Freiburg im Breisgau wird wegen seines warmen Klimas auch Hauptstadt der deutschen Toskana genannt. Öko-Vorzeigeprojekte wie die Passivhaus-Siedlung „Am Schlierberg“ - das modernste Solarwohnbauprojekt Europas - locken Besucher aus aller Welt an den Fuss des Südschwarzwalds.
Früher turnten auf dem Sportplatz französische Soldaten, kickten in der Freizeit den Ball und hievten sich über Holzhindernisse, wie es die Nato-Richtlinie für Körperertüchtigung verlangte. Im letzten Haus des grossen Kasernenareals war die Kantine, davor standen oft die jungen Köche in ihren weissen Kochmützen in der Sonne und rauchten ihre Gaulloise. Weiter hinten war der Fuhrpark der Besatzermacht untergebracht, Panzer, Jeeps und hässlich-farbene Lastwagen mit Planen. Anstelle der früheren Kaserne, des Sportplatzes und der Wiesen drum herum ist an der Merzhauser Strasse in Freiburg ein ganzer neuer Stadtteil entstanden. Wo die Vauban-Kaserne war, stehen jetzt schmucke Häuserzeilen, Kinderrollis und Fahrräder, Pflanzenkübel und Spielplätze. Der Stadtteil Vauban – so heisst der Wohnquartier heute – ist gänzlich autofrei. Heim deutscher Öko-ElitenAuf der anderen Seite der viel befahrenen Merzhauser Strasse ragt das „Sonnenschiff“ gen Himmel, ein Neubau mit avantgardistischer Fassade, Cafe, Bio-Lebensmittelläden, Drogerie und Büroräumen. Hier ist die deutsche Ökoelite zu Hause. Im Sonnenschiff sitzt eine der Niederlassungen des renommierten Öko-Instituts. Nebenan konstruiert Rolf Disch seine Solarhäuser. Ausserdem plant die Ökostromgruppe Freiburg um Andreas Markowsky hier ihre Windräder. Wohnen und arbeiten gehen im „Sonnenschiff“ ineinander über – so wie es dem Architekten Rolf Disch schon immer vorschwebte. Längst schon ist für den Pionier des Solarbaus die Kunst des Häuserbauens und die Philosophie miteinander verschmolzen. Der 65-Jährige selbst lebt diese Lebensauffassung unweit des Sonnenschiffes auch vor: Mit seiner Frau bewohnt er seit 1994 das Heliotrop-Haus und benötigt weder ein Auto noch ein öffentliches Verkehrsmittel, um ins Büro zu kommen. Auf dem Dach des Sonnenschiffes machen zwischen grünem Gebüsch fünf Penthäuser eine gute Figur und bieten nebenbei auch noch einen traumhaften Blick zum Schwarzwald und ins Rheintal. Verwandte Themen| { Haldenstein bewegt, 29.04.09 } | | { Minergie-Fenster mit FSC-Holz, 26.03.09 } | | { Kopenhagen wird klimaneutral, 19.03.09 } | | { Es braucht Vorbilder, 05.03.09 } | | { Toggenburg wird energieautark, 17.02.09 } | | { Stadtlandschaft statt endloser Brei, 16.02.09 } | | { Linzer solarCity muss wachsen, 13.02.09 } | | { Auf kleinerem Fuss leben, 13.02.09 } | | { Weit mehr als Alphütten-Flair, 04.02.09 } | | { Wachsen mit Minergie, 02.02.09 } | | { Ökostadt statt Flugzeugen?, 29.01.09 } | | { Schweizer zieht es an den Golf, 20.01.09 } | | { Fortschritt nach Schweizer Art, 16.01.09 } | | { Mit Stroh bauen, 07.01.09 } | | { Zukunftswerkstatt Ökodorf?, 05.01.09 } | | { Häuserbauer als Energiesparer, 17.11.08 } | | { Briten steigen bei Masdar ein, 07.11.08 } | | { Grüne Stadt in der Wüste, 03.10.08 } |
