Neustart nötig

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Geschrieben von: Peter Lehmann, sanu 13.05.09
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Die Weltwirtschaft wuchs im 20. Jahrhundert um das Achtzehnfache. Die Lebenserwartung stieg in Amerika in derselben Zeit, dank Eindämmung der Tuberkulose und anderer epidemischer Krankheiten, von 47 auf 76 Jahre. Traktor, Bagger und zahlreiche Technisierungsprozesse der Industrie erleichterten mühselige Arbeiten. Mobilitäts- und Kommunikationsmittel schufen neue Arbeitsmöglichkeiten und Lebensstiloptionen.

Groteskerweise sind es Sekundäreffekte dieser unbestrittenen Erfolge, welche darauf hindeuten, dass die ökonomischen Systeme des 20. Jahrhunderts in ernsthafte Schwierigkeiten geraten und der Transformation bedürfen. Der frühere Chefökonom der Weltbank, Nicolas Stern, spricht angesichts der Folgekosten des Klimawandels vom grössten Marktversagen aller Zeiten. Andere Hinweise auf solche Versagen sind die Zunahme der sauerstoffarmen Zonen in den Ozeanen und mögliche Kollapse der marinen Fischbestände, die Bedrohung landwirtschaftlicher Ernten durch den Rückgang von bestäubenden Insekten, das sich unmittelbar abzeichnende Fördermaximum beim Rohöl – wichtigste Quelle der Primärenergie – ohne Substitutionsoptionen, die Millionen vorzeitiger Todesfälle jährlich, bedingt durch die Luftbelastung in den Entwicklungsländern, das Auskommen von mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung mit täglich zwei Dollar oder weniger, das chronische Hungern jedes vierten Erdbewohners, der fehlende Zugang jedes fünften Menschen zu sauberem Trinkwasser, die fehlende medizinische Grundversorgung jedes dritten Erdenbürgers, das Äquivalent des Einkommens der 500 reichsten Menschen der Erde und der 416 Millionen Ärmsten. (1)

Versuche der Weltbank, die Kosten degradierter Wälder und abnehmender Mineral- und Energievorkommen zu beziffern, kamen in 39 Ländern auf 5 Prozent nationale Wohlstandseinbussen, gemessen an den Nettoersparnissen. In zehn Ländern beliefen sie sich gar auf 25–60 Prozent. Andere Studien sprechen von 250 Milliarden jährlicher Kosten, verursacht durch globale Landschaftsveränderungen. Obwohl solche Untersuchungen methodisch immer anfechtbar sind, schärfen sie das Bewusstsein, dass die Leistung ökologischer Güter von wirtschaftlicher Bedeutung ist, von der Ökonomie des 20. Jahrhunderts aber nicht berücksichtigt worden ist. Nicht anders sieht es aus mit den Leistungen intakter Zivilgesellschaften.

Die enorme Wirksamkeit der Marktwirtschaft, verbunden mit Wissenschaft und Technologie im 20. Jahrhundert, führt – wie jeder grosse Erfolg – im 21. Jahrhundert möglicherweise an die eigenen Grenzen und schafft selber Bedingungen für künftiges Scheitern. (2) Keine geringere Institution als das World Economic Forum zeigte auf, dass nicht nur die meisten der heutigen globalen Risiken für Wirtschaft und Gesellschaft vor einem Vierteljahrhundert noch nicht existent waren, sondern dass sie überdies zur Hälfte ökonomischer Natur sind, das heisst, durch Aktivitäten klassischen Wirtschaftens getrieben sind. Die Kybernetik lehrt, dass Probleme als Folge von Erfolgen mit kategorial anderen Methoden zu lösen sind als mit jenen, die zum Erfolg geführt haben. Anstatt sich der Maxime «Mehr vom Selben» zur Lösung der dargestellten Probleme zu bedienen, besteht die Herausforderung also darin, kategorial neue, nachhaltige Wirtschaftsweisen zu entwickeln.

