Impulse kommen aus der Wirtschaft

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Biel 08.05.09
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Biel – Die Politik hat ihre Vorreiterrolle in der Nachhaltigkeit verloren, sagt Peter Lehmann, Geschäftsführer von sanu. Heute kommen die Impulse vor allem aus der Wirtschaft. Denn die Unternehmen spüren die Folgen einer Verknappung von Energie und Ressourcen zuerst. Um so nötiger ist es, dass die guten Erfahrungen einzelner Unternehmen mit nachhaltigem Wirtschaften rasch an andere Unternehmen weitergegeben werden.

Steffen Klatt: Sanu ist 20 Jahre alt geworden. Wenn Sie zurückblicken und das Erreichte daran messen, was Sie damals gewollt haben: Haben Sie viel oder wenig erreicht?

Peter Lehmann: Wir haben erreicht, dass das Thema Umwelt aus einem Nischendasein, das vor allem von NGO und Wissenschaftler gepflegt wurde, zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema geworden ist. Es hat in den vergangenen dreissig Jahren eine Entwicklung genommen wie kein anderes. Heute wird es nicht mehr in Frage gestellt. Das haben wir natürlich nicht allein gemacht. Wir haben aber einen kleinen Beitrag geleistet, auf den wir stolz sind. Auch als Unternehmen hat sanu sehr viel erreicht. Aus einer Naturschutzschule mit fast staatlichen Zügen sind wir zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen geworden, das am Markt operiert.

Steffen Klatt: Mit welchem Anspruch sind Sie vor 20 Jahren gestartet?

Peter Lehmann: Wir haben den Anspruch gehabt, Berufsleuten etwas zu vermitteln, das der Umwelt nutzt. In der ersten Zeit haben wir vor allem sensibilisiert.

Bildung für Nachhaltigkeit

Seit 20 Jahren für die Umwelt: sanu – bildung für nachhaltige entwicklung feiert in diesem Jahr ihr 20jähriges Bestehen. Die Stiftung mit Sitz in Biel bietet Unternehmen, Behörden, Gemeinden und Verbänden Weiterbildung und Beratung in vielen Bereichen der Nachhaltigkeit an. Jedes Jahr gibt es rund hundert Angebote in vier Sprachen. Dabei greift sanu mit seinen 25 Festangestellten auf rund 2500 externe Experten zurück. Der Umsatz beträgt rund 4 Millionen Franken. Davon werden 85 Prozent mit Unternehmen erzielt.



Steffen Klatt: Wer war damals offen für Umweltthemen?

Peter Lehmann: Damals waren es vor allem Verwaltungsstellen, die sich mit Natur- und Landschaftsschutz beschäftigt haben. Es gab damals schon ein Natur- und Heimatschutzgesetz, das neue Kompetenzen verlangt hat. Später kam das Umweltschutzgesetz dazu. Das führte zur Gründung zahlreicher neuer Stellen, die sich mit Lärmschutz, Boden- und Gewässerschutz beschäftigt haben. Das waren am Anfang unsere Hauptkunden.

Steffen Klatt:Wurden durch das Umweltschutzgesetz dann auch private Unternehmen dazu gebracht, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Peter Lehmann: Das war dann die zweite Phase der Umweltpolitik. Die Wirtschaft sollte durch Anreize dazu gebracht werden, ebenfalls aktiv zu werden. Wir begannen zwischen 1993 und 1995, auf die Unternehmen zuzugehen. Damals dachten die Kreise, die sich mit Umwelt beschäftigten, häufig noch schwarz-weiss, hier die guten, da die schlechten. Wir haben dagegen versucht, Brücken zu schlagen. Das hat sich bewährt: Heute kommen die grossen Impulse aus den Unternehmen.

Steffen Klatt:Was meinen Sie damit?

Peter Lehmann: Man merkt, dass bestimmte Bereiche der Politik blockiert sind. In der Energiepolitik etwa kommt der Staat nicht weiter. Heute kommen die treibenden Kräfte aus der Wirtschaft, weil sie mit der Verknappung der Ressourcen und dem Anstieg der Preise konfrontiert sind. Sie suchen deshalb nach Formen der Energieversorgung, welche nachhaltig sind, gesellschaftlich akzeptiert und im besten Fall die Wettbewersbfähigkeit stärken.

Steffen Klatt:Gilt das auch für andere Bereiche?

Peter Lehmann: Im Umweltmanagement kommen starke Impulse aus der Wirtschaft, vor allem im Umgang mit den Ressourcen. Ich vermute, dass ähnliches auch im sozialen Bereich passieren wird. Die staatliche Sozialpolitik hat für mich stark defensiven, reparierenden Charakter. Sie rennt den Problemen hinterher. Das gilt etwa für die Krankenkassen, die Arbeitslosenversicherung und die Altersvorsorge. Ich rechne damit, dass in Zukunft auch hier die grossen Impulse aus der Unternehmerschaft kommen werden. Die Wirtschaft merkt, dass sie nur in einer funktionierenden Zivilgesellschaft operieren kann.

