Die Wirtschaftskrise ist keine Gefahr für den Klimaschutz, sondern eine Chance, sagt René Estermann, Geschäftsführer von myclimate. Interview mit einem Optimisten über den Aufschwung im Handel mit CO2-Kompensation, seriösen Klimaschutz und die Vision einer klimaneutralen Schweiz.
Markus Binder: Die Weltwirtschaft schlittert in eine Rezession. Kann man da als Klimaschützer noch optimistisch bleiben? René Estermann: Ja, auf jeden Fall. Im Zug heim von der Klimakonferenz in Polen im letzten Dezember sprach ich mit einem jungen polnischen Ingenieur. Er erklärte mir, dass in Polen ab 2009 sämtliche neuen Gebäude einen Energieeffizienzausweis benötigen. Das stimmt mich positiv. Ebenso die rasch wachsende Anzahl klimafreundlicher Produkte, wie emissionsärmere Autos oder energieeffizientere Gebäude. Markus Binder: Die Wirtschaftskrise wird also dem Klimaschutz nicht schaden? René Estermann: Nein, im Gegenteil, die Krise ist eine Chance. Es gibt starke Bekenntnisse für einen «Green New Deal», etwa von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon oder von Barack Obama. Und es gibt eine Menge kompetenter, engagierter Wirtschaftsführer, Politiker und Wissenschafter, die sich aktiv für den Klimaschutz einsetzen. Die Wirtschaftskrise soll genutzt werden für einen fundamentalen Umbau Richtung Nachhaltigkeit mit mehr erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz-Technologien. Markus Binder: Viele Klimaschützer sind die Versprechungen der Staatschefs nur leere Worte. Glauben Sie noch daran, dass Ende 2009 in Kopenhagen ein Nachfolgeabkommen für Kyoto zustande kommt? Verwandte Themen| { Impulse kommen aus der Wirtschaft, 08.05.09 } | | { Energie muss teurer werden, 15.04.09 } | | { Diese Chance muss genutzt werden, 02.04.09 } | | { Fliegen ohne Treibhausgas, 20.03.09 } | | { Hoffen auf Obama, 11.03.09 } | | { Veränderung durch Konsum, 02.03.09 } | | { Ziel wird verfehlt, 26.02.09 } | | { Wirtschaft braucht neue Regeln, 24.02.09 } | | { Klimaabkommen hat Vorrang, 28.01.09 } | | { Schmerzhafter Wandel, 23.12.08 } | | { Heute an morgen denken, 23.12.08 } | | { EU will besseres Klima, 12.12.08 } | | { Leuenberger wirbt für Abgabe, 11.12.08 } | | { Trügerische Idylle, 11.12.08 } | | { Wohlstand dank Ökologie, 02.12.08 } | | { Jetzt handeln, 07.11.08 } |
René Estermann: Der Prozess dieser globalen Klimaverhandlungen ist zwar enorm zäh und träge, doch ich bin zuversichtlich, dass in Kopenhagen Schritte in die richtige Richtung vereinbart werden können. Auch wenn es gemächlicher vorwärts geht, als ich mir wünschte, die Richtung stimmt. Markus Binder:Viele Firmen haben Sparprogramme eingeleitet. Wie viel weniger werden Unternehmen in den Klimaschutz investieren? René Estermann: Wenn die anstehenden Umstrukturierungen oder die staatlichen Konjunkturprogramme die richtigen Anreize setzen, könnte im Gegenteil sogar mehr in den Klimaschutz investiert werden. Die Autoindustrie zeigt es doch sehr deutlich: eine Zukunft hat nur, wer schnell mit energieeffizienteren Fahrzeugen und neuen Antriebstechnologien auftrumpfen kann. Erneuerbare Energien und Energieeffizienz haben immer noch Hochkonjunktur. Markus Binder: Zur Klimapolitik der Schweiz: Reicht es, wenn das Benzin um 15 Rappen pro Liter verteuert wird, wie dies der Bundesrat vorschlägt? René Estermann: Sicher nicht. Attraktiv für den Wirtschaftsstandort und Wohnort Schweiz wären ambitionierte Klimaziele, zum Beispiel eine klimaneutrale Schweiz. Nötig wären aber auch ambitionierte Normen für Autos und Gebäude und den Einbezug einer Vielfalt wirksamer Instrumente wie Innovations- & Technologieförderung, den CO2-Emissionshandel, die CO2-Produktedeklaration und innovative Klimabildung. Markus Binder: Ihre Organisation ist im letzten