Die grösste Schweizer Fischfarm in einem geschlossenen Gebäude ist am Ende. Doch die Zukunft der Fischzucht liegt in solchen geschlossenen Aquakulturen, sind Experten überzeugt. In der Schweiz könnte sogar Meeresfisch gezüchtet werden. Geschlossene Systeme sind sinnvolle Alternative zum Fischfang und damit ein Mittel gegen die Überfischung der Meere.
Schweizer haben immer mehr Hunger auf Fisch. Doch frisch kommt er selten auf den Tisch. Während der Fischkonsum in den letzten 20 Jahren um 20 Prozent gestiegen ist, stammen immer noch lediglich fünf Prozent hiervon aus der Schweiz. Dieser Anteil wird sogar drastisch fallen. Denn die grösste Schweizer Fischfarm im St. Galler Rheintal ist geschlossen worden. Der Besitzer, der deutsche Investor Hans Raab, hat die 50 Tonnen Fisch nach einem Streit mit dem Kanton über eine gesetzeskonforme Tötungsmethode schlachten lassen. Dabei hatte er 40 Millionen Franken investiert. Aquakulturen global im TrendDabei ist die kontrollierte Aufzucht von Fischen und anderen Wassertieren in sogenannten Aquakulturen laut Experten die einzige Möglichkeit, die Überfischung der Meere zu verhindern. Denn nicht nur die Schweizer haben Lust auf Fisch. Aquakulturen boomen und sind weltweit gar der am schnellsten wachsende Sektor der Lebensmittelproduktion. Experte Johannes Heeb: „Die Zukunft der Fischzucht liegt in geschlossenen Aquakultursystemen auf dem Land mit einer nicht allzu grossen Produktionsintensität.“ Gemeint sind damit Anlagen in Gebäuden, in denen sich Fische lustvoll vermehren können und die nachhaltig mit den Ressourcen Wasser und Energie umgehen. Tropenhausfische nähren tropische FrüchteSo gesehen in den Tropenhäusern Wolhusen bei Luzern und Frutigen im Berner Oberland. Als Berater der Agentur Seecon für nachhaltige Konzepte ist Heeb hier an der Weiterentwicklung eines solchen alternativen Systems beteiligt. In der Polykulturanlage werden Stör und der tropische Buntbarsch Tilapia gezüchtet. Energiequelle ist in Frutigen Abwärme aus dem Lötschberg-Basistunnel und in Wolhusen Abwärme der Gasverdichtungsstelle Ruswil. Das Fischwasser dient tropischen Pflanzen dazu, Papayas, Bananen und Mangos zu produzieren. So werden die gelösten Nährstoffe des Fischwassers wiederverwertet. Und die Pflanzen danken es den Fischen. Der Fall Melander Der deutsche Millionär Hans Raab hat im vergangenen Jahr die grösste Schweizer Designer-Fischfarm für seine Neuzüchtung Melander – eine Welsart – eröffnet. „Besser als Bio“ sollten seine Produkte aus dem St. Galler Rheintal sein. Doch bereits früh legten der Kantonstierarzt Thomas Giger und der Verein Fair Fish Einspruch ein. Die seit dem 1. September 2008 geänderte Tierschutzbestimmung lässt lediglich vier Tötungsarten von Fisch zu, bei denen die Tiere jeweils betäubt werden müssen. Das ist in der Melander-Fabrik nicht der Fall. Der Verein Fair Fish schlug Raab eine automatische Anlage zur technischen Betäubung vor. Doch Raab weigerte sich, die Produktion umzustellen, als er Ende März dazu angehalten wurde. Der Kanton setzte ihm eine Frist bis zum 15. Mai gesetzt, um eine artgerechte Betäubung einzuführen. Am 3. April gab Raab die Tötung der Fische und die Schliessung der Anlage bekannt. Eine Erweiterung der Anlage ist im Gange. „Die Produktion ist wirtschaftlich, somit beweisen wir, dass nachhaltig und kostendeckend gearbeitet werden kann“, sagt Heeb. Die Produkte des Tropenhauses finden sich in Coop-Filialen der Region wieder. Gastronomiebetriebe werden beliefert und der Verkauf vor Ort floriert. Geschäftsführer Pius Marti kann sich vor Anfragen kaum retten: Das Tropenhaus ist mit Gruppen von Interessierten ausgebucht. Pioniere gesuchtIn Australien arbeiten bereits industrielle Anlagen mit ähnlichen Prinzipien. Andreas Graber von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften Wädenswil: „Hier werden nicht nur wenige Tonnen wie im Tropenhaus, sondern 300 Tonnen Fisch pro Jahr produziert. Tomaten, Salat, Basilikum gedeihen im Gegenzug.“ Vor 25 Jahren kamen in den Vereinigten Staaten die ersten industriellen Aquaponic-Anlagen auf, wie diese Art der Züchtung genannt wird. Dort hat sie sich in kleinerem Massstab auch bei Landwirten durchgesetzt. Anders in der Schweiz: „Wir suchen schon seit zwei Jahren Partner, die mit uns kleinere Pilotanlagen für die Produktion von fünf Tonnen Fisch pro Jahr umsetzen wollen“, erklärt Graber. Der Betrieb einer Fischzüchtung sei komplex, sagt er. Doch nur durch Pilotanlagen komme man vorwärts. Meeresfisch aus dem BinnenlandIn Deutschland ist man hingegen in der Fischproduktion in geschlossenen Systemen einen grossen Schritt weiter gekommen. Bald wird im saarländischen Völklingen auf einem ehemaligen Bergbaugelände die erste Salzwasser-Anlage im Binnenland ohne Zufuhr von Meerwasser eröffnet. Für Ende April ist der Spatenstich geplant und 2011 soll der erste Meeresfisch in die Supermärkte kommen. Die dortigen Stadtwerke sind auf die Idee gekommen, als sie auf der Suche nach neuen Abnehmern für Gas, Wasser und Strom waren. Die Völklinger verwerten die Nährstoffe aus dem Fischwasser mikrobiologisch, indem letztlich Bakterien ihrer Biogasanlage zugeführt werden. Der beteiligte Biologe Bert Wecker vom Mitbetreiber International Fisch Farming Technology (IFFT): „Somit findet ein Energie-Recycling und ein Stoff-Recycling statt.“ Pflanzen, die das Salzwasser mögen, gibt es wenige. Als Alternative plant man, die Nährstoffe so weiterzuverarbeiten, dass sie beispielsweise an die Pharmaindustrie geliefert werden kann. Spätestens dann wäre die Schweiz ein idealer Standort für eine weitere Anlage und es gäbe fangfrischen Schweizer Meeresfisch. Bilder: Tropenhaus Frutigen (Seecon)
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