Elektroschrott im Mixer

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Geschrieben von: Markus Binder, Regensdorf 13.05.09
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Regensdorf - Ausgediente Computer und Fernseher werden in der Schweiz gratis zurückgenommen. Der Konsument hat bereits beim Kauf fürs Recycling bezahlt. Dieses System der Wiederverwertung besteht nun seit 15 Jahren. Völlig gelöst hat es das Problem des Elektroschrotts damit aber noch nicht.

Es ist eine Höllenmaschine. Sie kracht gewaltig, stiebt zwischendurch und riecht wie ein Schrottplatz. Ihr Mahlwerk verschlingt jährlich 18'000 Tonnen Telefone, Fernseher und Computer und spuckt am Schluss säuberlich getrennt wertvolles Granulat in riesige weisse Säcke – Kupfer hier, Aluminium dort. In einer Halle so gross wie ein Fussballplatz am Rande des Industriegebiets in Regensdorf betreibt die Firma Immark AG die grösste Recyclingmaschine für Elektroschrott der Schweiz. Pausenlos laden Lastwagen Geräte ab. 14 Kilogramm pro Kopf fallen jährlich in der Schweiz an, insgesamt über 100'000 Tonnen.

Pionierland Schweiz

Seit 1994 Jahren bezahlt der Konsument beim Kauf eines elektronischen Gerätes auch gleich dessen Entsorgung, mit der vorgezogenen Recycling-Gebühr (vRG) – 7 Franken für einen Computer, 7 Rappen für ein Mobiltelefon. Damit war die Schweiz weltweit das erste Land, in welchem man elektronische Geräte gratis beim Händler zurückgeben konnte. Ein Erfolgsmodell, sagen alle Beteiligten; die acht Schweizer Recyclingunternehmen, die Materialforschungsanstalt Empa sowie die Stiftung Entsorgung Schweiz (Sens) und der Schweizerische Wirtschaftsverband der Informations-, Kommunikations- und Organisationstechnik (Swico) welche das Recycling organisieren. Selbst die Umweltorganisation Greenpeace spricht von einem «soliden Rücknahmesystem».

Sorgenkind Mobiltelefon

85 Prozent der Geräte werden so heute in der Schweiz fachgerecht entsorgt. Giftige Teile wie bleihaltige Fernsehröhren oder kadmiumhaltige Batterien werden manuell entfernt und landen viel seltener in der Kehrrichtverbrennung oder im Wald. Was wertvoll ist, wird wiederverwertet, wie Kupfer, Eisen oder Nickel. Das einzige Sorgenkind der Wiederverwerter ist das Mobiltelefon. Nur 15 Prozent der Geräte werden zurückgegeben. Deshalb wird Swico am Freitag und Samstag, 15. und 16. Mai an zwei Aktionstagen eine Sammelaktion durchführen: Wer ein altes Mobiltelefon zurückgibt erhält eines aus Schokolade.

Die Wiederverwerter sind an den Mobiltelefonen sehr interessiert. Darin ist mittlerweile das halbe Periodensystem der Metalle zu finden, darunter auch seltene Stoffe wie Indium. 70 Prozent der Einnahmen von Immark stammen aus den wieder verwertbaren Materialen, die Tendenz ist allerdings sinkend, da die Rohstoffpreise zusammengebrochen sind. Deshalb werden die Recycler bald mehr als 26 Rappen pro Kilo Elektroschrott erhalten, Swico-Geschäftsführer Paul Brändli rechnet mit 30 Rappen.

Immark spricht von einer Rückgewinnungsquote von 95 Prozent. Darin eingeschlossen ist aber nicht nur das Material, das wiederverwertet werden kann, sondern auch die Wärme, die genutzt wird bei der Verbrennung des Plastiks. Zwar sind in der Trennung von Kunststoff grosse Fortschritte erzielt worden, noch immer aber muss die Hälfte des Kunststoffs verbrennt werden, weil er zu hohe Werte giftigen Flammschutzmittels enthält. Laut Edy Birchler, Wertstoffverkäufer bei Immark, nimmt der Kunststoffanteil laufend zu.

Schweizer Schrott in Ghana

Die Schweiz hat das Recyclingproblem von Elektrogeräten gelöst und die Swico feiert diesen Monat 15 Jahre Recyclinggebühr. Aus der Welt geschafft ist das Problem des Elektroschrotts aber noch lange nicht. Das hat nicht zuletzt Greenpeace letztes Jahr mit einem Bericht über wilde Deponien in Ghana gezeigt. Dort nehmen Arbeiter, darunter viele Kinder, von Hand Geräte auseinander, um an die wertvollen Stoffe zu gelangen. Dabei vergiften sie sich selber und die Umwelt. «Die Zustände sind grauenvoll», sagt Matthias Wüthrich, Leiter der Chemiekampagne bei Greenpeace Schweiz. Unter den Exporteuren des Elektroschrotts nach Ghana war auch eine Schweizer Firma.

