Ohne Anstieg der Energiepreise gibt es keine Lösung für die Klimakrise, sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker. Übertriebener Glaube in den Markt und die Abneigung gegen staatliche Eingriffe haben die Welt in die Wirtschaftskrise geführt und auch die Klimakrise verstärkt, sagt der Umweltwissenschaftler. Nur eine langfristige, politisch gesteuerte Erhöhung der Energiepreise kann helfen, das Klima zu stabilisieren.
Steffen Klatt: Der weltweite Verbrauch von Energie steigt, statt zu sinken. Der Ausstoss von Kohlendioxid ebenfalls. Die Bevölkerung wächst. Ist es bereits zu spät zur Rettung der Welt?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Umsteuern ist langwierig. Es ist vermutlich zu spät, um grosse Schäden zu vermeiden. Aber ich glaube, ich kann Rezepte anbieten, wie wir den Umschwung relativ rasch hinbekommen.
Steffen Klatt: Was wären die wirksamsten Mittel?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Kurzfristig kann man den Ausstoss von Russ verhindern. Das hätte eine ganz erhebliche positive Klimawirkung. Oder man kann die extrem klimagefährlichen Ersatzstoffe für die Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW) genauso verbieten wie zuvor die FCKW. Es gibt darunter Stoffe, die pro Molekül eine Million Mal treibhauswirksamer als Kohlendioxid. Und sie sind noch erlaubt und werden in grossen Mengen in China und anderen Ländern hergestellt. Auch die Abholzung von Wäldern muss gestoppt werden. Das sind Massnahmen, um etwas Zeit zu gewinnen, mehr nicht. Langfristig muss natürlich der CO2-Ausstoss drastisch reduziert werden. Man muss dafür von einer kohlebasierten Stromwirtschaft und einer ölbasierten Verkehrswirtschaft Abschied nehmen. Das bedeutet einen Strukturwandel, der mindestens 50 Jahre braucht.
Steffen Klatt: Wie kann ein solcher Strukturwandel vollzogen werden, wenn dies nicht einmal die Industrieländer tun?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Es geschieht auch bei uns nicht, weil wir versäumt haben, das wirksamste Marktsignal zur CO2-Reduktion strategisch einzusetzen, nämlich den Preis. Insbesondere die Amerikaner haben in den 80er Jahren eine gigantische neue Welle der Zersiedlung zustande gebracht mit einer ungefähren Verdopplung der Pendlerwege. Sie haben gleichzeitig eine neue Autoflotte eingeführt, die SUVs. Das hat dazu geführt, dass allein in Amerika sich die CO2-Emissionen in der Mobilität fast verdoppelt haben. Das hat nicht nur zur ökologischen Notlage beigetragen, sondern auch die heutige Finanzkrise vorbereitet. Denn diese gewaltige Zersiedlung wurde zum grossen Teil mit nachrangigen Hypotheken finanziert. Und diese wurden in der irren Annahme permanent billigen Autopendelns von den Ratingagenturen noch mit „AAA“ bewertet, ein völliger Schwachsinn!
Steffen Klatt: Ist diese Ideologie in den USA hinreichend diskreditiert, um diese Fehlentwicklung zu stoppen?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Nein. Zwar ist die Ideologie des Verbots von Staatseingriffen gebrochen, weil sie so krankhaft absurd war. Nur, was der Staat jetzt tut, ist zum grossen Teil die staatliche Nachfinanzierung des privatwirtschaftlichen Schwachsinns. Immerhin haben Obama und seine Freunde im Vergleich zum ersten, noch unter Bush beschlossenen Rettungspaket ökologische Kriterien in die Rettung von Detroit eingebaut. Was aber immer noch in den Gemütern Amerikas und der Welt herumgeistert, ist der Glaube daran, dass es gut für Amerika und die Welt wäre, wenn die Energie billig bleibt.
