Die Finanzkrise wirbelt die Automobilbranche vor allem in den USA und Deutschland durcheinander. Auch viel Bewegung kann jedoch nicht vergessen machen, dass die Konzern-Lenker das Umsteuern auf neue Technologien verschlafen haben.
Seit der Flächenbrand ausgebrochen ist, jagen sich die Nachrichten. General Motors (GM), der frühere Stolz der Autonation USA – vor der Pleite. Der Detroiter Nachbar Chrysler vom italienischen Fiat-Konzern gerade noch gerettet. Die deutsche Traditionsmarke Opel – trotz guten eigenen Geschäftsverlaufs von der GM-Mutter in den Strudel gerissen – händeringend auf Suche nach einem Investor, ohne den die rettenden Staatsmilliarden nicht fliessen werden. Und dann der Coup: Porsche rollt mit letzter Kraft unter das schützende Dach des Volkswagen-Konzerns, nachdem sich das Familienunternehmen aus Stuttgart mit seinem 12.000 Beschäftigten beim Versuch der Übernahme des grössten europäischen Kraftfahrzeugherstellers VW mit seinen 370.000 Mitarbeitern gefährlich hoch verschuldet hat. Die Abwrackprämien in verschiedenen Ländern haben beim Absatzeinbruch das Ärgste fürs Erste verhindert. Doch anders als in Autorennen waren dabei die Kleinen den Boliden überlegen. Das zeigt jedenfalls ein Blick auf die deutschen Zulassungszahlen der ersten vier Monate diesen Jahres. Zu den Gewinnern zählen in der Bundesrepublik Fiat, Hyundai und Skoda, und die deutschen Opel, Ford und die Marke VW. Die erfolgsverwöhnte Luxusklasse mit klingenden Namen wie BMW, Mercedes oder eben Porsche blieben auf der Strecke. Die Weltwirtschaftskrise hat jedoch nur früher und schärfer die Resultate des falschen Kurses verdeutlicht, den die Automobilbauer schon seit Jahren eingeschlagen haben. Besonders offensichtlich wird das daran, wie die US-Automobilindustrie an die Wand gefahren wurde. Es grenzt an Ignoranz, wie die Manager in Detroit die Herausforderungen von Klimawandel und absehbarer Mineralöl-Verknappung ignoriert haben. Nachdem die Erhöhung der Spritpreise auch die Vereinigten Staaten schon seit einiger Zeit hatte, erleben die US- Kraftfahrzeughersteller jetzt mit dem schockartigen Rückgang der Kaufkraft die bitterste Stunde der Wahrheit in der Geschichte der Branche. Verwandte Themen| { Grosser Sprung mit kleinem Puma? , 08.04.09 } | | { Diese Chance muss genutzt werden, 02.04.09 } | | { Öl-Milliarden für Elektroauto, 23.03.09 } | | { Das Stromauto zum Mitnehmen, 03.03.09 } | | { Think kommt in die Schweiz, 09.02.09 } | | { Mit dem Staat an den Start, 26.01.09 } | | { Mit Vollgas zum Stromauto, 14.01.09 } | | { Billiges Öl schadet Industrie, 09.01.09 } | | { London schwört auf Smart, 28.11.08 } | | { Die Zukunft im Test, 13.10.08 } | | { Die Stromautos kommen, 25.09.08 } | | { Das Auto wird neu erfunden, 25.09.08 } |
Mit Ausnahme vielleicht der Unternehmen in Japan, wo Toyota früh eine Hybrid-Kombination von Benzin- und Elektromotor anbot, hat allerdings die globale Automobilindustrie als Ganzes versagt. Lange haben Umweltschützer gerätselt, warum in Zeiten zunehmenden Bewusstseins über die Folgen von CO2-Emissionen und Feinstaub-Belastung zunehmend Luxusgeländewagen die Innenstädte verstopfen. Doch mit dem Absturz der Verkaufszahlen bei diesen „Sport Utility Vehicles“ wird unübersehbar, dass die SUV-Mode dem Zeitgeist der Subprime-Kreditvergabe folgte: „Nach mir die Sintflut“, könnte man das Motto dieser Jahre bei ansteigendem Meeresspiegel mit vollem Recht umreissen. Inzwischen sieht jedes Kind am Strassenrand: „Die Autokaiser sind ja nackt!“ Dem Letzten ist inzwischen klar geworden, dass das Geld für die Entwicklung der Spritschleudern besser in die Erforschung neuer Technologien umweltfreundlicherer Antriebe gesteckt worden wäre. Vermutlich wäre auch dann die Entscheidung noch nicht getroffen, ob denn nun der Wasserstoff- oder der Elektromotor die aussichtsreichere Perspektive für die Zukunft des Individualverkehrs bietet. Wahrscheinlich wäre auch das Problem noch nicht gelöst, dass Batterien für den Autoantrieb noch zu teuer, schwer und platzraubend sind. Aber die Menschheit könnte auf dem Weg zum abgasfreien oder doch –armen Automobil doch schon eine ganze Strecke weiter sein. Selbstverständlich hilft das Jammern über verpasste Chancen niemandem. Auch Amüsement über die Kuriosität bringt nichts, dass ausgerechnet das seit einiger Zeit auf Nachhaltigkeit bedachte Öl-Emirat Abu Dhabi nach einer Milliardenspritze mit Petrodollars den zögerlichen Daimler-Konzern zur beschleunigten Entwicklung eines Elektroautos drängt. Endlich scheint es – wenn auch in kleinen, aber immerhin gemeinsamen Schritten - voranzugehen. So haben sich beispielsweise in Deutschland jetzt Verbände und Unternehmen aus sieben Branchen zusammengetan, um dem Elektroauto den Weg zum Massenmarkt zu ebnen. Denn eins muss klar sein: Die Herausforderung bei der Umstellung des Massenverkehrsmittels Automobil auf neue Antriebe kann nur im grossen Verbund geleistet werden. Diese Überlegung mag neben anderen Faktoren den Plänen des Fiat-Sanierers Sergio Marchionne zugrunde liegen, aus der Automobilproduktion des Turiner Konzerns zusammen mit Chrysler und Opel ein neues Weltunternehmen zu schmieden. Aber auch andere klassische Marken müssen umlenken. So denken die Konkurrenten Daimler und BMW verstärkt über eine Zusammenarbeit nach. Diese Überlegungen folgen der richtigen Erkenntnis, dass selbst bisher so selbstbewusste Unternehmen wie die beiden Konzerne aus München und aus Stuttgart die bevorstehende Neuorientierung allein gar nicht leisten können. Ulrich Glauber ist Wirtschaftsjournalist in Frankfurt.
|