Eigentlich darf Schrott nicht aus der Schweiz ausgeführt werden. Die Kontrolle ist allerdings schwierig, denn der Handel mit Occasionsgeräten ist erlaubt. Etwa jeder fünfte Computer in der Schweiz wird weiterverkauft, vor allem nach Osteuropa und Afrika. Das Problem liegt allerdings nicht nur im illegalen Export von Elektroschrott, sondern auch im Recycling in den Entwicklungsländern. Diese produzieren selber viel Abfall und müssen dessen Entsorgung auch selber bewerkstelligen können. Das Bewusstsein dafür ist aber gering und es fehlen Infrastruktur und Gesetze. Die Empa ist deshalb zusammen mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) seit einigen Jahren mit dem Programm «Wissenspartnerschaften im E-Schrott-Recycling» in Indien, Südafrika, China, Kolumbien und Peru tätig und leitet die Arbeitsgruppe Recycling innerhalb der weltweiten StEP-Initiative («Solving the e-Waste Problem») der Uno.

Greenpeace macht Druck

Laut Mathias Schluep von der Empa braucht es mehr Geld und Aufmerksamkeit für das Problem des Elekroschrotts. Er schlägt vor, die Gebühr in der Schweiz mit einem Solidaritätsbeitrag leicht anzuheben, um den Technologietransfer in die Entwicklungsländer noch stärker zu fördern. Swico will die Gebühr jedoch so tief wie möglich halten und lehnt den Vorschlag als ineffizient ab. «International gesehen ist das Recycling in der Schweiz ein Klacks», sagt Geschäftsführer Brändli. Er begrüsst jedoch den Wissenstransfer sehr und empfängt regelmässig Delegationen aus dem Ausland.

Einen anderen Ansatz verfolgt Greenpeace. Die Umweltorganisation macht Druck auf die Hersteller und publiziert regelmässig einen «Guide to Greener Electronics» www.ewasteguide.info , bisher der einzige Wegweiser für Konsumenten. «Wir fordern, dass keine Gifte eingesetzt werden und die Hersteller auf der ganzen Welt auch für die Rücknahme der Geräte verantwortlich sind», sagt Wüthrich. Diese Strategie zeige Erfolge: «Immer mehr Hersteller denken um.» Den grünen Computer gibt es allerdings noch nicht.

Woraus besteht ein Computer?

Ein durchschnittlicher PC mit altem Röhrenbildschirm, wie er heute im Recycling landet, besteht zu 95 Prozent aus sechs Stoffen: Silizium (25 Prozent, Bildschirmglas), Kunststoff (24 Prozent, Gehäuse), Eisen (20 Prozent, Gehäuse), Aluminium (14 Prozent, Gehäuse), Blei (6 Prozent, Bildschirmglas) und Kupfer (6 Prozent, Kabel). In den restlichen 5 Prozent sind rund 30 Stoffe versammelt von Arsen bis Zink, darunter Gold, Silber, Zinn, Nickel, Titan, Kobalt und Cadmium sowie seltene Metalle wie Tantal, Rhodium, Ruthenium und Indium, die meisten davon auf der Leiterplatte.

Quecksilber in Flachbildschirmen

Für die Schweiz fordert Greenpeace ein Recycling-System, das Hersteller belohnt, die ohne giftige Chemikalien produzieren. Solche Anreize seien viel wirksamer als langwierig in jedem Land gewisse Chemikalien verbieten zu wollen. Auch Elektroschrott-Spezialist Schluep von der Empa setzt seine Hoffnungen nicht in Verbote: «Verbote kommen immer zu spät.» Tatsächlich stapeln sich bei Immark in einer Ecke der Halle Hunderte von Flachbildschirmen, deren zerbrechliche Neonröhrchen giftiges Quecksilber enthalten und nun vorsichtig von Hand ausgebaut werden müssen. Derweil wird erst über ein Verbot von Quecksilber nachgedacht. Für die Hersteller wäre dies kein Problem, sie haben bereits auf LED-Technik umgestellt, die kein Quecksilber mehr benötigt. Millionen von alten Flachbildschirmen sind aber schon im Umlauf und müssen in den nächsten Jahren entsorgt werden.

 

Bild: Maschine zur Verarbeitung von Elektronikschrott, Immark AG in Regensdorf (Markus Binder)

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