Steffen Klatt: Ist es in Europa besser?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: In Europa sind immerhin Treibstoffsteuern das normalste der Welt. In den zwei Ländern, in denen es einen stetigen Anstieg von Treibstoffsteuern gab, Grossbritannien und Deutschland, sind tatsächlich die CO2-Emissionen aus dem Verkehr gesunken. Die Europäer haben für den Weltklimagipfel von Kopenhagen im Dezember versprochen, sich zu einer Verminderung des CO2-Ausstosses von 20 oder sogar 40 Prozent zu verpflichten. Wenn die Amerikaner einen gleichen Prozentsatz akzeptieren, bleibt ihr pro-Kopf-Verbrauch immer noch doppelt so hoch wie unserer. Die andern Länder, China, Indien, Brasilien, Südafrika, versuchen eher die USA als die Europa zu kopieren. Verwandte Themen| { Bis zu sieben Grad wärmer, 14.04.09 } | | { Hoffen auf Obama, 11.03.09 } | | { Bis zur nächsten Krise?, 25.02.09 } | | { Wirtschaft braucht neue Regeln, 24.02.09 } | | { Auch Erneuerbare haben Grenzen, 20.02.09 } | | { Mehr Ehrgeiz nötig, 20.02.09 } | | { Klimaabkommen hat Vorrang, 28.01.09 } | | { Agentur für Erneuerbare, 23.01.09 } | | { Erneuerbare in der Welt durchsetzen, 23.01.09 } | | { Die grösste Herausforderung, 12.12.08 } | | { EU will besseres Klima, 12.12.08 } | | { Der Staat ist gefordert, 08.12.08 } | | { Warten auf Obama, 03.12.08 } | | { Wider den Krieg gegen Natur, 16.11.08 } | | { Klimawandel nicht vergessen, 29.10.08 } | | { Rekorderwärmung in der Arktis, 17.10.08 } |
Steffen Klatt: Heisst das, dass es in den nächsten Jahren nur noch schlimmer werden kann?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Ja und nein. Wenn Europa erfolgreich ist mit einer Wirtschaftspolitik, die sich vom Kohlenstoffverbrauch zunehmend unabhängig macht, dann wird sich das weltweit durchsetzen, auch in China. Korea hat im Januar ein Massnahmenpaket beschlossen, mit dem in der Autoindustrie den Japanern der Rang abgelaufen werden soll. Treibstoffeffiziente Autos aus Korea sollen die Weltmärkte erobern. Aus Wettbewerbsgründen wird dort also ein 30 Milliarden Dollar schweres klimaorientiertes Paket beschlossen.
Steffen Klatt: Sehen Sie sich dadurch in Ihrer These bestätigt, dass ein doppelt so hoher Wohlstand mit halb soviel Energie möglich ist?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Die Arbeitsproduktivität haben wir seit 1950 fast verzehnfacht. Warum sollen wir nicht auch die Energieproduktivität erst vervierfachen, später verzehnfachen? Korea dürfte in 15 Jahren eine Verdoppelung schaffen. Aber wir können aus dem Vorbild „Arbeitsproduktivität“ noch etwas anderes lernen: Sie stieg immer parallel zu den Bruttolöhnen. Wir sollten nunmehr einen politischen Konsens herbeiführen, die Energiekosten parallel zur Steigerung der Energieproduktivität künstlich anzuheben. Dann rennen die Investoren in die Effizienztechnik, und bis 2050 haben wir mindestens die Vervierfachung der Effizienz – und der Preise!
Steffen Klatt: Wie wichtig ist es, dass sich der Weltklimagipfel im Dezember auf eine Nachfolgeregelung für das Ende 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll einigt?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Sehr wichtig. Es muss einfach weiter gehen. Aber Ende 2009 wird man sich noch nicht auf wirklich einschneidende Veränderungen einigen können, wie etwa ein Regime steigender Energiepreise. Zur Person: Ernst Ulrich von Weizsäcker, geboren 1939 in Zürich, ist Ko-Vorsitzender des Internationalen Ausschusses für nachhaltigen Umgang mit Ressourcen der UN-Umweltbehörde. Bis Ende 2008 war der Biologe Dekan der Donald Bren-Graduiertenhochschule für Umwelt im kalifornischen Santa Barbara. Von 1991 bis 2000 leitete er das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie. Von 1998 bis 2005 gehörte er für die SPD dem deutschen Bundestag an und leitete dort den Umweltausschuss.
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