Steffen Klatt: Wie können Sie Unternehmen unterstützen, nachhaltig zu wirtschaften?

Peter Lehmann: Im Bereich Energie versuchen wir, den Unternehmen zu sagen, wo sie stehen und welches Potential sie haben. Wir arbeiten zum einen auf der strategischen Ebene: Wenn Unternehmen vor Übernahmen anderer Firmen stehen oder über Gebäudesanierungen nachdenken oder in der Mobilität ihr Flottenmanagement überdenken oder ihre Produktionsabläufe, helfen wir zu entscheiden, wo die Energieeffizienz am besten gesteigert werden kann. Wir helfen zum anderen auch bei der Umsetzung, und das möglichst massgeschneidert. Wir machen keine eigentliche Fachberatung. Aber wir trainieren, bringen Expertise ein, schulen und sensibilisieren und bringen dann unsere Fachberater ein. Auch im sozialen Bereich versuchen wir zu sensibilisieren und darauf aufmerksam zu machen, warum es künftig immer wichtiger wird, dass Unternehmen soziale Körperschaften darstellen: Wer sind die Anspruchsgruppen? Wie kann ein Vertrauenskapital aufgebaut werden?

Steffen Klatt: An welche Unternehmen wenden Sie sich?

Peter Lehmann: Eigentlich wenden wir uns an kleinere und mittlere Unternehmen. Wir merken aber, dass auch grosse Unternehmen kommen. Diese haben eine Vorreiterfunktion. Die Erfahrungen, die sie machen, wollen wir dann an die kleineren und mittleren Unternehmen transferieren.



Steffen Klatt: In welchen Unternehmen hat Ihre Arbeit etwas bewirkt?

Peter Lehmann: Wir schaffen auch immer noch mit Verwaltungsstellen. So haben wir seit 15 Jahren das VBS bei der Umsetzung seiner Umweltpolitik begleitet. Vor fünf Jahren zumindest hatte das VBS dann auch die schweizweit vorbildlichste Umweltpolitik unter den Verwaltungen gehabt. Inzwischen hat sie ihre Spitzenposition abgegeben, aber immer noch einen sehr hohen Stand. In der Wirtschaft haben wir etwa mit Unternehmen aus der Energieversorgung gearbeitet. Wir arbeiten auch mit Swissmem sehr eng zusammen, also mit dem Branchenverband, der 40 Prozent der Industriearbeitsplätze vertritt. Wir schaffen mit Holcim, wir schaffen mit Nestlé, mit Shell, mit ABB.

Steffen Klatt: Sie beschäftigen sich mit komplexen Themen. Wo holen Sie das Fachwissen her?

Peter Lehmann: Wir haben nie eine breite Fachkompetenz im Haus aufgebaut, sondern immer mit freien Mitarbeitern gearbeitet. Sie kommen aus der Verwaltung, der Wirtschaft und der Wissenschaft. Wir haben inzwischen einen Pool von ein paar Tausend Experten. Unsere Aufgabe ist es, die Bedürfnisse der Kunden zu erfassen und sie in Schulungsprogramme umsetzen. Dann bringen wir die Experten in diese Schulungen hinein.

Steffen Klatt: Sie haben gesagt, sanu habe sich zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen entwickelt. Unterstehen Sie dem Markt wie jedes andere Unternehmen auch?

Peter Lehmann: Wir haben zwei Seiten. Auf der einen arbeiten wir wie ein KMU auf dem freien Markt. Dort erwirtschaften wir inzwischen 85 Prozent unseres Umsatzes. Auf der anderen Seite haben wir einen Leistungsauftrag des Bundes, unsere Angebote auch an Gruppen zu richten, deren Kaufkraft gering ist. Das sind etwa kantonale Fachstellen.

Steffen Klatt: Spüren Sie die Krise?

Peter Lehmann: Es gibt zwei Tendenzen, die sich ungefähr die Waage halten. Diejenigen Unternehmen, die Nachhaltigkeit wirklich ernst nehmen und zum Inhalt der Firmenpolitik gemacht haben, werden auch durch die Krise nicht davon abgebracht. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die Nachhaltigkeit technokratisch angehen und an Stäbe delegiert haben. Diese Unternehmen werden in diesem Bereich wohl den Rotstift ansetzen. Insgesamt ist die Krise eine grosse Chance. Es ist eine gesellschaftliche Krise, die sich als Wirtschaftskrise äussert. Ich bin überzeugt, dass die Wirtschaft in 20 Jahren vollkommen anders aussieht. Das zeigt sich heute schon in der Automobilbranche. Dort werden heute nicht nur die Kader ausgewechselt, sondern auch die Wertesysteme und Strategien.

