Armut ist das grösste Problem für die Umwelt in der Dritten Welt. Investitionen in die Bildung sind dringend nötig. Doch Ausgebildete brauchen auch Chancen, sich als Unternehmer etwas aufzubauen. Wachstum von innen ist Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung. Schweizer ergreifen die Initiative für nachhaltiges Wachstum in Afrika.
Jeder Bauer ist ein Kleinunternehmer. Diese kleinste wirtschaftliche Einheit der Entwicklungsländer kann auch zur Keimzelle einer nachhaltigen Entwicklung werden. Diese Perspektive ist nichts für Ungeduldige, die bereits in den kommenden Jahrzehnten die Nahrungsmittelkrise und Folgen des Klimawandels über die ärmsten Staaten der Welt hereinbrechen sehen. Doch Philipp Aerni von der ETH Zürich formuliert es so: „Armut ist der schlimmste Verbündete des Klimawandels.“ Und dass der Kampf gegen Armut insbesondere in Afrika kein Blitzkrieg ist, das mussten westliche Helfer in den vergangenen Jahrzehnten lernen. Schweizer Initiativen von engagierten Wissenschaftlern, Unternehmern und von Swissaid setzen diesen Hebel nachhaltig an – mit Erfolg. Lust auf Risiko machenAn Schulen, die Studenten unternehmerisches Denken oder Biotechnologie vermitteln, fehlt es in vielen Staaten. Der Geograf und Agrarökonom an der ETH Zürich Aerni sagt: „In den meisten Entwicklungsstaaten wird nicht in lokale wachstumsorientierte Unternehmer investiert. Somit erscheint auch jungen Menschen dieser Schritt meist riskant. Wer einen Hochschulabschluss hat, wird eher versuchen, eine Stelle beim Staat, bei einem multinationalen Unternehmen oder bei einer westlichen Organisation zu ergattern.“ So werde aus fremd gesteuertem Wachstum nie Wachstum von innen. Aerni kritisiert grosse Agenturen der Entwicklungszusammenarbeit: Sie legten den Schwerpunkt ihrer Förderung nicht auf Technologietransfer und Wirtschaftsförderung, sondern auf die Präferenzen der Geldgeber in ihren Heimatländern. Gute Ansätze machen MutWenn ein Bauer in Kenia einen grossen Düngesack auf dem Markt erstehe, den Dünger portioniere und an Nachbarn verkaufe, dann sei das laut Aerni bereits ein positiver Impuls. Doch für die Entwicklung einer Mittelschicht braucht es mehr. In Nigeria bietet eine Professorin an der Universität Abeokuta einmal jährlich einen Biotechnologie-Kurs an. Studenten aus dem ganzen Land pilgern zu ihr. Eine DNA-Analyse kennen die meisten Biologiestudenten nur aus der Fachliteratur. Doch die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot an Plätzen und die Geräte sind stark veraltet. Aerni: „Studenten müssen sich selbst ein Bild von den Möglichkeiten der Biotechnologie machen. Doch laut der nigerianischen Professorin wollen die Entwicklungshilfeagenturen Universitäten in armen Ländern nicht fördern, weil dies angeblich der zukünftigen Elite zugute komme. Es wird ignoriert, dass Elite-Kinder an Privatschulen in Wohlstandsländern gehen.“ Sambias Ideenwerkstatt eröffnetWer mangelnde Unterstützung für Eigeninitiative anprangert, muss selbst initiativ werden. Aerni hat sich mit Victor Konde und Constantine Bartel, beide Afrikaner und bei der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung UNCTAD in Genf tätig, zusammengetan, um eine Wirtschaftsförderungsinitiative in Sambia auf die Beine zu stellen. Der Plan: Junge Unternehmer mit guten Ideen für sozial nachhaltige Projekte unterstützen. Hundert Business-Pläne gingen bei ihnen ein, inzwischen läuft die zweite Bewerbungsrunde. Mit Startkapital ausgerüstet, starten gerade die ersten Gewinner. Die Förderinitiative ist Aktienteilhaber. Ziel dabei ist, dass Unternehmen, die profitabel werden sollten, einen kleinen Anteil des Gewinns wieder an die lokale Initiative zurückzahlen, die in neue Unternehmen reinvestiert. Einer der Gewinner hat sich in Deutschland Recycling-Methoden für Plastik abgeschaut und will mit dem gewonnenen Plastik-Granulat zum Beispiel Matratzen füllen. Die Erfahrung zeigt bisher, dass die Unternehmer dort mit institutionellen Hindernissen zu kämpfen haben, die hierzulande völlig unbekannt sind. Doch ihre Motivation ist ungebrochen. Buchhaltung für BauernDiese Initiative steht nicht allein mit dem Bestreben, Bewohner der Entwicklungsstaaten zu ermächtigen und zu motivieren, Unternehmer zu werden. Rudolf Fischer, Leiter der Abteilung Entwicklungszusammenarbeit: „Wir arbeiten intensiv mit Bauern zusammen, damit Wertschöpfungsketten für den regionalen Markt entstehen.“ Da geht es um den Werdegang des Honigs von der Biene über den Bauern bis hin zum Konsumenten. Die Entwicklungsorganisation der Schweizer Wirtschaft, Swisscontact, konzentriert sich mit gezielter Förderung seit geraumer Zeit auf kleine und mittlere Unternehmen. Natürlich können Buchhaltungskurse für Bauern nicht flächendeckend durchgeführt werden, doch: „Wir nehmen diesen Aspekt sehr ernst, denn es ist die einzige Art und Weise, wie der Armut wirkungsvoll entgegengewirkt werden kann“, so Fischer. Aerni, Fischer und die Schweizer Wirtschaft können versuchen, Lust auf Risiko zu machen. Doch die Angst vor dem Risiko verschwindet nur durch Erfolg. Bild: Markt in Harar, Äthiopien (Thomas Veser)
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