London - Die britische Regierung setzt auf den Ausbau der Kernkraft. Sie hat jetzt elf neue Reaktorstandorte bewilligt. Nun will sie testen, ob auch die Bevölkerung Kernkraft als einen Ausweg aus Energiekrise und Klimawandel sieht. Dazu beginnt jetzt ein öffentlicher Konsultationsprozess.
Der Tschernobyl-Schock ist vorüber. Inzwischen sehen sogar Umweltexperten Vorteile bei der Kernkraft. Die einst verpönte Energieart scheint weltweit eine Art Wiederauferstehung zu feiern. Auch die britische Regierung will die Kernkraft ausbauen, um den wachsenden Strombedarf zu decken. Sie hat nun elf neue Standorte genehmigt. Geplant ist, die ersten Reaktoren spätestens bis 2018 in Betrieb zu nehmen. Alte Reaktoren werden ersetzt Klimawandel-Minister Ed Miliband sieht die Bewilligung der Standorte als einen „wichtigen Schritt zu einer neuen Generation von Atomkraftwerken.” Er forderte die Briten auf, an dem Konsultationsprozess teilzunehmen, um sich selbst ein Bild von der Energiesituation zu machen. Selbst wenn es keine gravierenden Einwände seitens der Bevölkerung gibt, müssen die Bewerber - darunter der französische Energiekonzern EDF sowie die deutsche E.on und RWE - einen langwierigen Planungsprozess durchlaufen. Industrie-Experten gehen davon aus, dass zunächst nur bis zu fünf Kraftwerke mit je zwei Reaktoren gebaut werden. Damit will Downing Street den so genannten „Energy Gap”, die Energie-Lücke, schliessen. Denn viele der veralteten Kernkraftwerke stehen kurz vor der Schliessung. Zwanzig Prozent des Strombedarfs in Grossbritannien wird zurzeit von Atomkraftwerken gedeckt. Nuklear als grüne Alternative Der britische Premierminister Gordon Brown setzt damit einen Trend fort, der von seinem Vorgänger Tony Blair in Gang gesetzt worden war. Dieser hatte bereits unter grossem Protest in der eigenen Labour-Partei einen Kurswechsel bei der Anti-Kernkraft-Politik bewirkt. Denn ursprünglich hatte sich Labour dazu entschlossen, alte Reaktoren nicht durch neue zu ersetzen. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Höhere Energiepreise und wachsende Angst vor dem Klimawandel haben auch in Grossbritannien für einen Sinneswandel gesorgt. Die Befürworter der Nuklearstrategie sehen den Bau neuer Reaktoren als wesentlichen Beitrag zur Reduzierung von Treibhausgasen. Denn bei der Uranspaltung entstehen keine schädlichen Kohlendioxid-Emissionen. Daher ist es durchaus denkbar, dass Gordon Brown weitere Standorte freigeben wird, um bis 2020 vierzig Prozent des Strombedarfs mit nicht-fossilen Ressourcen zu decken. Erst im Dezember hatte eine regierungseigene Klimawandel-Kommission angeregt, vermehrt in schadstoffarmen Strom zu investieren. So sollte ein Grossteil öffentlicher Verkehrsmittel sowie bis zu 40 Prozent neu zugelassener Fahrzeuge bis 2020 mit Strom aus nicht-fossilen Ressourcen betrieben werden. Umweltschützer dagegenFür Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace ist dies nicht der richtige Weg. „Wir glauben nicht, dass die Nuklearenergie (bei der schadstoffarmen Wirtschaft) eine Rolle spielen sollte, sie ist sogar ein grosses Hindernis.”, sagte Nathan Argent, Sprecher der Anti-Kernkraft-Kampagne von Greenpeace. Ausgerechnet die Energiebetreiber wie EDF und E.on scheinen den Umweltschützern Recht zu geben. Sie warnten erst kürzlich, ein Ausbau der Nuklearstandorte liesse sich nicht mit Windenergie vereinbaren. Konzerne wie die deutsche E.on, die in Grossbritannien Windparks betreibt, argumentieren, eventuelle Ausfälle bei der Stromerzeugung müssten mit Alternativen aus Kohle- oder Atomkraftwerken gedeckt werden. So seien einige Windparks im vergangenen Winter nur mit zehnprozentiger Kapazität gelaufen. Ein Sprecher der britischen Umweltorganisation Friends of the Earth sieht das anders: „Grossbritannien ist das windigste Land Europas mit den besten Gezeitenressourcen”, sagte Andy Atkins, der Direktor der Organisation. „Wir sollten diese sauberen, sicheren Energien so viel wie möglich nutzen, anstatt die französische Nuklearindustrie zu unterstützen.” Bild: Kühlturm des Kernkraftwerks Sellafield (Julian Needham/Sellafield)
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