Steffen Klatt: Heisst das, das diese Wirtschaftskrise eine Folge mangelnder Nachhaltigkeit ist?

Davon bin ich überzeugt.

Steffen Klatt:Warum?

Peter Lehmann: Weil man in der Vergangenheit zu wenig langfristige und zu eindimensionale Ziele gehabt hat. Das hat dazu geführt, dass relevante Umfeldentwicklungen zu spät oder überhaupt nicht wahrgenommen wurden. Jetzt ist die Wirtschaft überrascht, dass sich das Umfeld verändert hat. Die Automobilindustrie ist ein typisches Beispiel dafür.

Steffen Klatt:Wird die Wirtschaft daher erst aus der Krise herauskommen, wenn das ganze Wertesystem ausgetauscht wird?

Peter Lehmann: Absolut. Ich kann nicht beurteilen, wie weit die Konjunkturprogramme nötig sind. Aber sie bekämpfen allein die Symptome. Wenn man dem Alkoholiker Alkohol gibt, dann hilft man ihm nicht, seine Probleme zu lösen.

Steffen Klatt: Wie sähe eine nachhaltigere Wirtschaft aus?

Peter Lehmann: Es braucht sicher ganz neue Orientierungsmuster. Im Augenblick sind sie sehr stark auf den Nutzen für die Kapitalgeber ausgerichtet und den Gewinn. Andere Aspekte wie Lebensqualität, Bildungsstand und andere müssen in die volkswirtschaftlichen Messgrössen eingehen. Es kann nicht sein, dass das BIP eines Land wie Sudan über fünf Jahre um 20 Prozent wuchs, während Hunderttausende Menschen dort ermordet wurden oder verhungerten.

Steffen Klatt:Sind also die Messgrössen falsch?

Peter Lehmann: Sie sind eindimensional. Soziale und ökologische Grössen haben keinen Eingang gefunden. Auch die wirtschaftlichen Grössen sind eindimensional, weil sie nur am Gewinn der Geldgeber ausgerichtet sind. Dabei soll die Wirtschaft der Gesellschaft einen Nutzen bringen und nicht nur die Geldgeber befriedigen.

Steffen Klatt: Sehen Sie diese Krise als Chance?

Peter Lehmann: Sie ist eine Chance, sich vom falsch verstandenen Neoliberalismus zu lösen.

Steffen Klatt: Wird diese Chance auch genutzt?

Peter Lehmann: Das glaube ich schon. Es gibt in der Wirtschaft Vordenker, die schon seit zehn, fünfzehn Jahren darüber nachdenken. Sie werden sich jetzt durchsetzen.

Steffen Klatt: Wir bringen Sie diese Gedanken in die Köpfe etwa der Chefs von kleinen und mittleren Unternehmen? Diese sind derzeit oft damit beschäftigt, Feuerwehr zu spielen, um ihr Unternehmen zu retten.

Peter Lehmann: Das ist für mich eine zentrale Frage. Wir stellen fest, dass die Gedanken der Vordenker in grossen Unternehmen fast nicht in die Gedankenwelt der KMU übergehen. Wir versuchen diese Mittlerrolle. Aber es braucht mehr dieser Broker, die den Transfer der Erfahrungen sicherstellen.

Steffen Klatt:Wie spielen Sie diese Vermittlerrolle?

Peter Lehmann: Wir warten immer, bis jemand sagt, er habe ein Bedürfnis oder ein Problem. Wir treten nie mit einem Appell an ein Unternehmen heran, denn dann hätten wir schon verloren. Dann versuchen wir aufzuzeigen, wo es das Wissen und die Fähigkeiten gibt, die es zur Problemlösung braucht. Das kann wissenschaftlich aufbereitetes Wissen sein. Das sind aber zunehmend auch Erfahrungen von anderen. Das Schaffen von neuem Wissen aus bereits bestehenden Wissenselementen ist das grosse Abenteuer des 21. Jahrhunderts. Neues Wissen wird in der Gemeinschaft geschaffen. Wenn wir heute – um ein Beispiel zu nennen – einen Ausgang aus der Energieblockade finden wollen, müssen wir Wissenschaft, Wirtschaft und NGO zusammenbringen und einen Dialog schaffen, in dem die Problemlösungen gefunden werden.

Steffen Klatt:Wenn Sie Ihre Botschaft für den Chef eines kleineren oder mittleren Unternehmens knapp zusammenfassen sollten, was würden Sie ihm sagen?

Peter Lehmann: Versuchen Sie ein Gleichgewicht zu erreichen zwischen Alltagsarbeiten und vorausdenkender, strategischer Arbeit. Überlegen Sie, was in fünf Jahren auf Sie zukommen und Ihr Geschäftsfeld beeinflussen kann, und wie Sie sich dafür wappnen können.


Peter Lehmann ist Gründungsmitglied und Direktor der Stiftung sanu.

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