Energie soll einfach da sein. Konsumenten machen sich kaum Vorstellungen davon, wie dringlich es ist, sich um die globale Energiezukunft zu kümmern und wie stark das mit dem Energieverbrauch zusammenhängt. Das Europa Forum Luzern beleuchtete mit internationalen und nationalen Experten die Problematik. Klimawandel und Energieknappheit in aller Munde. Doch reicht es nicht, wenn im Schlafzimmer die Heizung aus ist und bei schönem Wetter aufs Rad gestiegen wird? Für den, der immer noch ruhig schlafen kann, wenn er merkt, dass das Wetter zwölf Monate im Jahr schön ist, dürfte es reichen. Sollte die Klimaerwärmung nicht unter zwei Grad Celsius gedrückt wird, dürfte das schon bald verheerende Auswirkungen auf den Planeten haben. Ändert sich nicht das Energieverhalten, dürfte allein in der Schweiz spätestens ab 2025 eine Energieknappheit auftreten. Und diese Probleme sind weitreichender, als es eine Finanzkrise jemals sein könnte. Hochrangige Experten führten diese Szenarien beim Europa Forum Luzern vor Augen. Doch sie beliessen es nicht beim erhobenen Zeigefinger, sondern gingen auf Lösungen ein. „Denn es ist noch nicht zu spät – wir können das Ruder noch herumreissen“, sagte Andreas Fischlin, ETH-Professor und Mitempfänger des Friedensnobelpreises als Mitautor des Weltklimaberichts. Die Weltklimakonferenz in Kopenhagen im Dezember ist laut Fischlin die wichtigste Konferenz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Riesiger Energiebedarf von China und IndienChefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, liess keinen Zweifel daran, dass die Finanzkrise zwar dramatisch ist, doch die Energieprobleme diese in den Schatten stellen. „Die grössten Herausforderungen unserer Zeit sind Energieversorgung, Klimawandel und Energiearmut.“ Und Lösungsstrategien für diese Probleme widersprechen sich zum Teil. Wer den Klimawandel bekämpft, verliert häufig aus den Augen, dass 1,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Energie haben. Aus diesem Grund werden die Schwellenländer keinen massgeblichen Beitrag zur CO2-Reduzierung leisten können, obwohl genau hier die grösste Notwendigkeit besteht. Der chinesische Energieexperte Liu Qiang erwartet Nachsicht, wenn die Staaten der Welt in Kopenhagen zu CO2-Reduktion verpflichtet werden: „Wir erkennen die Notwendigkeit, im Falle des Klimawandels zu handeln, doch für uns hat Priorität, die kurzfristige Lebensgrundlage der Bevölkerung zu sichern.“ Ähnlich ist die Lage in Indien. Der Höhepunkt des Energieverbrauchs ist hingegen in den westlichen Industriestaaten 2007 erreicht worden. Hier geht es nun bergab. Der Klimasünder Nummer Eins ist Kohle und genau diese Energiequelle ist Hauptenergieversorger der aufstrebenden Wirtschaft in China und Indien. In diesen Breitengraden CO2 einzusparen ist zudem um ein Vielfaches billiger, als in den Industriestaaten. Den Anfang machen müssen dennoch die Industriestaaten. In Kopenhagen soll ein Rahmen für CO2-Emissionen festgezurrt werden. Die Schwellenländer wollen laut Qiang jetzt schon in die Diskussion integriert werden. Gefragt sind die Industriestaaten und deren Forscher auch massgeblich bei der Steuerung des Energiemix der Zukunft. Denn Kohle und Öl sind erstens im Hinblick auf CO2 bedenklich und zweitens gehen diese Quellen zur Neige. Birol: „Wie gross die Erdölressourcen dieser Erde sind, bleibt im Dunkeln. Alle Zahlen sind lediglich Vermutungen.“ Unbestritten ist, dass die Förderung von Kohle und Erdöl immer kostspieliger wird, da leicht zugängliche Förderregionen ausgeschöpft worden sind. Alternativen gesuchtAlternative Energiequellen und Energie-Einsparungsmöglichkeiten brauchen Investitionen und helle Köpfe. Und Motivation. BP-Chefökonom Christof Rühl: „Wenn die Energiepreise nur hoch genug sind, werden Alternativen aus den Schubläden geholt und weiterentwickelt.“ Laut Rühl dauert es nicht mehr lange, bis die Zeit der niedrigen Öl-Preise vorüber ist. Derweil ist Alexander Wokaun als Vorstandsmitglied des renommierten Paul-Scherrer-Instituts (PSI) und Professor der ETH jedoch ununterbrochen mit Forschungsprojekten beschäftigt, die nicht in der Schublade verschwinden. Ob es Biomasse, Photovoltaik oder Windenergie ist, Schweizer Wissenschaftler arbeiten auf Hochtouren. Genau wie die Elektrotechnikkonzerne ABB und Siemens. Dezentrale Stromversorgungsnetze sind nicht Zukunftsmusik, sondern greifbar nah. Michael Weinhold, Leiter der Energieforschung von Siemens: „Durch solche Netze kann Energie über mehr als 2.000 Kilometer transportiert werden. Wenn in Spanien keine Sonne mehr scheint, kommt die Energie aus den Alpen.“ Wie industriell bis zu 65 Prozent Energie gespart werden kann, zeigte die Vorsitzende der Geschäftsleitung von ABB Schweiz, Jasmin Staiblin: Drehzahlbetriebene Antriebe existieren als ABB-Entwicklung schon 25 Jahre, dennoch sind erst 10 Prozent der Anlagen damit ausgestattet. Vielleicht ist der Druck zu handeln doch noch nicht gross genug. Erst wenn kein Tropfen Öl mehr zu haben ist und die Temperaturen um sechs Grad gestiegen sind…? Das Luzerner Europa Forum hat dazu beigetragen, das Bewusstsein zu schaffen, die Gunst der Stunde zu erkennen.
Foto: Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur, IEA (Europa Forum/Bruno Näpflin)
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