Heisse Luft als heisses Geschäft

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 19.05.09
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Kohlendioxid, Emissionsrechte, KlimawandelDer Kampf gegen den Klimawandel hat einen Markt geschaffen, der bereits über 100 Milliarden Euro umfasst. Noch konzentriert er sich auf Europa. Allein das derzeit im US-Kongress diskutierte Emissionshandelssystem für die USA könnten das Volumen vervierfachen. Ausserdem planen auch Japan, Australien und Neuseeland solche Handelssysteme. Der neue Markt schafft Chancen für Finanzmärkte.

Die Europäische Union ist die Vorreiterin gewesen. Sie führte Anfang 2005, also noch vor dem Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls, ein Emissionshandelssystem ein, das heute zum Vorbild ähnlicher Systeme in anderen Volkswirtschaften wird. Unter diesem System wurde das Recht bestimmter Industriezweige beschränkt, Kohlendioxid auszustossen – also fossile Brennstoffe zu verbrauchen. Jedes Unternehmen erhielt eine bestimmte Zahl dieser Emissionsrechte. Stiess es mehr Kohlendioxid aus, musste es solche Rechte auf dem freien Markt einkaufen.

Neuer Markt, neue Chancen

Dank dieser Vorreiterrolle macht der EU-Emissionshandel derzeit mehr als zwei Drittel des weltweiten Marktes für Kohlendioxidemissionen aus. Dessen Volumen wird für 2008 auf 92 Milliarden Euro (140 Milliarden Franken) geschätzt, der des EU-Emissionshandels auf 67 Milliarden Euro. Der Rest entfiel auf Klimaschutzmassnahmen in Schwellen- und Entwicklungsländern.
Entsprechend konzentrieren sich in Europa viele der Unternehmen, die den neuen Markt bearbeiten. Bestehende Börsen gründeten Töchter für den Handel mit Emissionsrechten. Die Pariser Bluenext ist inzwischen die grösste Kohlendioxidbörse der Welt, gefolgt von der European Climate Exchange in London. Auch einige Versicherer wie die Münchner Rück und die Swiss Re und grosse Banken wie die britische Barclays, die Deutsche Bank und die französische BNP Paribas haben sich einen Teil des Kuchens abgeschnitten. Auch die Credit Suisse beteiligt sich am Kohlendioxidmarkt und ist Mitglied der Internationalen Emissionshandelsvereinigung (IEATA). Doch derzeit stehe dieser Markt nicht im Focus, heisst es bei der Zürcher Grossbank.

Der neue Markt hat auch völlig neue Unternehmen hervorgebracht, gleichsam die Boutiquen des Kohlendioxidmarkts. Zu ihnen gehört First Climate im Sitz in Bad Vilbel, 2008 hervorgegangen aus der Zürcher Factor Consulting und der deutschen 3C. Das Unternehmen mit Ablegern in Amerika und Asien ist inzwischen in allen Bereichen des CO2-Marktes tätig. Es entwickelt Projekte zur Kompensation von Kohlendioxidemissionen, vermittelt zwischen Käufern und Verkäufern solcher Projekte, tritt als Berater von Investoren auf und ist neu auch in der Projektfinanzierung tätig. Die Zürcher Stiftung Myclimate dagegen, 2002 aus der ETH Zürich ausgegründet, konzentriert sich auf einen Nischenmarkt. Sie bietet Klimaschutzprojekte an, mit denen Unternehmen und Private ihren Kohlendioxidausstoss freiwillig kompensieren können. Diese Nische hat in der vergangenen Jahren immerhin ein Wachstum von 200 bis 300 Prozent jährlich auf 4 Millionen Franken Umsatz 2008 ermöglicht.

