China hat Hunger auf Energie

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Luzern 30.04.09
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China zieht alle Register, um seine stetig wachsende Industrie mit Energie zu versorgen. Erneuerbare Quellen spielen dabei zwar eine untergeordnete Rolle, doch als Branche mit Zukunft hat China sie entdeckt. Experte Liu Qiang nahm am Europa Forum in Luzern Teil und hat über Chinas Ambitionen im grünen Energiesektor gesprochen.

Yvonne von Hunnius: In China grassiert ebenso die Krise – doch selbst jetzt steigt noch der Energiebedarf. Ausdruck des Konjunkturpakets, der Energieverschwendung oder des notwendigen Wachstums?

Liu Qiang: Unsere Wirtschaft ist in den letzten Jahren um zehn Prozent gewachsen. Die Krise trifft uns zwar hart, doch auch 2009 rechnen wir mit 6 bis 7 Prozent Wachstum. Die Welt sollte sich im Moment eher freuen, dass es eine Region gibt, in der die Schornsteine noch rauchen.

Yvonne von Hunnius: Viele Konjunkturpakete zielen auf den Energiesektor ab – insbesondere den der erneuerbaren Energien. Wie wird das in China gehandhabt?

Liu Qiang: Unser Konjunkturpaket umfasst ungefähr 500 Milliarden Dollar und ein grosser Teil hiervon landet im Energiebereich, weil diese Infrastruktur lebenswichtig für unsere Wirtschaft ist. Wir müssen dringend in diesen Sektor investieren – und warum dann nicht in saubere Energie? Wir haben in diesem Gebiet eine Menge von Steuererleichterungen und anderen Förderungen auf den Weg gebracht, die Unternehmen dazu motivieren, hier zu investieren. Man muss allein die Solarenergie betrachten, wo der Staat stark fördert. Somit ist teilweise eine Kilowattstunde Solarenergie für einen halben Dollar (40 Cents / 70 Rappen) zu haben. Das ist bereits ein gutes Zeichen.

Yvonne von Hunnius: Wie sieht der Energiemix in China momentan aus?

Liu Qiang: Traditionellerweise decken wir unseren Bedarf zu einem grossen Teil aus Kohle, die 70 Prozent ausmacht. Zu 20 Prozent nutzen wir Öl und zu 8 Prozent erneuerbare Quellen zur Energiegewinnung. Der Rest verteilt sich auf Gas und Nuklear-Energie.

Yvonne von Hunnius: Kohle wird für den Hauptanteil der CO2-Emission verantwortlich gemacht. Sind die Erwartungen einer grünen Revolution in China übertrieben, die manche Beobachter ankündigen?

Liu Qiang: Nein. Ich könnte mir vorstellen, dass wir es schaffen, bei den grünen Technologien aufzuholen, obwohl unser Technikniveau generell noch sehr niedrig ist. Im Moment brauchen wir jede Kilowattstunde Energie aus jeder Quelle. Und Knappheit ist ein Innovationsfaktor. Gute Chancen haben wir auf dem Gebiet der sauberen Kohle. Wir sind bei der Entwicklung moderner Kohlekraftwerke mitunter an der Weltspitze. Und wir sind inzwischen der grösste Produzent von Solarpanelen. Wir versuchen auch im Gebiet des Energie-Managements weiterzukommen. Zum Beispiel beim Bau geht es stark darum, den Energieverbrauch der Einheiten zu reduzieren. Dieses Wissen wollen wir stärker aufbauen und in der Wirtschaft integrieren.

Yvonne von Hunnius: Wasserkraftwerke sollen gebaut werden, Solarstrom und Windenergie werden gefördert. Welche alternative Energieform hat in China denn die grössten Chancen?

Liu Qiang: Wir setzen auf alles gleichzeitig. Auch, wenn wir mit allen Energieformen weiterkämen, wäre unser Bedarf noch nicht gedeckt. Hierbei darf man nicht den sauberen Atomstrom vergessen: Unser Atompotential ist noch lange nicht ausgeschöpft. Wir besitzen im Moment elf Atommeiler und weitere elf sind im Bau. Im Jahr 2020 sollen es rund 70 Gigawatt sein, die so bereitgestellt werden. Die Umsetzung ist jedoch nicht einfach, da wir die richtige Technik auswählen müssen, den richtigen Standort finden. Um den Atommüll machen wir uns keine allzu grossen Sorgen, eine sichere Lagerung sollte heutzutage kein Problem mehr darstellen.

Yvonne von Hunnius: In Ihrem letzten Fünfjahres-Plan wurden 20 Prozent Energieeinsparung bis 2010 vorgesehen. Wird das Ziel erreicht?

Liu Qiang: Die meisten grossen Unternehmen haben ihren Teil beigetragen. Der chinesische Staat hat mehr Durchsetzungskraft, als das in Europa der Fall ist. Auch, aber nicht nur, weil ein Grossteil der Industrie in Staatshand ist. Die Regulierung wurde an die Provinz-Administrationen übergeben, die sektoral den Betrieben eine Reduzierung vorgeschrieben haben.

Wir werden im zweiten Schritt von 2010 bis 2015 wahrscheinlich wieder eine Reduktion von 20 Prozent als Zielmarke setzen und zudem auch Regulierungen beschliessen, die sich auf die Konsumenten beziehen.

Yvonne von Hunnius: Wie sieht es aber mit CO2-Einsparungen aus?

Liu Qiang: Das machen wir doch praktisch, wenn wir Energie einsparen. Noch mehr Einschränkungen können wir uns nicht leisten. Erstens haben wir immer noch mit enormer Armut zu kämpfen und zweitens haben wir viele rückständige Unternehmen. Es ist unmöglich, vielen Menschen die Lebensgrundlage zu nehmen, in dem wir ihre Arbeitsstätten schliessen. Und das tun wir indirekt, wenn wir von ihnen fordern, CO2-Ziele zu erfüllen, denen sie wirtschaftlich nicht gewachsen sind.

Yvonne von Hunnius: Auf dem Weltklimagipfel im Dezember in Kopenhagen erwarten Sie sich demnach Nachsicht?

Liu Qiang: Es muss weiterhin Ausnahmen für Staaten wie Indien oder China geben. Wir erkennen die Dringlichkeit der Frage, doch wir haben nicht die ökonomischen Möglichkeiten – wir brauchen Investitionen und neue Technologien, um die Forderungen umzusetzen. Wir sind dennoch überzeugt: Eine Einigung für eine Deckelung der Emissionen ist absolut nötig. Europäische Staaten müssen hier die Führungsrolle übernehmen, damit eine wie auch immer geartete Einigung zustande kommt. Doch: Ich persönlich setze keine allzu grossen Hoffnungen in den Weltklimagipfel.

 

Zur Person:

Qiang Liu ist seit 2001 leitender Wissenschaftler am staatlichen Energieforschungs-Institut DKRC in Beijing. Energie-Effizienz, Energieknappheit, Treibhausgas-Emissionen und deren Warnsysteme sind sein Spezialgebiet. Massgeblich war er an der Ausarbeitung der Energie-Reduktion um 20 Prozent, die im Fünf-Jahres-Plan der Volksrepublik festgesetzt wurde, beteiligt.

 

Foto: Yvonne von Hunnius / www.thelightisgreen.com

 

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