"Wir kommen, um zu lernen!"

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Geschrieben von: Markus Binder, Genf 24.04.09
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Mindestens 30 Jahre brauche es noch, um die Malaria auszurotten, sagt der Basler Epidemiologieprofessor Marcel Tanner. Er befürchtet aber, dass dazu das Geld fehlen wird. Ende April werde ein neuer Impfstoff in Afrika getestet, doch ohne Aufklärung helfe der beste Impfstoff nichts, so Tanner.

Markus Binder: Die Anstrengungen im Kampf gegen Malaria wurden in den letzten Jahren intensiviert. Wie weit ist man gekommen?

Marcel Tanner: In den letzten zehn Jahren hat sich viel getan. Insbesondere das Malariaforum der Bill und Melinda Gates Stiftung vom Oktober 2007 hat viel bewegt, denn dort wurde dazu aufgerufen, Malaria zu eliminieren. In Ländern wie Mali, Senegal, Gambia, Südafrika oder Tansania wurden Erfolge erzielt, indem neben rascher Diagnose und dem Einsatz von Mückennetzen auch die Gesundheitssysteme gestärkt wurden. So sterben in diesen Ländern heute ein Drittel weniger Menschen an Malaria. Es gibt aber auch Länder, in denen sich die Situation in den letzten zehn Jahren wegen Kriegen verschlechtert hat. Auch in Indien hat mit der Urbanisierung die Malaria wieder zugenommen.

Markus Binder:Die Weltgemeinschaft verfolgt ehrgeizige Ziele: Bis 2015 soll die Zahl der Malariafälle um 75 Prozent sinken und es soll keine Malariatoten mehr geben. Ist das realistisch?

Marcel Tanner: Null Malariatote - das ist ein Slogan. Das zeigen ja schon die Zahlen in der Schweiz. Jährlich haben wir 250 bis 300 importierte Malariafälle, ein bis drei Menschen davon sterben. Und das nur, weil sie zu spät zum Doktor gehen oder im Gespräch mit ihm vergessen zu sagen, dass sie in den Tropen waren.

Markus Binder:Wann wird Malaria ausgerottet sein?

Marcel Tanner: Man muss unterscheiden zwischen eliminieren und ausrotten. Es ist realistisch, bis 2015 in zehn Ländern Malaria zu eliminieren. Wir sind aber auf einem guten Weg, in den nächsten Jahren die Bürde der Malaria drastisch zu verringern. Damit die Krankheit aber wirklich vom Erdball verschwindet, braucht es auch unter den besten Voraussetzungen mindestens noch 30 Jahre.

Markus Binder:Weshalb ist das so schwierig? Die Pocken sind schliesslich auch ausgerottet worden.

Marcel Tanner: Malaria ist viel komplexer als ein Bakterium oder ein Virus. Sie hat einen virtuosen Lebenszyklus, der Erreger ist sehr dynamisch, vermehrt und verändert sich ständig und kann in Mensch und Mücke verschiedene Nischen besetzen. Die Übertragungssituation ist in jedem Gebiet anders. Hinzu kommt das Problem von Resistenzen, sowohl der Mücken gegen gewisse Insektizide als auch der Erreger gegen Medikamente.

Markus Binder:Weshalb aber konnte die Malaria in Europa eliminiert werden und in Afrika und Asien nicht?

Marcel Tanner: Die Übertragung in Europa war immer fragil. Wegen des Klimas dauert die Entwicklung des Parasiten in der Mücke länger. Mit der Trockenlegung von Sümpfen konnte so ein fragiler Zyklus unterbrochen werden. In Afrika dagegen sind die klimatischen Bedingungen für die Übertragung vorteilhaft, die Mückenbrutplätze sehr variabel, schon kleinste Wasserlöcher ermöglichen die Entwicklung.

Markus Binder:Rollback Malaria fordert, die Gemeinwesen zu stärken, um erfolgreicher gegen Malaria zu kämpfen. Ist das sinnvoll?

Marcel Tanner: Ja, unbedingt. Es ist extrem wichtig, die betroffenen Bevölkerungen einzubeziehen und die lokalen Gesundheitssysteme zu verbessern. Die Mütter müssen die Malariasymptome kennen. Wir kommen nicht nach Afrika, um zu helfen. Wir kommen, um gemeinsam zu lernen und etwas zu verändern. Man muss mit den Dorfschaften zusammenarbeiten, nicht nur, um Kosten zu sparen, sondern um langfristig Erfolg zu haben. Das wird noch viel zu wenig gemacht und in der Vergangenheit ist vieles falsch gelaufen. In internationalen Organisationen sitzen zwar gescheite Projektmanager, die Konzepte und Strategien entwickeln, die aber noch nie oder kaum vor Ort gearbeitet haben. Man muss eben Dreck an den Schuhen haben, wenn man die lokale Koordination verbessern will.

Markus Binder:Die Malaria-Impfforschung hat kürzlich neue Erfolge bekannt gegeben. Wann können Kinder in Afrika davon profitieren?

Marcel Tanner: Die Wirksamkeit von 65 Prozent des neuen Moleküls RTS,S ist tatsächlich noch nie da gewesen. Wir sind nun bereit für einen großen Versuch mit 16 000 Säuglingen in elf afrikanischen Zentren. Die ersten Impfungen beginnen Ende April in Tansania, Mozambique, Gabun und Kenia. Resultate liegen 2011 vor. Wenn alles gut geht, können wir den Impfstoff 2012 registrieren. Doch das klinische Entwicklungsprogramm kostet rund 250 Millionen Dollar (290 Millionen Franken / 190 Millionen Euro). Bezahlt wird dies von der Gates Foundation.

Markus Binder:Roll Back Malaria fordert für den Kampf gegen Malaria in den nächsten zwei Jahren elf Milliarden Dollar (13 Milliarden Franken / 8 Milliarden Euro). Welche Auswirkungen hat die weltweite Finanzkrise?

Marcel Tanner: Bis jetzt sind noch kaum Auswirkungen spürbar. Es war 2008 sogar eher mehr Geld vorhanden. Ich habe aber Angst, dass auf längere Frist weniger zu haben ist. Wenn die Regierungen ihre Entwicklungshilfeprogramme an einem Prozentsatz des Brutto-Inlandproduktes festmachen, dann werden in den nächsten Jahren die Gelder automatisch schrumpfen. Ich habe auch Angst, dass die Aufmerksamkeit sinkt und weniger Geld zugesprochen wird, wenn weniger Menschen an Malaria sterben. Um Malaria wirklich zu eliminieren braucht es aber langfristige Programme, die viel Geld kosten werden.

Zur Person:
Marcel Tanner ist Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts in Basel und Professor für Epidemiologie und medizinische Parasitologie an der Universität Basel.

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