Wenn man über Solararchitektur spricht, fällt in Fachkreisen immer der Name eines der Pioniere dieses Fachs: Rolf Disch. Der nimmermüde Solarbau-Meister ist der Mann der ersten Stunde. Sein ganzheitlicher Ansatz geht weit über die reine Architektur hinaus, sagt dessen Assistent Tobias Bube. Zur Planung gehöre auch ein Verkehrskonzept und der Einbezug sozialer Aspekte mit besonderem Augenmerk auf dem demografischen Faktor.
Eva Glauber:Baut das Architekturbüro Rolf Disch nur neue Häuser oder werden auch Sanierungen von Altbauten gemacht? Tobias Bube:Wir machen hauptsächlich Neubauten. Und da liegt im Moment der Schwerpunkt auf dem Siedlungsbau. Aber es gab auch schon Sanierungsprojekte. Altbau ist ja fast ein noch größeres Schlüsselthema für die Energiefrage, weil der Bestand so unendlich viel Energie verbraucht. Wir müssten eigentlich fünf Prozent pro Jahr sanieren, damit wir in zwanzig Jahren damit durch sind. Das ist jedoch keine klassische Aufgabe für ein Architekturbüro. Wir können auch sanieren, aber eigentlich holen sich die Leute einen Energieberater und lassen das von ihm machen. Eva Glauber:Seit wann stehen die Häuser in der Solarsiedlung Am Schlierberg? Tobias Bube:Die Häuser in der Solarsiedlung sind nach und nach gebaut worden. Die erste Häuserzeile steht seit 2000, der Gewerbebau der Solarsiedlung, das Sonnenschiff steht seit 2006/2007. Mittlerweile sind es 59 Häuser. Eva Glauber:War bei der Solarsiedlung von Anfang an das Ziel, ein ganzheitliches Projekt zu machen - also Energiespar- oder Plusenergiehäuser zu bauen, dazu dann die passenden Läden, die Straßenbahnanbindung an die Stadt und Car-Sharing? Oder hat man erstmal wirklich nur die Energiesparhäuser erstellt und dann das andere überlegt? Tobias Bube:Was die Geschichte des Architekturbüros angeht, gab es immer ganzheitliche Konzepte. Wir haben relativ viele Siedlungsorte hier in Freiburg gestaltet. Auch bei denen, die schon 20 Jahre alt sind, gibt es immer ein Verkehrskonzept, das möglichst versucht, die Außenflächen von Autos frei zu halten. Sie werden auch sehen, dass es ein soziales, ein kommunikatives Konzept gibt, dass es Spielmöglichkeiten für die Kinder gibt. All diese Dinge, das hat Disch schon seit 40 Jahren so gemacht. Eva Glauber:Gibt es denn so etwas wie ein auslösendes Moment? Tobias Bube:Der ökologische Aspekt ist in der Region Freiburg durch die Erfahrung mit dem Atomkraftwerk Wyhl verstärkt worden, das in den 70er Jahren gebaut werden sollte und von der Bevölkerung verhindert wurde. Da musste man sich überlegen: Wenn man kein AKW will, was kann man als Alternative anbieten. Nachhaltiges Bauen heißt für uns energieeffizientes Bauen; und noch eins draufgesetzt: mit Häusern mehr Energie zu produzieren, als die Bewohner insgesamt verbrauchen. Dazu gehört auch ein Wasserkonzept. So ist zum Beispiel der Boden immer möglichst wenig versiegelt. Eva Glauber:Und für die Zukunft? Tobias Bube:Es gibt neue perspektivische Überlegungen. Wenn der Individualverkehr mit Strom funktionieren wird, also wenn wir Elektroautos kriegen, könnten die Häuser diese Mobilität im Grunde mitversorgen. Ein Aspekt, der eine immer größere Rolle spielt, ist der demografische Faktor. Die Häuser müssen so flexibel sein, dass man sie anders aufteilen kann, dass mehrere Generationen in einem Haus wohnen können. Wir versuchen auch eine Lösung zu finden, dass Wohnen und Arbeiten zusammen kommt, dass kurze Wege entstehen, dass die Infrastruktur vor Ort ist, damit man eben nicht mit dem Auto durch die Gegend fahren muss. Eva Glauber:Hat man mittlerweile im Alltag Mängel an oder in den Häusern entdeckt, von denen man gar nicht wissen konnte und die man jetzt umständlich beheben muss? Zu feuchte oder zu trockene Luft etwa? Tobias Bube:Grundsätzlich gab es hier nur ein technisches Problem, da ging es um die Wechselrichter. Photovoltaikdach produziert Gleichstrom und nicht Wechselstrom mit hohen Voltzahlen. Dafür braucht man Transformatoren. Und die waren am Anfang sehr, sehr anfällig. Das hieß natürlich dass man Verluste hatte. Wir haben sie ausgewechselt, und seit dem läuft es. Wenn Sie im übrigen die Bewohner hier fragen, die fühlen sich hier pudelwohl. Es ist einer dieser Mythen, die umlaufen über die Plusenergiehäuser, dass die Luft so schrecklich trocken sei, weil es da eine sogenannte Zwangsbelüftung gibt. