Was haben Lehm, ein Erdwärmekraftwerk, die Komplementärmedizin und eine Landsgemeinde miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass in ihnen Zukunft steckt – wenn man die vier Elemente geschickt einsetzt. In Ilanz wird ein neues Kino eingerichtet. Dank einer Handvoll Idealisten erhält die Stadt in der Surselva einen Nachfolger für das vor zwei Jahrzehnten eingegangene Lichtspieltheater. Das allein freilich dürfte selbst für die anderen Täler Graubündens kaum Grund sein hinzuschauen. Der Unterschied zu ähnlichen Vorhaben anderswo: Das Kino wird in Lehm gebaut. Die alte Schmiede, die den Saal aufnehmen soll, wird mit Stampflehm ausgekleidet. Das Material bietet gleich mehrere Vorteile: Es schluckt die Geräusche der Zuschauer und schottet damit die darüber liegenden Wohnungen gegen den Lärm ab. Es nimmt die von den Zuschauern ausgehende Feuchtigkeit auf. Und es stammt aus der Region: Ilanz ist auf Lehm gebaut. Der Lehm für das Kino stammt aus einem nahen Kieswerk. In St. Gallen wird ein Erdwärmekraftwerk vorbereitet. Bereits in wenigen Jahren soll ein Teil der Stadt seine Wärme aus einem Heisswasserstrom beziehen, der in über vier Kilometern Tiefe unter der Stadt hindurch fliesst. In Verbindung mit anderen ähnlichen Vorhaben könnte die Stadt sich in ein paar Jahrzehnten aus ihrer bisherigen Abhängigkeit von fremden, vor allem fossilen Energieträgern gelöst haben. Mitte Mai dürften die Schweizerinnen und Schweizer einer Vorlage zustimmen, nach der die Förderung der Komplementärmedizin in die Verfassung aufgenommen wird. Damit erhielte Verfassungsrang, was nach striktem Verständnis der wissenschaftlich fundierten Medizin eigentlich keine Medizin mehr ist. Die Schulmedizin dagegen, die den Grossteil des Gesundheitswesens ausmacht, wird auch weiterhin nicht in der Verfassung erwähnt sein. Ende April findet in Appenzell wie jedes Jahr die Landsgemeinde statt. Die Bürger Innerrhodens, des kleinsten Kantons der Eidgenossenschaft, entscheiden wie gewohnt per Handzeichen – wahlweise mit dem Säbel – über die wichtigsten politischen Geschäfte des Jahres und wählen ihre Regierung. Lehm, Kraftwerk, Komplementärmedizin und Landsgemeinde scheinen nichts miteinander zu tun zu haben. Schon der zweite Blick zeigt Gemeinsamkeiten. Die erste: Dies ist alles eigentlich Luxus. Denn es gibt auch andere, längst bewährte Dämmmethoden für Säle dieser Art. St. Gallen ist mit Energie aus Öl, Gas, Kern- und Wasserkraft gut versorgt. Komplementärmedizin ist für manche Kritiker ohnehin nur Kurpfuscherei. Und die Landsgemeinde wirkt in Zeiten moderner Staaten wie ein alter Zopf. Die zweite Gemeinsamkeit: Dies alles ist billig. Der Lehm in Ilanz ist ein Abfallprodukt. Der Heisswasserstrom fliesst umsonst. Die Komplementärmedizin kostet nur ein Bruchteil dessen, was die Schulmedizin in Rechnung stellen muss. Und die Landsgemeindedemokratie Innerrhodens samt ihrer Regierung im Halbamt darf sich mit niedrigen Steuern zufrieden geben. Die dritte Gemeinsamkeit: Dies alles ist regional. Lehm, Erdwärme und direkte Demokratie sowieso. Die Komplementärmedizin setzt vor allem – aber nicht nur – auf die Heilkraft der Therapeutinnen und Therapeuten, der Ärztinnen und Ärzte. Und die werden vor Ort gebraucht, während die Medikamente und Maschinen der Schulmedizin von irgendwo her in der Welt kommen können. Die vierte und vielleicht wichtigste Gemeinsamkeit: Dies alles braucht persönlichen Einsatz. Der Lehm muss