Die Schweizer Autozulieferer hängen zu 75 Prozent von deutschen Autokonzernen ab, doch sie haben sich früh breit aufgestellt und sich eine gute Kapitaldecke zugelegt. Die Leiterin des Swiss Center For Automotive Research Anja Schulze attestiert der Branche gute Überlebenschancen in der Krise. Sie sieht grosses Potential für innovative Weiterentwicklung. Nachhaltigkeit und Elektronik heissen die neuen Trends.
Yvonne von Hunnius: Sie haben im vergangenen Herbst eine Studie zur Schweizer Autozuliefererbranche vorgestellt. Haben Sie seit Beginn der Krise nochmal nachgehakt? Anja Schulze: Wir haben eine Nacherhebung durchgeführt, die besagt, dass die Unternehmen im Schnitt 25 Prozent Einbruch hinnehmen mussten. Insgesamt hatten wir im Herbst 310 Firmen ausgemacht, die in diesem Sektor tätig sind und einen Umsatz von 16 Milliarden Schweizer Franken erwirtschafteten. Wenn die Krise sich so fortsetzt, könnten demnach Milliarden von Franken an Verlust eingefahren werden. Die Branche ist zwar nicht so präsent, doch stellt Arbeitsplätze für 34.000 Menschen – halb so viel wie der gesamte Pharmabereich in der Schweiz. Yvonne von Hunnius: Dreiviertel der Hauptkunden der Unternehmen sitzen im momentan stark geschwächten deutschen Automarkt. Wie reagieren die Schweizer hierauf strategisch? Anja Schulze: Die Antworten auf diese Frage waren für uns überraschend. Sie bleiben dem deutschen Markt treu. Diejenigen, die nur einen geringen Teil ihres Umsatzes in der Zuliefererbranche machen, wollten die strategische geografische Ausrichtung ebenso wenig ändern wie diejenigen, die hundert Prozent im Autogeschäft sind. Generell wollen 62 Prozent der Firmen ihre Abhängigkeit zur Automobilindustrie nicht ändern. Yvonne von Hunnius: Was macht die Unternehmen denn so sicher, dass sie hieran nichts ändern müssen? Anja Schulze: Es gibt zwei Hauptcharakteristika der Branche in der Schweiz, die sie zwar nicht krisensicher macht, doch relativ gut dastehen lässt. Zum einen sind die Unternehmen zu einem Grossteil stark diversifiziert. Entweder sie haben schon früh ein oder zwei weitere Standbeine aufgebaut oder der Anteil der Autoteile ist nur sehr gering, sodass sie diese noch nicht einmal gesondert angeführt haben. Das machte auch unsere Erhebung teilweise sehr kompliziert und bedurfte intensiver Recherche. Zum anderen ist festzustellen, dass sie im Vergleich zu Unternehmen in anderen Ländern in den vergangenen Jahren eine gute Eigenkapitaldecke aufbauen konnten. Yvonne von Hunnius: Innovation wird von vielen als Krisenrettung im Premium-Land Schweiz angesehen. Wie steht es um die Innovationsfähigkeit der Branche? Anja Schulze: Hier muss ich differenzieren. Eine wichtige Erkenntnis unserer ursprünglichen Studie ist, dass die Schweiz nicht nur Standort für die Entwicklung und die Produktion von Hochtechnologie ist. Im Gegenteil: Oft handelte es sich um die Massenproduktion von Teilen mit einem Preis von unter zehn Franken. Das bedeutet, dass die Schweiz im Bereich der Produktionsprozesse sehr weit ist, sonst könnte sie nicht mit Niedriglohnländern konkurrieren. Yvonne von Hunnius: Aber ist es nicht auch so, dass die Nähe zu den Herstellern in der Autobranche besonders wichtig ist? Anja Schulze: Das stimmt. Doch gerade der Transport dieser kleinen Teile auch über grössere Strecken würde sich rechnen, wäre der Preis der Konkurrenz niedrig genug. Dieser Aspekt der innovativen Produktion muss hier zum einen bedacht werden. Zum anderen geht es um Produktinnovation an sich: Es gibt viele Neuentwicklungen von Schweizer Zulieferern, doch meist handelt es sich um Auftragsarbeiten. Einen stärkeren Fokus hierauf verhindert häufig die Tatsache, dass die Zulieferer nicht wissen, für welchen Autohersteller sie letztlich produzieren. Sie sitzen weiter hinten in der Kette und beliefern Zulieferer. Yvonne von Hunnius: Wenn hier grössere Transparenz bestünde, worauf sollten die Unternehmen setzen? Anja Schulze: Innovative Weiterentwicklung ist jetzt unbedingt erforderlich und da gibt es auch enormes Potential. Es sind zwei grosse Trends bereits seit längerer Zeit auszumachen: Nachhaltigkeit und Elektronik. Wer schon im ein oder anderen Feld tätig ist, sollte dies ausbauen – wer nicht, sollte überlegen, wie er einen Fuss hineinsetzen kann. Die Krise hat insbesondere Einfluss auf den Elektronikbereich genommen, denn der Anteil elektronischer Funktionen für neue Modelle wird abgespeckt. Alles, was nicht direkt der Sicherheit dient, wird überdacht. Doch umweltfreundlicher und sicherer werden die Autos auch während und nach der Krise sein müssen. Yvonne von Hunnius: Sollte der Bund mehr für die stark von der Krise betroffene Branche tun? Anja Schulze: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Generell ist zu beachten, dass es auch in den Nachbarländer nicht die Einzelunternehmen, sondern die Branchenverbände waren, die starken Druck auf die Politik ausgeübt haben. In der Schweiz existiert solch ein Verband nicht, der für die Interessen kämpfen könnte. Zur Person: Anja Schulze ist Leiterin des Swiss Center For Automotive Research (Swiss Car) und Wissenschaftlerin am Institut für Technologie und Innovationsmanagement der ETH Zürich. Schulze ist Mitherausgeberin der Studie „Automobilindustrie Schweiz – Aktuelle Bestandsaufnahme hinsichtlich Struktur, Trends, Herausforderungen und Chancen der Schweizer Automobilzulieferbranche“, die im vergangenen September vorgestellt worden ist. Im März 2009 fand eine Nacherhebung über die veränderte Lage seit Beginn der Krise statt.
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