil seiner Ansicht nach zu wenig Vertreter aus der EU anwesend sind. Und diese sollen Sudan und den anderen Entwicklungsländern helfen, die Folgen des Klimawandels zu bekämpfen. Die Industriestaaten haben durch ihre hohen CO2 Emissionen den Mammutanteil des vom Menschen gemachten Klimawandels zu verantworten. Daher sollen sie, dem Verursacherprinzip folgend, auch für die Problemlösung gerade stehen.

Dennoch wird das Anpassungskomitee am Ende mit einer innovativen Definition eines Klimaflüchtlings aufwarten können.

Greenpeace und der WWF – wie in der echten Konferenz sind auch in Barcelona Vertreter von Nicht-Regierungs-Organisationen (NROs) vor Ort – weisen in einer Pressemitteilung darauf hin, dass nicht nur ökologische, sondern vor allem auch ökonomische Argumente gegen Atomenergie als Lösung gegen den Klimawandel sprechen. Dennoch dominiert die Diskussion über das Aufnehmen von Atomenergieprojekten in den CDM die Verhandlungen im CDM Komitee - nicht zuletzt dank dezenter, aber wirksamer Beeinflussung durch einen Vertreter der Nuklearindustrie, der als Mitglied der französischen Delegation an den fiktiven Verhandlungen teilnimmt. Dass der CDM weitergeführt wird, findet dort schnell eine Übereinkunft, aber wie, das wird ausgiebig diskutiert. Fronten für und gegen die Aufnahme von Atomenergie als klimafreundliche Energie entstehen. Am Ende wird beschlossen, dass bis zu 10% der Projekte in Verbindung mit Atomenergie stehen dürfen.

„Model UNFCCC“

Die Lehrveranstaltung „Model UNFCCC“ wurde im Sommersemester 2009 von einem Team unter Leitung der Professoren Rolf Wüstenhagen (Universität St.Gallen) und Rafael Sarda (ESADE Barcelona) angeboten, dem auch Melissa Paschall, Stefanie Heinzle (HSG), Alice Bisiaux (ESADE) und Prof. Bill Moomaw (Universität St.Gallen/Tufts University) angehörten. Die Entwicklung des Klimaplanspiels wurde durch das Schweizerische Bundesamt für Umwelt (BAFU) finanziell unterstützt. Die Reise der St. Galler Studierenden an die Barcelona-Verhandlungen wurde durch Swiss International Air Lines gesponsort. Die Studierenden und Dozenten haben ihre dadurch entstehenden CO2-Emissionen von 281 Kilogramm pro Person durch den Kauf von CO2-Zertifikaten kompensiert, durch die die Stiftung Myclimate Biomasse-Projekte in Indien unterstützt.
Der Kurs ist Bestandteil des CEMS Master in International Management, gemäss Ranking der Financial Times eines der besten europäischen Master-Programme in Betriebswirtschaftslehre. Eine Wiederholung der Veranstaltung mit einer breiteren Partizipation europäischer Business Schools im Jahr 2010 ist in Planung.

Die Emissionen müssen weiter eingeschränkt werden und bisher werden legal bindend hierfür nur die „Annex 1“ Länder des Kyotoprotokolls „zur Kasse gebeten“. Russland gehört auch dazu und blockiert daher am ersten Verhandlungstag jedes Vorankommen hin zu neuen Reduktionszielen. Dafür erhält es am Abend des 7. Mai von der Presse den „Fossil-of-the-Day“-Award für besonders gutes Behindern des Kampfes gegen den Klimawandel.

Apropos Presse: während den Verhandlungen wurde von oikos media productions ein Liveblog zu den Verhandlungen geschrieben, welcher aktiv zur Veröffentlichung von Pressemitteilungen der Verhandlungspartner und anwesenden NROs und Lobbygruppen verwendet wurde.

Ob es der Preis war? Russland willigt am Ende des zweiten Tages in neue Reduktionsziele ein.

In der internationalen Staatengemeinschaft ist die zweigliedrige Unterteilung in Industrie- und Entwicklungsländer de facto längst nicht mehr aktuell. Da gibt es die Gruppe der Schwellenländer, manchmal auch in BRIC zusammengefasst (Brasilien, Russland, Indien, China), welche ebenfalls rapide ansteigende CO2 Emissionen zu verbuchen haben. Während Russland bei den Verhandlungen in Kyoto mit in die Annex 1 Länder aufgenommen wurde, müssen sich China, Indian und Brasilien international bisher nicht auf konkrete Reduktionsziele einlassen. Und auch in Barcelona konnten sie ihre diesbezüglichen Interessen durchsetzen. Sie weigern sich, die Aufteilung in neue Untergruppen – abweichend von der Annex 1 Regelung – anzunehmen und verhindern somit, dass auch sie sich legal zur Bekämpfung des Klimawandels verpflichten müssen.

Nicht der große Wurf?

Der große Wurf ist in den Verhandlungen von Barcelona ausgeblieben. Das „Barcelonaprotokoll“ würde nicht die vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) geforderten Reduktionsziele erreichen.
Verhandelt haben 32 internationale Management-Studierende, denen das Thema Klimawandel im Verlauf des Kurses ans Herz gewachsen ist. Die Vertreterin Südafrikas meinte, sie „kämpfe hier für eine bessere Welt“. Was hat also die Innovationskraft der Studenten verhindert und dazu geführt, dass sie die große Richtungsänderung nicht erreichen konnten?

"Wir alle wollen gewinnen, aber wir wollen mehr als die anderen gewinnen. Als Zweiter ist man schon der erste Verlierer“, resümiert der Vertreter der USA, als die Studenten ihre Verhandlung reflektieren. Jeder kämpft mit harten Bandagen für die eigenen Interessen eines jeden Landes. Das Gefangenendilemma hat also auch die Studenten fest im Griff.

Aber vielleicht kommt ja doch noch ein weiterer Punkt hinzu: Noch stärker als die echten Delegationsmitglieder waren die Studierenden darum besorgt, ob allfällige Positionsänderungen an den Verhandlungen dann auch im eigenen Lande mehrheitsfähig wären. Sie fühlten sich an das gebunden, was sie zur Position des Landes herausgefunden hatten. Eine Kehrtwende, wie sie Barack Obama in den USA nun vollzieht, war den Studenten nicht möglich. Sie konnten nur begrenzt ihre persönlichen Ideen mit in die Verhandlungen einzubringen.
Aber gerade darin liegt auch wiederum der Charme eines solchen Simulationsspiels: Sich einmal in eine Perspektive hineinzudenken, die man sonst nicht erfahren würde.

Blick nach Kopenhagen

Wir schauen mit Spannung auf die Ergebnisse der Klimaverhandlungen in Kopenhagen im Dezember 2009. Wir wissen nun, welche Schwierigkeiten dort auf die Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft warten, aber eben auch was dort erreicht werden müsste und auch könnte…

 

Weitere Informationen:

Rolf Wüstenhagen, Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt, Du musst JavaScript aktivieren, damit Du sie sehen kannst.

 

 

Zur Person:

Katharina Beck hat gemeinsam mit Kate Negacz als oikos media productions den Liveblog des “Model UNFCCC” geschrieben.
Beck war 2008 Präsidentin von oikos International und arbeitet nun neben ihrem Engagement bei oikos am Institute for Social Banking.

Bild Frontseite: Die abschliessende Plenarsitzung (Kate Negacz)

Bild Textseite: Verhandlungen in Komitees (Kate Negacz)

 

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