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil, diese Lüftung zusammen mit anderen Faktoren erzeugt gesunde Raumluft. Wir hatten hier zwei Fälle von Hausbewohnern, deren Asthma weg war ein paar Monate, nachdem sie eingezogen waren. Eva Glauber:Wie ist die Zusammenarbeit mit dem örtlichen Stromversorger? Kooperieren sie oder stellen sie sich quer? Verwandte Themen| { Haldenstein bewegt, 29.04.09 } | | { Kopenhagen wird klimaneutral, 19.03.09 } | | { Toggenburg wird energieautark, 17.02.09 } | | { Auf kleinerem Fuss leben, 13.02.09 } | | { Weit mehr als Alphütten-Flair, 04.02.09 } | | { Wachsen mit Minergie, 02.02.09 } | | { Ökostadt statt Flugzeugen?, 29.01.09 } | | { Fortschritt nach Schweizer Art, 16.01.09 } | | { Mit Stroh bauen, 07.01.09 } | | { Zukunftswerkstatt Ökodorf?, 05.01.09 } | | { Häuserbauer als Energiesparer, 17.11.08 } | | { Dicht und gemischt, 21.10.08 } | | { Grüne Stadt in der Wüste, 03.10.08 } |
Tobias Bube:Die Zusammenarbeit findet im Grunde auf drei Feldern statt. Erstens muss Badenova den Strom abnehmen, der produziert wird. Das ist gesetzlich geregelt. Da gibt es auch keine Probleme. Zweitens ist für die Solarsiedlung und für das gesamte Vauban-Quartier ein Blockheizkraftwerk gebaut worden. Wir haben hier keine termische Solaranlagen und auch sonst keine Heizung im Haus, sondern wir haben Nahwärmenetz und das ist da angeschlossen. Die Badenova weiss, wie man ein Blockheizkraftwerk baut, das ganz o.k. ist. Man könnte es sicher noch besser machen. Das Kraftwerk ist dafür ausgelegt, dass man da Biomasse – in unserem Fall: Holzhackschnitzel – oder auch Gas verbrennen kann. Für unseren Geschmack wird zu viel Erdgas verheizt. Zum Dritten hatten wir gerade in letztere Zeit immer wieder Termine mit der Badenova, bei denen es um die Zukunftsperspektiven ging. Auch da kann man sagen, dass die Badenova dabei ist aufzuwachen und ganz gute Ideen zu entwickeln. Da sind wir sehr gespannt, ob wir dann Projekte zusammen angehen. Eva Glauber:Was kann man daraus in anderen Regionen lernen? Tobias Bube:Die lokalen Energieunternehmen werden sich umstellen müssen. Sie wollen ihre Produkte verkaufen, aber es ist auch klar, dass wir energieeffizienter werden müssen, sehr, sehr viel energieeffizienter. Und das ist ein Interessenskonflikt. So ein Unternehmen hat aber die Möglichkeit, selbst für den Bau effizienter, dezentraler Kraftwerke mit regenerativen Energien zu sorgen. Das kann sogar so weit gehen, dass sie Angebote an Hausbesitzer machen, denen sie sagen, wir bauen euch – oder einem ganzen Straßenzug Minikraftwerke. Das hat sehr viel mit Stadtplanung zu tun. Bei uns hier kann es durchaus sein, dass wir in nächster Zeit sehr viel mit der Badenova kooperieren werden. Eva Glauber:Insofern haben Sie wohl mit dazu beigetragen, dass Badenova in diese Richtung geht… Tobias Bube: ... nicht nur wir alleine. Hier im Haus sitzt auch der Herr Makowski, der baut Windräder. Der hat mit der Badenova zusammen schon Einiges auf die Beine gestellt. Eva Glauber:Was kann man eigentlich „verdienen“, wenn man in einem dieser Häuser lebt? Tobias Bube:Wir haben hier einen Mieter, der war ganz begeistert, das aufzuschlüsseln. Es läuft darauf hinaus, dass er einen Heizenergiebedarf von 150 Euro pro Jahr hat! Bei einem vergleichbaren anderen Haus hätte man bestimmt 2500 Euro im Jahr an Heizkosten, wenn nicht noch mehr. Sie sehen, da gibt es Einsparungen von minimal 2000 Euro. Das zweite ist die Solaranlage. Die Leute speisen den