aufwendig gestampft werden, damit er verwendet werden kann. Die Komplementärmedizin braucht ausser der Heilkraft der Therapeuten auch den Heilwillen der Patienten. Die Landsgemeindedemokratie überlebt nur, wenn ein grosser Teil der Innerrhödler Jahr für Jahr nach Appenzell zieht. Und das Kraftwerk braucht zumindest die Überzeugungskraft seiner Initianten, damit die St. Galler im Herbst dem Kraftwerksprojekt zustimmen. Verwandte Themen| { Energie muss teurer werden, 15.04.09 } | | { Mit der Kraft der Erdwärme, 07.04.09 } | | { Stadtwärme aus der Tiefe, 06.04.09 } | | { Mit Bio durch die Krise, 25.03.09 } | | { Energiefrühling in St. Gallen, 12.03.09 } | | { Grüne Chance in den USA, 09.03.09 } | | { Grün und gesund aus der Krise, 04.03.09 } | | { Grüner Genuss, 02.03.09 } | | { Veränderung durch Konsum, 02.03.09 } | | { Auf kleinerem Fuss leben, 13.02.09 } | | { Mit Holz in den Export, 06.02.09 } | | { Wachsen mit Minergie, 02.02.09 } | | { Fortschritt nach Schweizer Art, 16.01.09 } | | { Mit Stroh bauen, 07.01.09 } | | { Der Schock lässt nach, 04.12.08 } | | { Zukunft trotz Erdbeben, 03.12.08 } | | { Wohlstand dank Ökologie, 02.12.08 } |
In einer Zeit freilich, in welcher der effiziente Einsatz von Ressourcen und Energie ein Gebot der Stunde ist, werden diese alten Zöpfe wieder modern. In einer Zeit, in welcher globalisierte Antworten auf lokale Probleme krisenbedingt zumindest wieder in Frage gestellt werden, bieten solche lokalen Lösungen interessante Alternativen. In einer Zeit, in der scheinbar alle Produkte scheinbar überall in der Welt hergestellt oder zumindest kopiert werden können, werden solche intelligenten, regional verankerten Lösungen zu einem Wettbewerbsvorteil. Sie bringen – im Fall von Lehm und Erdwärme – Wohlstand in die Region und Stabilität ins Land wie im Fall der direkten Demokratie. Obendrein lassen sie sich in bestimmtem Mass auch exportieren. Für die Technik der erneuerbaren Energien ist das bereits Wirklichkeit. Hochtechnologielehm oder seine Herstellungsmethoden könnten in Zukunft ebenso zu einem Verkaufsschlager werden wie heute Hochtechnologietextilien. Das gleiche gilt für Heilmethoden. Und die Erfahrung, wie komplexe staatliche Gebilde demokratisch und effizient regiert werden, kann eines Tages auch für Länder relevant werden, die sich heute an der Rettung der Weltwirtschaft heillos überheben. Das alles heisst nicht, dass industrielles Bauen, Grosskraftwerke, Schulmedizin und „klassischer“ moderner Staat Vergangenheit sind. Es braucht sie. Ohne sie können die Aufgaben in einer Welt mit heute sieben Milliarden Menschen nicht bewältigt werden. Aber ihr Anspruch, alle Probleme allein mit globalisierten und gleichsam industriell gefertigten Lösungen aus dem Weg zu räumen, lässt sich nicht mehr einlösen. Statt globaler Einheitslösungen braucht es immer öfter intelligente Einzellösungen, bei denen die Betroffenen in die Lösung einbezogen werden. Ein Produkt in riesigen Stückzahlen für die ganze Welt, das war mal. Lokale Lösungen sind gefragt, nicht globale Massenproduktion. Gerade Länder wie die Schweiz mit ihren gebildeten und verantwortungsbewussten Menschen, mit ihren forschungsstarken Hochschulen und ihren vielen kleinen und mittleren – und grossen – Unternehmen, die in ihrem Bereich an der Weltspitze stehen, können von dieser Wende zu intelligenten Einzellösungen profitieren. Sie müssen es nur wollen.
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