Wohnungen liefern Strom ins NetzHinter dem Sonnenschiff duckt sich die Solarsiedlung am Schlierberg. Die 60 Plusenergiehäuser und das Wohn- und Geschäftshaus Sonnenschiff, gelten als modernstes solares Wohnbauprojekt Europas. Die Plusenergie-Bauten, zwei davon sind Zweifamilienhäuser, leuchten in fröhlichen Farben, allesamt haben tief hinunter gezogenen Dächer, die an die traditionellen Schwarzwälder Bauernhäuser erinnern. Auch hier ist kein Auto zu sehen. Dennoch steht Mobilität keineswegs im abseits: Zwei Carsharing-Wagen stehen für alle diejenigen zur Verfügung, die doch mal einen fahrbaren Untersatz brauchen. Daneben gibt es auch Velos zum Leihen und wem das zuwenig ist, kann ein Sammeltaxi bestellen. Abgesehen davon ist die Strassenbahnhaltestelle direkt vor der Nase. Alle Reihenhäuser sind nach Süden ausgerichtet und stehen so, dass auch im Winter noch Sonneneinfall gewährleistet ist. Das Beste an diesen Häusern ist aber, dass sie ihrem Besitzer neben Komfort hartes Geld einbringen – im wahrsten Sinne des Wortes. Perfekt und mit besten Materialien gedämmt sind sie im Winter mollig warm und lassen andererseits lästige Sommerhitze nicht ins Haus hinein. „Die Heizkörper in den Räumen funktionieren zwar auch, sind hier aber eher aus psychologischen Gründen angebracht“, sagt Tobias Bube. Der PR-Verantwortliche im Architekturbüro Rolf Disch zeigt und erklärt Interessierten die Wohnsiedlung, das Heliotrop und das Sonnenschiff. Längst schon hat er alle Zahlen der Siedlung im Kopf. Aber als ihm unlängst ein Bewohner eine genaue Aufstellung seiner eingesparten Heizkosten unter die Nase hielt, musste selbst Tobias Bube zweimal hinschauen. „Wenn ein vergleichbar grosses konventionelles Haus für die Heizkosten jährlich etwa 2.500 oder 3.000 Euro ausgeben muss, kommt ein Bewohner dieser Solarsiedlung auf keine 300 Euro. Jährlich, wohlgemerkt!“. Besucher vom gesamten GlobusDass dieses Wunder oft besichtigt wird, wundert nicht. Aus aller Herren Länder kommen Delegationen und spazieren durch die Siedlung an den mittlerweile leicht genervten Bewohnern vorbei. Das Architekturbüro kann sich vor Anfragen kaum retten und überlegt schon, eine Gebühr einzuführen – wie in einem Freilichtmuseum. In der Solarsiedlung wird allerdings nicht Vergangenes gezeigt, sondern Künftiges. Vorerst aber wird die Präsentation weiterhin grossgeschrieben, weiterhin werden Interessierte herumgeführt. Das Architekturbüro Rolf Disch hat sogar alle 11.000 Bürgermeister der deutschen Städte angeschrieben, um ihnen die Ökobauweise mitsamt regenerativer Energieversorgung für ihre städtischen Grundstücke schmackhaft zu machen. Viele der Bürgermeister haben sich bereits gemeldet und bekunden Interesse. Viele meinen aber auch, sie hätten in ihren Breitengraden für eine solche Siedlung zu wenig Sonne. In der Tat kommt mit Freiburg keine andere deutsche Stadt mit: die Breisgaumetropole ist mit 1750 Sonnenstunden jährlich mit Abstand die sonnigste Stadt Deutschlands. Dennoch muss der gebürtige Freiburger Disch über die Skepsis der Kommunalpolitiker von der Waterkant im hohen Norden Deutschlands lachen. „So eine Siedlung kann auch in Flensburg stehen“, beharrt der Architekt. „Die Technik ist ausgereift.“ Man muss es ihm glauben, er hat damit immerhin zwanzig Jahre Erfahrung und heimste unzählige Preise dafür ein. Bild Frontseite: Solarsiedlung am Schlierberg Bild Textseite: Solar-Geschäftshaus Sonnenschiff
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