Jahr enorm gewachsen. Sie haben die Beiträge auf rund vier Millionen Franken vervierfacht. Weshalb? René Estermann: Weil seit Ende 2006 das Bewusstsein für den Klimawandel enorm gewachsen und weil myclimate seit ein paar Jahren sehr gut positioniert ist. Wir haben exzellente Kontakte zu Kunden und sehr gute Klimaschutzprojekte aufgebaut. Unser Projekt im indischen Karnataka hat zum Beispiel die weltweit ersten Gold Standard Kyoto-Zertifikate erhalten. Der Gold Standard wurde unter Federführung des WWF entwickelt und fordert neben der Emissionsreduktion auch den Einbezug der lokalen Bevölkerung und eine nachhaltige Entwicklung. Markus Binder: Finden Sie in diesem rasanten Wachstum überhaupt genügend gute Klimaschutzprojekte? René Estermann: Das ist ein Luxusproblem. Der Energiehunger auf der Welt ist riesig, vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern und insbesondere bei den erneuerbare Energien. Markus Binder: Wie aber stellen Sie sicher, dass die Projekte seriös sind? René Estermann: Wir suchen uns sehr sorgfältig glaubwürdige und leistungsfähige lokale Partner aus. Alle Projekte lassen wir zudem nach den höchsten internationalen Standards der UNO und anderer NGOs extern validieren und verifizieren. Die Projekte erhalten von uns die Beiträge erst nach jährlicher externer Prüfung, also leistungsbezogen pro tatsächlich reduzierte Tonne CO2. Markus Binder: Gleichzeitig drängen immer mehr Firmen in den Emissionsmarkt, es sind bereits über 100. Drückt das nicht den Preis für eine Tonne Kohlendioxid? René Estermann: Wie überall gibt es auch hier Billigstanbieter. Firmen, die zu uns kommen, wollen aber nicht möglichst billig kompensieren, sondern bestmögliche Projekte unterstützen. Und in unseren Projekten in Entwicklungsländern kostet die Tonne CO2 dann halt zwischen 14 und 50 Euro und nicht sechs Euro. Markus Binder: Das heisst doch aber, Klimaneutralität ist billig zu haben, und jedes Unternehmen kann sich rühmen, klimaneutral zu sein. René Estermann: "Klimaneutral" ist kein geschützter Begriff aber myclimate ist geschützt und steht für höchste Standards. Wir haben bisher kaum Marketing betrieben und trotzdem erhalten wir viele Anfragen, aus der ganzen Welt. Markus Binder: Mit den Klima-Flugtickets ist myclimate in der Bevölkerung bekannt geworden. Wie viele Personen fliegen jährlich mit einem myclimate-Ticket? René Estermann:Einige Zehntausend. Markus Binder:Das scheint mir sehr wenig, wenn man bedenkt, dass Swiss alleine jeden Monat über eine Million Passagiere befördert. René Estermann: Ja, doch es ist ein guter Start und bietet eben noch sehr viel Potential. Mit den allen Spenden von 2007 können wir insgesamt immerhin 100 000 Tonnen CO2-Reduktionen in unseren Projekten realisieren und mit jenen von 2008 sogar doppelt soviel. Markus Binder: Weshalb kaufen nicht mehr Flugreisende ein Klimaticket? René Estermann: Es funktioniert dort gut, wo der Kunde gleichzeitig mit dem Kauf des Flugtickets auch die Kompensation realisieren kann. Auf der Internetseite von "TUIfly" ist dies der Fall und jeder Zweite kauft dort ein myclimate-Ticket. Bei "Swiss" bezahlt man zuerst das Ticket und kann dann erst in einem zweiten Schritt den Zuschlag kaufen. Diese Hürde hält leider viele davon ab. Markus Binder: Diese Tickets sind unter dem Begriff "Ablasshandel" kritisiert worden. René Estermann: Damit wird versucht, einem neuen, pragmatischen Mechanismus, der vielleicht nicht so rasch verständlich ist, einen billigen, negativen moralischen Touch zu geben, um das Nichtstun zu rechtfertigen. Markus Binder: Darf man denn ein Klimaschutzprojekt immer noch "Klimaschutzprojekt" nennen, wenn das CO2, das in Afrika eingespart wird, in Europa wieder rausgelassen werden darf? Ist es