Frankreich entdeckt die Sonne

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Geschrieben von: Lisa Louis, Paris 11.05.09
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Paris - In der Sonnenenergie hinkt Frankreich hinterher, vor allem gegenüber Deutschland und Spanien. Um das zu ändern, subventioniert der Staat massiv die Photovoltaik. Einzelne Gemeinden beziehen ihren Strom bereits ausschliesslich von der Sonne. Das europäische Kernland des Atomstroms öffnet sich für die Solarenergie.

Frankreich will näher an die Sonne. Deshalb zahlt der Staat einen der höchsten Einspeisetarife Europas für Sonnenstrom, gewährt einen einmaligen Steuernachlass von 8000 Euro und eine vergünstigte Mehrwertsteuer von 5,5 Prozent auf Photovoltaik-Baustoffe. Massnahmen, die den französischen Solarenergiepark in drei Jahren von 6 auf über 170 Megawatt haben anwachsen lassen.

Photovoltaik lohnt sich

„Obwohl wir im vergangenen Jahr relativ trübes Wetter hatten, habe ich mit meinem Sonnenstrom rund 2000 Euro eingenommen”, sagt Frédéric Sallier. Vor einem Jahr hat der 33-jährige Elektriker 23 Quadratmeter Photovoltaikzellen auf dem Dach seines Hauses in Villars im Département Vaucluse im Südosten Frankreichs angebracht. Neben dem staatlichen Steuernachlass bekam er von der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA) einen Zuschuss von 3000 Euro (4500 Franken) zu seiner 21.500 Euro teuren Installation.

Kernland der Kernenergie

Kein anderes Land Europas setzt so stark auf die Kernenergie wie Frankreich. Hier laufen 59 der 436 weltweit betriebenen Kernreaktoren mit einer Gesamtkapazität von über 63000 Megawatt. Weltweit betreiben nur die USA mit 104 Reaktoren und einer Gesamtkapazität von 101000 Megawatt einen grösseren Kernkraftwerkpark.
Laut der Internationalen Energieagentur hat Frankreich 2006 insgesamt 574473 Gigawattstunden Strom hergestellt. Davon stammen 450191 Gigawattstunden oder 78 Prozent aus der Kernkraft. Die zweitwichtigste Quelle der Stromproduktion, die Wasserkraft, kam gerade auf 11 Prozent, die Kohle auf 5 und das Gas auf 4 Prozent. Die neuen erneuerbaren Energien stecken in Frankreich noch in den Kinderschuhen.

Für die praktische Umsetzung wandte sich Sallier an Solaire Direct, eine Firma, die ein Globalkonzept anbietet: „Wir kümmern uns um Entwicklung, Installation und Wartung, ausserdem haben wir feste Finanzierungspartner wie die Caisse des Dépôts”, sagt Solaire-Direct-Chef Thierry Lepercq mit Hinweis auf die örtliche Sparkasse. Motivationsspritze war für Sallier auch, dass Solaire Direct sich um den gesamten Papierkram kümmert. „Ich musste nur ein, zwei Dokumente unterschreiben und dann lief alles wie automatisch”, sagt er. Solaire Direct, das eine Partnerschaft mit dem WWF eingegangen ist, ist nach eigenen Angaben mit inzwischen 2000 Kunden der grösste Betreiber von Photovoltaik-Anlagen im Land. Das Unternehmen setzt massiv auf dezentrale Energieentwicklung durch Photovoltaikzellen auf Privathäusern. Eine Strategie, die sich von denen grosser Konkurrenten wie Electricité de France (EDF) unterscheidet, die bisher eher auf Solarparks setzen und in Frankreich weiter an Boden gewinnen könnten.

Hoher Einspeisetarif

Dafür spricht auch eine Verschärfung der Baunormen ab 2012: Dann dürfen Neubauten jährlich nur noch 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter verbrauchen - und nicht wie bisher 100 Kilowattstunden. Für 2020 strebt Umweltminister Jean-Louis Borloo gar Passivhäuser beziehungsweise Häuser mit positiver Energiebilanz an.
„Da ist es einfach logisch, immer mehr Neubauten mit Photovoltaikzellen auszustatten”, sagt Philippe Gattet, Projektleiter beim Marktforschungsinstitut Xerfi mit Sitz in Paris. Er hat im März 2008 eine Studie zum Solarmarkt in Frankreich geleitet. Der ist bis jetzt relativ begrenzt: Dem Syndicat des Energies Renouvelables (SER) zufolge, einem Zusammenschluss von Alternativ-Energie-Unternehmern, erreicht der französische Photovoltaikpark eine Leistung von 175 Megawatt. Er produziert damit weniger als 0,01 Prozent des Energieverbrauchs in Frankreich.

Damit sich diese Bilanz in Zukunft ändert, zahlt der Staat für in Gebäude integrierte Photovoltaikanlagen 20 Jahre lang einen Einspeisetarif von 60 Cent pro Kilowattstunde (mit einem Limit von 1500 Kilowattstunden pro Jahr). Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Einspeisetarif 2009 zwischen 32 und 43 Cent pro Kilowattstunde. Der französische Satz wird jährlich an die Inflation angepasst und wurde so am 1. Januar um drei Cent erhöht. Befinden sich die Sonnenzellen am Boden, zahlt das staatliche Elektrizitätsunternehmen EDF immerhin noch 33 Cent.

Autarke Gemeinde

Für Unternehmer Lepercq übersteigen jedoch selbst bei Solarparks am Boden die Vorteile bei weitem die Nachteile: „Schliesslich werden dabei Arbeitsplätze geschaffen, zum Beispiel für Ingenieure und Elektriker”, sagt er, „ausserdem können Kommunen so energieautark werden.” Das ist vor zwei Monaten in Vinon-sur-Verdon in der Provence geschehen. Solaire Direct hat dort seinen ersten Solarpark eingeweiht, die kleine Kommune mit knapp 3000 Einwohnern hat durch die vier Megawatt Sonnenleistung fortan eine positive Energiebilanz.
Die Zukunft sieht Lepercq positiv. „In 40 bis 50 Jahren können wir Frankreich ausschliesslich mit Alternativ-Strom versorgen”, sagt er überzeugt. „Die Photovoltaik könnte davon 50 Prozent liefern.”

Dieser Meinung ist sogar Francis Sorin, Pressesprecher der Société Francaise d’Energie Nucléaire. „Das Problem ist einfach, dass Photovoltaik immer noch zu teuer ist und verhältnismässig wenig Energie produziert”, sagt er. Der Atomlobbyist glaubt so für die kommenden Jahrzehnte an einen Energiemix, in dem Nuklearenergie, die zurzeit 78 Prozent von Frankreichs Strom ausmacht, einen grossen Platz einnimmt. Vor allem angesichts der Tatsache, dass der Stromkonsum sich bis zum Jahr 2050 verdopple.

 

Foto: Die Team des neuen Solarparks bei Vinon-sur-Verdon.

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