Die Erkenntnis, dass es eine funktionierende Wirtschaft nur in einer gesunden, zuverlässigen Gesellschaft und in einer sich regenerierbaren Umwelt geben kann, ist nach der Aufdeckung der Irrtümer des Neoliberalismus eine Binsenwahrheit. Aber die Umsetzung dieser Erkenntnis in mikro- und makroökonomische Systeme steht erst am Anfang. Es gibt ermutigende Ansätze. Die Rolle der Preise bei der Berücksichtigung ökologischer Leistungen sind ins Zentrum heutiger Diskussionen um «Low Carbon Markets», «Banking on Diversity» oder Wasserbilanzierungen gerückt. Darüber hinaus geht es aber darum, grundlegende Begriffe wie Wohlstand, Fortschritt, Wertschöpfung, Gewinn, Produktion und Besitzes- und Nutzungsrechte zu überdenken, neu zu definieren und mit zweckdienlichen Messgrössen zu versehen. Dass Sudan von 2000–2005 ein Wachstum des Bruttoinlandproduktes von 23 Prozent aufwies, obschon infolge der dramatischen Dürre 2001 rund 600’000 Menschen akut Hunger litten und obschon infolge der Bürgerkriege 400'000 Menschen getötet und 2.5 Millionen Menschen vertrieben wurden (3), zeigt, dass heutige ökonomische Messgrössen weitgehend blind sind gegenüber ökologischen, sozialen und selbst ökonomischen Krisen, wie auch umgekehrt gegenüber echten sozialen und ökologischen Werten. Echter Fortschritt – nicht nur gemessen an der Produktion von Gütern, die in eine zweifelhafte Vielfalt von Frühstücksgetreidemischungen im Supermarktregal mündet – berücksichtigt auch Lebenszufriedenheit, Lebenserwartung, Bildung, Gesundheit, Chancengleichheit, Kohlenstofffussabdruck, Energy Return on Investment, Investitionen in vom Menschen erschaffenes und natürliches Kapital und vieles andere mehr, und lässt diese Aspekte in die Erfolgsgrössen unserer Volkswirtschaften einfliessen.

Das Überdenken und Erweitern mikroökonomischer Grössen zur Messung der Leistung wirtschaftlicher, staatlicher und zivilgesellschaftlicher Organisationen ist bereits voll im Gang. Zertifizierte Warenherkunft, nachhaltigkeitsorientierte Berichterstattung, Recycling-, Emissions- und Langlebigkeitsraten, Ökoeffizienz, Mitarbeitendenzufriedenheit, Fluktuationsraten, lokaler ökonomischer und sozialer Beitrag etc., sind von vielen Organisationen heute bereits in die Zielsysteme integriert. Sie sind der Anfang einer kategorial anderen Zweckbestimmung mikroökonomischen Wirtschaftens. Es wird nicht nur darum gehen, aktuelle Güter und Leistungen energie- und ressourcenschonender und sozialer zu produzieren, sondern menschliche Bedürfnisse in energie- und ressourcenschonender und sozialer Weise zu decken.

Erste Innovationsbemühungen grosser und gewichtiger Unternehmen wie auch vieler Kleinunternehmen in Richtung Energie- und Ressourceneffizienz sind ermutigend. General Electric verdoppelt bis 2010 seine Investitionen in nachhaltige Innovationen auf 1.5 Milliarden Dollar. Nebst den grossen wie Virginia Tech, Toyota oder City Group starten hunderte kleine Unternehmen mit nachhaltigen Innovationsvorhaben. Auf mehr als 100 Milliarden Dollar wurden im vergangenen Jahr die Investitionen in nachhaltiges Wirtschaften geschätzt. In China und den USA stellt «Cleaner Technology» den drittgrössten Sektor von Risikokapitalinvestitionen dar.

Welches sind die Treiber für weitergehende Innovationen und wie kann die Entwicklung einer im Kern nachhaltigen Wirtschaft beschleunigt werden? Kluge staatliche und internationale Umweltpolitiken, welche sorgfältig ausgewählte Anreize schaffen, um Investitionen des privaten Sektors in die Richtung des nachhaltigen Wirtschaftens zu lenken, die Förderung der Transparenz bezüglich organisationsspezifischer und nachhaltigkeitsrelevanter Leistungsdaten, die Verbreitung von «Best Practice» sowie die Heranbildung relevanter Kompetenzen in den Organisationen für das nachhaltige Management, werden heute als Schlüsselfaktoren genannt.

Der Weg in ein kategorial anderes Wirtschaften wird allerdings Jahre dauern und (R)evolutionen auf verschiedenen Ebenen mit sich bringen, die von den Räumen der Bildungsinstitutionen über die Unternehmenspraktiken bis zu Regierungspolitiken reichen.

 

(1) Gardner G., 2008: Seeding the Sustainable Economy in State of the World 2008. Worldwatch Institute, earthscan, London

(2) Malik F., 2008: Die Chancen der Komplexitätsgesellschaft. In: Student Business Review SBR, Universität St. Gallen

(3) Talberth J., 2008: A new Bottom Line for Progress in State of the World. Worldwatch Institute, earthscan, London

Peter Lehmann ist Gründungsmitglied und Direktor der Stiftung sanu.

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