dann nicht ein Klimanullsummenspiel? René Estermann: Nein. Unser Motto ‚make the best and offset the rest’ bedeutet im eigenen Handlungsbereich die CO2-Emissionen so tief wie möglich zu halten und die restlichen Emissionen auszugleichen. Unsere Projekte führen zu einer messbaren Reduktion der Emissionen. Jemand der sowieso fliegt unterstützt mit seinem Beitrag diese Projekte, die ohne den Ausgleichsbeitrag nicht entstanden wären. Damit wir ein Projekt unterstützen muss es also additionell sein, extern verifiziert und nachhaltig. Markus Binder: Wenn mehr geflogen würde, wäre aber der Effekt dahin. René Estermann: Richtig. Wer aber ein Klimaticket kauft, ist klimasensibilisiert und versucht in seinem Einflussbereich die CO2-Emissionen möglichst gering zu halten. Markus Binder: Kürzlich hat eine Studie des WWF gezeigt, dass rund ein Drittel der Kyoto-Projekte nicht additionell sind. Sie wären also auch sonst realisiert worden oder führen nicht zu einer Reduktion der Emissionen. René Estermann:Unsere Projekte wurden darin nicht bemängelt. Die Projektqualität ist aber tatsächlich eine Herausforderung. Das bestätigt uns darin, dass wir nur höchste Standards anwenden und Projekte sehr sorgfältig auswählen. Der WWF ist übrigens auch einer unserer besten Kunden. Markus Binder: Ist der Emissionhandel nicht auch problematisch? Ein Land, das damit seine Dreckschleudern vergolden lassen kann, wird nicht von sich aus schärfere Umweltgesetze erlassen. René Estermann: Ich sage nicht, dass Emissionshandel die Klimaprobleme allein lösen kann, aber es ist ein effizientes, pragmatisches Instrument. Der Klimawandel ist ein globales Problem und muss mit einer Vielzahl verschiedenster globalen und lokalen Lösungen begegnet werden. Der Emissionshandel ist eine davon. Er vermindert das Marktversagen und fördert rasch realisierbare, effektive Lösungen. Natürlich müssen die Normen und Gesetzgebungen in diesen Ländern kontinuierlich verbessert werden. Doch diesbezüglich haben wir ja auch bei uns noch einigen Handlungsbedarf, wenn ich an unsere immer noch wenig ambitiösen CO2-Emissionsnormen für Autos oder Gebäude denke. Markus Binder: Ist es nicht eine Lebenslüge, grün sein zu wollen, ohne dass es weh tut, ohne auf etwas verzichten zu müssen? René Estermann: Was heisst schon verzichten? Es ist völlig in Ordnung, meistens zu Fuss, mit dem Velo oder dem ÖV unterwegs zu sein, wenn nötig ein effizientes Auto zu fahren, in einem schönen, energiesparenden Haus mit erneuerbaren Energien zu wohnen, feine regionale, saisongerechte Spezialitäten zu geniessen und die Restemissionen pragmatisch und sinnvoll über myclimate-Klimaschutzprojekte zu kompensieren. Markus Binder: Nicht zu fliegen und ein Klimaschutzprojekt zu unterstützen wäre aber noch besser. René Estermann: Ja, aber reisen bildet. Wir sollten nicht versuchen, unsere Umwelt nur so wenig wie möglich zu schädigen. Vielmehr sollten wir die Vision verfolgen, ihr und uns so viel wie möglich zu nützen. Also in einem Flugzeug fliegen, das uns und der Umwelt nützt und gleichzeitig Klimaschutzprojekte zu unterstützen. Zur Person: ETH-Agrarwirtschafter René Estermann ist seit Anfang 2007 Geschäftsführer von myclimate. Der 42-jährige ist seit 18 Jahren in der Umweltbranche tätig, verheiratet und Vater von drei Kindern. myclimate ist 2002 als ETH-Spin-off entstanden und hat seither weltweit mit Partnern 22 Klimaschutzprojekte für die freiwillige Kompensation von Treibhausgasen initiiert. Die Organisation besteht aus einer Stiftung und einem Verein, die beide gemeinnützig und von den Steuern befreit sind. Im Patronatskomitee sitzt unter anderem Bundesrat Moritz Leuenberger. Bild: René Estermann, ZVG myclimate
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