André Anwar: Warum sind sie 1986 aus der von Ihnen mitgegründeten Organisation ausgetreten? Greenpeace hatte doch eine Bilderbuchkarriere hinter sich: von einer Minigruppe zur bekanntesten Umweltorganisation der Welt. Patrick Moore: 1971 starteten wir in meiner Heimat Kanada unsere Bewegung, die von Umweltbewusstsein und Pazifismus geprägt war. Ich promovierte im damals völlig neuen Fach Ökologie. Mein wissenschaftlicher Hintergrund und die Erfahrungen meiner Kollegen mit Medien und Politik ergänzten sich. Doch Umweltorganisationen werden nicht immer von wissenschaftlich fundierten Kenntnissen geführt. Viele der Dinge, für die wir bei Greenpeace gekämpft haben, wie der Kampf gegen Atombombentest und der Schutz der Wale stimmten überein mit unserem wissenschaftlichen Wissen. Aber später habe ich als einer der fünf internationalen Greenpeace-Direktoren festgestellt, dass keiner meiner Kollegen eine wissenschaftliche Ausbildung hatte. Sie waren politische Aktivisten oder Umweltunternehmer. Deshalb gab es bei Greenpeace einen Trend, wissenschaftliche Objektivität zu Gunsten der rein politischen Tagesordnung aufzugeben. Man ist einfach gegen etwas, ohne sich wirklich damit wissenschaftlich-objektiv auseinandergesetzt zu haben. Das wollte ich einfach nicht mehr mittragen. Leider hat sich Greenpeace da bis heute kaum verändert, wie wir an der wissenschaftlich antiquierten Haltung gegen Atomkraft sehen. André Anwar: Wollen sie damit sagen, dass sie als einst radikaler Umweltaktivist, Ökologe und Ex-Greenpeace-Chef heute für die Atomkraft sind? Patrick Moore: Ja genau das. In den Siebzigern glaubte ich, dass Atomenergie schlicht ein Synonym für Atomholocaust war, genauso wie meine Mitstreiter. Viele Aktionen folgten. Heute, über 30 Jahre später, habe ich meine Meinung geändert. Und auch viele Umweltbewegungen müssen endlich ihre ideologischen Barrieren überwinden. Auch sie sind auf ihre Weise konservativ-unbeweglich geworden und sehen nicht, dass gerade Atomenergie unseren Planeten vor einem Klimawandel retten könnte. André Anwar: Wie soll Atomkraft den Klimawandel abwenden? Patrick Moore: Die UNO nimmt heute an, dass der Klimawandel mit der Anwendung von fossilen Brennstoffen zusammenhängt. Diese machen rund 85 Prozent des Weltenergieverbrauchs aus. Es ist im Übrigen streng wissenschaftlich noch immer nicht belegt. Es heisst im UNO-Papier lediglich, dass ein Zusammenhang „sehr wahrscheinlich“ ist. Aber nehmen wir ungeachtet dessen die wichtigste dieser Energiequellen, die Kohle. Auch wenn sie preiswerte Energie schafft, pumpt ihre Verbrennung geschätzte neun Milliarden Tonnen CO2 im Jahr in die Atomsphäre. Die Folgen sind saurer Regen, Smog, Gesundheitsschäden und wahrscheinlich der Klimawandel. Gleichzeitig verhindern die 441 weltweit betriebenen Atomkraftwerke eine CO2-Emission von drei Milliarden Tonnen im Jahr – mit anderen Worten, die CO2-Abgase von 428 Millionen Autos. Wir müssen fossile Energiequellen durch Atomenergie ersetzen, dann sind wir ein gewaltiges Problem los. Auch die Umweltorganisationen sollten darauf hinarbeiten. André Anwar: Was ist mit Atommüll? Patrick Moore: Verbrauchter Atombrennstoff, der üblicherweise noch rund 90 Prozent seiner ursprünglichen Energie enthält, wird schon heute technisch sicher in den Zwischenlagern der Atomkraftwerke gelagert. Wir sollten uns darüber hinaus die Frage von Endlagern schenken, in denen Atommüll tausende von Jahre sicher aufbewahrt werden soll. Es ist der falsche Weg: Zukünftige Generationen sollten verbrauchte Brennstäbe wiederverwerten können. Deshalb müssen wir die Weiterentwicklung dieser Technik forcieren. Schon heute ist es in immer grösserem Umfang möglich, Brennstäbe sicher wieder aufzubereiten. Das ist besser, als immer wieder neues Uran zu fördern. Es gibt grosses Potential, die zu Unrecht gescholtene Atomkraft zu einer erneuerbaren Energiequelle zu machen. Übrigens ist die Auffassung, dass Atommüll tausende von Jahren tödliche Strahlen aussendet, Propaganda. Schon nach 40 Jahren hat verbrauchter Atombrennstoff weniger als ein Tausendstel seiner Ursprungsradioaktivität. André Anwar: Was ist denn mit anderen Alternativen, Windkraft etwa? Patrick Moore: Wir dürfen uns nichts vormachen. Wenn wir ernsthaft vorhaben, von fossilen Brennstoffen loszukommen, brauchen wir eine