Treibhausgase für die Nordsee

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Geschrieben von: Anna van Ommen, London 29.04.09
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Kohlekraftwerk, Kingsnorth, EonLondon - Die britische Regierung hält am Kohlestrom fest. In Zusammenarbeit mit dem deutschen Energiekonzern Eon ist geplant, schädliche Treibhausgase der Kraftwerke per Pipeline ins Meer zu führen und dort zu lagern. Kritiker befürchten unüberschaubare Kosten und Umweltrisiken.

Der industrielle Aufschwung Grossbritanniens zur Supermacht des 19. Jahrhunderts hat auf Kohle gebaut. Und aus Kohle bezieht das Land noch heute rund ein Drittel seines Stroms. Zu den grossen Betreibern gehören die deutschen Stromriesen RWE und Eon und Eléctricité de France. Bei dem grossen Anteil von Kohle soll es auch in Zukunft bleiben. Nur sauberer soll sie werden. Schatzkanzler Alistair Darling hält trotz tiefer Haushaltslöcher an seinem Vorhaben fest, staatliche Gelder für klimafreundliche Technologien bereit zu stellen. So soll ein Teil des Finanztopfes für die Speicherung von Abgasen genutzt werden, die bei der Kohleverbrennung entstehen.

Pipeline in die Nordsee

Eine Studie des deutschen Energiekonzerns Eon empfiehlt, schädliches Kohlendioxid von neun Kohlekraftwerken in der Themsemündung künftig per Pipeline in ausgediente Gas- und Ölfelder der Nordsee zu schicken. Dabei werden die schädlichen Treibhausgase zunächst abgespalten und in Flüssigkeit verwandelt. Nach Angaben von Eon reichten die Kapazitäten dort für eine Lagerung von bis zu 60 Jahren. Durch die Technologie liessen sich unter der Nordsee 85 Prozent der Emissionen speichern, die von der Region ab 2016 produziert werden. Eon hält das Pipeline-Netzwerk für die Themsekraftwerke für besonders wirtschaftlich, da sich dadurch der grösste Energieverbraucher Grossbritanniens, der Grossraum London, mit einschliessen liesse.

Briten wollen Energie-Mix

Teil des Projekts ist auch der geplante Standort Kingsnorth, wo Grossbritanniens erstes modernes Kohlekraftwerk seit zwanzig Jahren entstehen werden soll. Das Kraftwerk mit einer Kapazität von 1,600 Megawatt gehört zu der Energiestrategie der Labour-Regierung, die neben erneuerbaren Ressourcen auch die Kernkraft nutzen will. So soll eine drohende Krise bei der Energieversorgung abgewendet werden. Denn viele veraltete Kernkraft- und Kohlekraftwerke stehen kurz vor der Stilllegung. Der Energie-Mix soll auch helfen, bis zum Jahr 2020 die schädlichen Kohlendioxidemissionen um mindestens 34 Prozent zu reduzieren.

CCS im Test

Die Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage, CCS) wird bereits von verschiedenen Ländern und der EU getestet. Auch das deutsche Bundeskabinett hat Anfang April ein Gesetzesvorhaben bewilligt, Kohlendioxid klimafreundlich unterirdisch zu speichern. Sowohl Eon als auch Rivale RWE beteiligen sich derzeit an einem Wettbewerb für ein gross angelegtes CCS-Demonstrationsprojekt in Grossbritannien.

Dabei bestreiten wenige, dass die Technologie funktioniert. Wie wirtschaftlich das Verfahren ist, steht allerdings noch in den Sternen. Ein Greenpeace-Sprecher sagte: „Selbst Befürworter der Kohlendioxid-Speicherung sehen die Gefahr, dass ein Kraftwerk wie Kingsnorth mit einer Lebensspanne von mehreren Jahrzehnten unter massiven finanziellen Aufwand entsteht– ein grossflächiges Ausrollen der CCS-Technologie aber aus technischen oder Kostengründen scheitert.“

Technische Fragen offen

Ungeklärt ist auch, wie sicher die Technologie tatsächlich ist und wer langfristig die Verantwortung für im Meer gespeicherte Schadstoffe trägt. Umweltschützer werfen der Regierung ausserdem vor, CCS weiche den Klimaschutz auf. So erklärte der britische Greenpeace-Chef John Sauven, Klimaschutzminister Ed Miliband „sollte sich darauf konzentrieren, den Kohlendioxid-Ausstoss zu verringern, anstatt deutsche Stromgiganten wie E.on zu hofieren.“ Der deutsche Eon-Konzern ist in Grossbritannien auch an Nuklearprojekten beteiligt und betreibt mehrere Windparks.

Schatzkanzler Darling warb in seiner Haushaltsrede in der vergangenen Woche mit „dem ersten Emissionsbudget der Welt“. So sollen allein 60 Millionen Pfund (67 Millionen Euro/101 Millionen Franken) in Forschungszwecke für die Kohlendioxidspeicherung investiert werden, um Grossbritannien führend bei Umwelttechnologien zu machen. Der Kostenpunkt für die Speichertechnik pro Kraftwerk könnte bei über einer Milliarde Pfund liegen. Der Steuerzahler sollte dies mit einem Anstieg der Stromkosten von acht Pfund pro Jahr mittragen. Selbst wenn solche Beträge noch etwas aus der Luft gegriffen klingen, viele Briten kämpfen schon jetzt, ihre monatliche Rechnung zu zahlen.

 

Bild: Eon-Kohlekraftwerk Kingsnorth (Eon)

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