gesamten produzierten Strom ins Netz ein und kaufen den Eigenbedarf wieder zurück. Die Kosten hängen davon ab, wann das Haus gebaut worden ist und wie hoch die Einspeisevergütung war, die jeweils vereinbart wurde. Am Anfang lag sie bei über 50 Cent. Wenn Sie jetzt bauen, bekommen sie 43 Cent pro Kilowattstunde. Mit einer mittleren Solaranlage, wie wir sie hier auf dem Dach haben, sind das 3000 Euro im Jahr an Einnahmen. Eva Glauber:Sind alle Häuser belegt? Tobias Bube:Bis auf ein Haus, das wir uns als Musterhaus vorbehalten haben, sind alle Häuser belegt. Die meisten sind verkauft, zwei Häuser gehören noch der SolarsiedlungsGmbH - der Bauträgergesellschaft - sind aber schon vermietet. Die Vermarktung des Konzeptes war auch kein großes Problem. Die meisten unserer Besitzer haben das Geld als Investition aufgebracht, das sind keine Selbstnutzer. Die tun das sicher aus Überzeugung, aber auch, weil es eine vernünftige und sichere Rendite gibt. Sie brauchen nicht nachzurüsten, es kann ihnen herzlich egal sein, wir hoch die Energiepreise klettern, weil sie nur 150 Euro ausgeben müssen – und lassen sie es doppelt hoch sein, das ist keine Summe! Im Gegenteil: Sie speisen ein und kriegen Geld. Eva Glauber:Freiburg gilt als besonders sonnenverwöhnt. Würde das Konzept auch sagen wir – im Ruhrgebiet funktionieren? Tobias Bube:Auf jeden Fall! Wir haben letztes Jahr eine große Aktion gestartet und alle 11.000 Bürgermeister in Deutschland angeschrieben. Dabei haben wir signalisiert, dass sich Kommunen beim Projektieren von Neubaugebieten überlegen sollten, ob sie sich nicht an die Spitze der Bewegung setzen und sagen: Wir machen das beste, was auf dem Markt ist, und bauen eine Plusenergiesiedlung. Daraus sind inzwischen etliche Planungen entstanden, die über ganz Deutschland verstreut sind – in Köln, in Nürnberg, in Ulm, um nur drei zu nennen. Wir werden sehen, was davon realisiert wird. Wir machen erstmal Bebauungspläne, das ist der erste Schritt, mit Energiekonzept, mit Verkehrskonzept mit allen den Aspekten, die ich vorhin erwähnt habe. Gestern hatten wie übrigens eine Delegation aus einer norddeutschen Stadt hier, Leute von der Wohnungsbaugenossenschaft. Sie waren sehr skeptisch und haben gesagt, sie hätten zu wenig Sonnenstunden dort. Aber das ist kein Problem! Man muss diese Sachen nicht in der Sahara bauen. Überall, wo Gras wächst, können Sie eine Photovoltaikanlage hinstellen. Das hat nicht mit Sonne, sondern auch viel mit Licht zu tun. Eva Glauber:Welches Echo gab es auf die Plusenergiehäuser aus der Architektenwelt? Gab es auch Kritik? Tobias Bube:Wenn Sie sich die Liste der Architekturpreise ansehen, die Herr Disch gekriegt hat, spricht das eine deutliche Sprache. Sie finden immer Leute, denen irgendwas nicht gefällt. Das ist bei jedem Haus so. Wir haben einen Preis gekriegt für das schönste Wohnhaus. Die Jurys sind mit Leuten besetzt, die wissen, was sie machen. Da können wir uns wirklich nicht beschweren. Für uns sind technische Bauteile vorgegeben - wie Solardächer, und darin liegt dann die Herausforderung. Das macht den Architektenberuf gerade spannend, einen Weg zu finden, dass das auch noch gut aussieht. Ich glaube, dass das zum Beispiel in der Siedlung Am Schlierberg mit den weit heruntergezogenen Dächern sehr gut gelungen ist. Zudem haben die Dächer noch die Funktion, im Sommer die Balkone und die Zimmer zu beschatten. Iim Winter scheint die niedrig stehende Sonne trotzdem herein. Jedenfalls sieht es viel besser aus, als nachträglich angebrachte Panelle, die wie Briefmarken auf das Dach geklebt werden und dann kommen wüst noch solartermische Anlagen dazwischen. Hier ist es einfach konsequent durchgehalten: Solaranlage ist das ganze Dach. Zur Person:
Tobias Bube – freier Journalist – arbeitet seit mehreren Jahren hauptsächlich in der Medienbetreuung des Architekturbüros Rolf Disch.
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