preiswerte Alternative, die Energie in grossen Skalen und zuverlässig produzieren kann. Deshalb müssen wir auf Atomenergie setzen. Umweltgruppen, die behaupten, dass Sonnen- und Windkraft die grossen Kohle- und Atomkraftwerke ersetzen können, täuschen die Öffentlichkeit in unverantwortlicher Weise. Es ist ganz einfach nicht möglich, alle Krankenhäuser, Fabriken, Schulen und Eigenheime mit Sonnen- und Windkraft zu versorgen. Ich halte nur fossile Brennstoffe, Atomkraft, für technisch wirklich verlässliche, und ausreichend grosse Energiequellen. Wasserkraft ist auch eine zuverlässige Quelle, aber leider nur, wo genügend Wasser fliesst, wie etwa in Schweden, wo die Hälfte des Energiebedarfs dadurch abgedeckt werden kann. André Anwar: Vergessen sie bei ihrem Plädoyer für die Atomkraft nicht den Grund, warum nahezu alle Umweltorganisation gegen Atomkraft sind? Die Sicherheit! Denken sie nie an Tschernobyl als ehemaliger Umweltaktivist? Patrick Moore: Oh, Moment, ich bin noch immer Umweltaktivist, nur eben auf meine Art! Der technische Fortschritt, den man in der Atomkrafttechnik gemacht hat, ist beeindruckend. Das gilt neben ihrer Effektivität auch für ihre Sicherheit. Ein Fall wie Tschernobyl ist heute technisch ausgeschlossen. Tschernobyl 1986 war ein sowjetischer Billigbau, ohne Schutzmechanismen, wie sie heute weltweit obligatorisch sind. Heute würde selbst beim allerschlimmsten Störfall Radioaktivität nicht austreten. Fakt ist, dass Atomenergie eine der sichersten Industriebranchen überhaupt geworden ist. Viele, die einfach „dagegen sind“ machen sich nicht mal die Mühe, sich mit ihrem Hassobjekt wirklich auseinanderzusetzen. Tschernobyl war tragisch, aber die Anzahl der durch das Unglück von der UNO 2005 bestätigten Toten betrug 56. Auch das ist tragisch, aber es ist deutlich weniger als Medien versuchten, in Panikreports glauben zu machen. Der Unfall im Three Mile Island Reaktor in den USA dahingegen war 1979 eigentlich eine Erfolgsgeschichte für das Funktionieren der Sicherheitsstrukturen. Der Schutzmantel, der bei Tschernobyl fehlte, funktionierte dort genauso, wie es vorgesehen war. Haben sie in den letzten 20 Jahren von einem AKW-Unfall gehört, der Menschenleben gefordert haben? Ich glaube nicht. André Anwar: Was sagen Sie zu möglichen Terrorattacken? Patrick Moore: Wer einmal in einem Atomkraftwerk war, weiss dass die Sicherheitskontrollen für alle, die hineinkommen, noch schärfer sind, als auf den best bewachten Flughäfen. Auch wenn Flugzeuge das World Trade Center zerstören konnten, kann ein in Flugzeug nicht den fünf Fuss dicken Betonschutzmantel eines Atomkraftwerks durchbrechen. André Anwar: Und was ist mit sogenannten Schurkenstaaten, die Atombomben bauen wollen? Patrick Moore: Auch dies ist nur noch ein Mythos. Heutzutage braucht man keinen Atomreaktor mehr, um Uran für Bomben anzureichern. Auch die neuere Zentrifugaltechnik kann Uran ohne Atomkraftwerke anreichern. Genau dafür hat man ja auch den Iran verdächtigt. Die Ausbreitung von Atomwaffen muss getrennt von der Frage um Atomkraft behandelt werden. André Anwar: Welche Vorteile hat Atomkraft noch, ausser der Tatsache, dass kein CO2 freigesetzt wird? Patrick Moore: Atomkraftwerke könnten benutzt werden, um in Zukunft den vermehrten Bedarf an Wasserstoff, etwa für Hydroautos, zu befriedigen. Wasserstoff kann über die Ausstosshitze der Reaktoren gewonnen werden. Damit hätten wir einen preiswerten und emissionsfreien Weg um Wasserstoff zu produzieren. Auch die zunehmende Knappheit von Süsswasser für Menschen und Landwirtschaft kann mit Atomreaktoren gelöst werden. Mit der Austrittshitze kann Wasser entsalzen werden. Patrick Moore, 61, Mitbegründer der Umweltorganisation Greenpeace und kanadischer Ökologe. Er wurde mit den ersten waghalsigen Aktionen der Umweltschutzbewegung in den 70er Jahren weltbekannt. Fotos von Moore, wie er in einem kleinen schaukelndem Schlauchboot in den hohen Ozeanwellen zwischen zwei grossen Walfängern und einem Walfisch als menschlicher Schutzschild sitzt, oder mit dem Greenpeace-Aktionsboot Rainbow Warrior gegen französische Atombombentests mobil macht, gingen tausendfach um die Welt. Seit 1991 führt er das Beratungsunternehmen „Greenspirit Enterprises“. Greenpeace lehnt Moores Ansichten als „unwissenschaftlich und falsch“ ab.
Bild: André Anwar |