Krise führt zu Preisverfall

Dieses Wachstum dürfte sich abflachen. Das erwartet jedenfalls Alain Schilli, stellvertretender Geschäftsführer von Myclimate. Denn die Krise trifft auch den Kohlendioxidmarkt. Freiwillige Kompensationen von Reisen etwa dürften vom allgemeinen Rückgang der Reisen betroffen sein, sagt Schilli. Immerhin: Der Nischenmarkt der freiwilligen Kompensationen lebt davon, dass es immer Unternehmen und Private geben wird, die mehr tun wollen als vorgeschrieben. Anders der Kohlendioxidmarkt insgesamt. Dieser spürt, dass mit dem Rückgang der Produktion auch weniger Kohlendioxid ausgestossen wird. Der Börsenwert eines Emissionsrechts für Kohlendioxid ist seit Sommer vergangenen Jahres um über ein Viertel auf jetzt gut 14 Euro je Tonne gesunken. Dem Emissionshandel droht zudem von anderer Seite unfairer Wettbewerb, der durch die Krise noch verstärkt wird: Osteuropäische Länder wie Ungarn, die Ukraine und Lettland werfen derzeit Emissionsrechte auf den Markt. Sie haben aufgrund des Zusammenbruchs der alten energiefressenden Industrien aus Sowjetzeiten weniger Kohlendioxid als gemäss Kyoto-Protokoll erlaubt ausgestossen. Ihre Verschmutzungsrechte werden jetzt von Ländern wie Japan, aber auch Österreich aufgekauft, die ihre Kyoto-Ziele nicht erreichen dürften.

Politik bremst Investoren

Noch mehr Ungemach droht dem Kohlendioxidmarkt durch die politische Unsicherheit. Der Weltklimagipfel im Dezember in Kopenhagen soll sich eigentlich auf eine Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll einigen, also auch auf die Grundzüge des Kohlendioxidmarkts nach 2012. Doch danach sieht es nicht aus. „Wir rechnen erst mit einer Einigung nach Kopenhagen“, sagt Edwin Aalders, Direktor der Internationalen Emissionshandelsvereinigung (IETA) in Genf. „Die neue amerikanische Regierung wird erst abwarten wollen, bis sich im Senat die Grundzüge des US-Emissionshandelssystems abzeichnen.“ Der Grund für diese Zurückhaltung: Barack Obamas Vorvorgänger Bill Clinton musste mit ansehen, wie der US-Senat dem bereits unterzeichneten Kyoto-Protokoll die Ratifizierung versagte.

Potentiellen Investoren fehlen damit vorerst noch die festen politischen Rahmenbedingungen. Wer heute investieren wolle, der habe angesichts des langen Registrierungsprozesses immer weniger Sicherheit, erläutert Alina Averchenkova, Analystin von First Climate in Zürich. „Wer heute in neue Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern für die Zeit nach 2012 investieren will, braucht eine längerfristige Perspektiven. Seine Interessen sollten über die Kompensation von Kohlendioxidausstoss hinausgehen und etwa erneuerbare Energien und Energiesicherheit umfassen, die zusätzliche Kanäle der Kommerzialisierung bieten.“ Um „grüne“ Investitionen in Entwicklungsländern über den Kohlendioxidmarkt auszuweiten, brauche es politische Sicherheit für die Zeit nach 2012.

Markt vervielfacht Volumen

Der momentanen Verunsicherung zum Trotz: Der Markt wächst. Allein schon der EU-Emissionshandel, an dem sich derzeit 13 Industriezweige mit einem Anteil von 40 Prozent des CO2-Ausstosses beteiligen, wird ab 2013 um die Luftfahrt erweitert. Die EU hat sich zudem verpflichtet, bis 2020 den CO2-Ausstoss um mindestens 20 Prozent zu senken. Das verknappt die Emissionsrecht. Wenn die USA mit einem eigenen Emissionshandel beginnen, dürfte sich der Gesamtmarkt verdrei- oder sogar vervierfachen, erwartet IETA-Direktor Aalders. Japan, Australien und Neuseeland wollen ebenfalls zum Emissionshandel übergehen. Zudem wird der schwierige Übergang vom Auslaufen des Kyoto-Protokolls zum Inkrafttreten der neuen Regelung finanziell abgefedert: Fünf europäische Banken, darunter die Europäische Investitionsbank und die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau, haben einen Fonds aufgelegt, um Kohlendioxidkredite für die Zeit nach 2012 zu finanzieren.

Der Kohlendioxidmarkt hat seinen Aufstieg erst begonnen. Derzeit legt er nur eine Verschnaufpause ein.

 

Bild: Das dänische Klimaministerium, Gastgeber des Weltklimagipfels im Dezember in Kopenhagen, hat mit einer Aktion vor dem dänischen Regierungssitz Schloss Christiansborg den Umfang einer Tonne Kohlendioxid sichtbar gemacht (Klima- und Energieministerium, Kopenhagen).

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