Experten widersprechen Obama

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Geschrieben von: John Dyer, Boston 06.05.09
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Mais, Illionois, AgrotreibstoffeWashington - In den USA ist die Debatte um die Rolle von Bio-Treibstoffen als Ersatz für Benzin auf Erdöl-Basis voll entbrannt. Präsident Barack Obama hat sich schon im Wahlkampf für Ethanol als Alternative eingesetzt. Jetzt warnen Experten vor der schlechten Schadstoffbilanz.

Die Wissenschaft solle in der Umweltpolitik Vorrang vor der Politik haben, hat Präsident Barack Obama zu seinem Amtsbeginn als Richtschnur für energie- und klimapolitische Entscheidungen vorgegeben. Das ist mehr als hundert Tage her. Inzwischen hat den Präsidenten ein Problem eingeholt, bei dem er sich möglicherweise für das eine oder andere entscheiden muss: der zweifelhafte Nutzen der Verwendung von mehr Ethanol als alternativer Kraftstoff.

Ethanol statt Erdöl

Obama hatte sich schon im Wahlkampf immer wieder für Ethanol als Alternative zum Erdöl eingesetzt und als Weg angepriesen, um von ausländischen Erdölimporten unabhängig zu werden. In einer gemeinsamen Erklärung von Agrarministerium, Energieministerium und Umweltschutzbehörde sollen jetzt Massnahmen zur Ausweitung der Ethanol-Produktion in den USA bekannt gemacht werden. Auch will die EPA eine neue Studie vorlegen, die der Frage nachgeht, wie sehr die Ethanol-Produktion zum Ausstoss von Treibhausgasen in den USA beitragen wird.

Vorgesehen sind unter anderem höhere Subventionen für die Ethanol-Produzenten, Programme, um den Gebrauch von Ethanol an den Tankstellen zu fördern, und die Einrichtung eines Arbeitskreises, der Anreize für die Autoindustrie erarbeiten soll, um mehr Autos zu bauen, die Ethanol effizienter als bisher verwenden können.

Schadstoffbilanz umstritten

Das Dilemma, vor dem Obama jetzt steht, ist, ob die Studie der EPA sich gegen den von ihm propagierten höheren Anteil an Bio-Kraftstoffen stellt. Denn die Experten sind sich immer mehr einig darüber, dass die positive Schadstoffbilanz, die dem Ethanol zugeschrieben worden ist, nur solange gilt, als man die Umweltschäden durch Waldrodungen zur Schaffung von Anbauflächen für Ethanol-Grundstoffe nicht mit in die Rechnung einbezieht. Weltweit werden Wälder vernichtet und Grasland umgepflügt, um für die Ethanolproduktion nötige Pflanzen wie Mais oder Zuckerrohr anzubauen. In den USA gilt das auch für die weiten Switchgrass-Flächen, die bisher Futter für die Tierhaltung liefern.
„Die Entwaldung zu ignorieren bedeutet, das Spielfeld in eine Richtung zu neigen und damit die Industrie in eine Richtung zu drängen, die früher oder später wieder geändert werden muss”, sagt Jeremy Martin, ein Wissenschaftler, der sich mit der Frage des Baus von „sauberen” Motoren für Autos befasst.

Strenge Auflagen

Die Umweltbehörde EPA hat den Auftrag für die Ethanol-Studie vor zwei Jahren vom US-Kongress bekommen, als die Treibstoffpreise explodierten. Die damals verabschiedeten Gesetze sahen vor, dass die Raffinerien bis 2015 einen Anteil von rund 80 Milliarden Litern von Bio-Treibstoff dem Benzin zumischen sollten. Bis 2022 sollten sogar 144 Milliarden erreicht werden.
Gleichzeitig sah die Gesetzgebung aber auch vor, dass Ethanol keinesfalls mehr Klimaschäden anrichten dürfe als Benzin. Ethanol-Produktionsanlagen, die nach 2007 gebaut wurden, sollten ein Fünftel weniger an Treibhausgasen produzieren, wenn als Ausgangsstoff Mais verwendet wird, und 60 Prozent weniger, wenn der Grundstoff Switchgrass ist, also Gras, das eigentlich für die Tierfütterung vorgesehen ist.

Bio-Sprit schädlicher als Benzin

Die Wissenschaftswelt hält diese Standards inzwischen meist für unrealistisch. Ein Bericht im Magazin „Science” hat schon im vergangenen Jahr darauf verwiesen, dass aus Mais hergestellter Bio-Treibstoff 90 Prozent mehr als Schadstoffen produziert als Benzin, wenn die weltweite Waldrodung in die Rechnung mit einbezogen wird.

In Washington haben inzwischen die Lobbyisten das Wort. Die Abgeordneten beider Parteien aus den Agrar-Bundesstaaten im so genannten „Herzland” Amerikas laufen Sturm gegen die Wissenschaftler und deren Befund, dass Ethanol umweltschädlich sei. Es widerspreche jedem gesunden Menschenverstand, wenn die EPA einerseits Regeln für die Ethanol-Produktion aufstelle, andererseits dieses Produkt aber als umweltschädlich darstellen sollte, beschwerte sich Senator Charles Grassley, ein Republikaner aus Iowa.

Ethanol aus Illinois

Für Obama ist die Ethanol-Produktion auch ein persönliches Anliegen. In seinem Heimatstadt Illinois ist sie eine gerade aufblühende Industrie. Illinois ist der zweitgrösste Getreide-Lieferant der USA. Die Pro-Ethanol-Politik, die von Obama vertreten wird, stammt augenscheinlich vom Direktor der Nationalen Kommission für Energiepolitik, Jason Grumet. Der tritt seit langem dafür ein, heimisches Ethanol als den Schlüssel für wirtschaftliche Prosperität im mittleren Westen der USA zu betrachten.

Ein weiteres Argument führen die Ethanol-Produzenten zu ihren Gunsten an: Die Vorteile für die nationale Energiesicherheit und die niedrigeren Kosten des Bio-Treibstoffs könnten die Bedenken wegen des Klimawandels aufwiegen, meinen sie. „Wir sind bereit, die Debatte darüber zu beginnen”, erklärte Matt Hartwig, Sprecher des Verbandes für erneuerbare Kraftstoffe in Washington. „Lasst uns das Thema auf den Tisch legen, sodass wir drüber sprechen können.”

 

Bild: Maisfarm in Mazon, Illinois (C. Mycoskie)

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