Die G20 muss die billionenschwere Wirtschaftshilfe in eine zukunftsfähige Wirtschaft investieren, fordert der Chef des UN-Umweltprogramms (UNEP), Achim Steiner. „Ich mahne eine Weiterentwicklung unserer Wirtschaft an.“ Sonst drohten neue Krisen.
Marc Engelhardt: Herr Steiner, tun die G20 genug, um die Weltwirtschaft wieder ins Lot zu bringen?
Achim Steiner: Es ist immerhin der Versuch einer neuen Art von Teil-Weltgemeinschaft, synchron voranzugehen. Aber was mir Sorgen macht, ist die Frage, ob London nur ein Finanzgipfel ist oder ein ökonomischer Gipfel, der sich auch mit der Frage der Zukunft unserer Volkswirtschaften und der Weltwirtschaft befasst. Meine Hoffnung und die von UNEP ist, dass die G20 eine Richtung vorgeben: Die Entwicklungsagenda muss weiter gehen, es darf keinen Protektionismus geben und einen wirklich globalen Ansatz. Die G20 dürfen nicht nur Beschlüsse fassen, die für sie selber nützlich sind.
Marc Engelhardt: Was ist aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Achim Steiner: Ich mahne eine Weiterentwicklung unserer Wirtschaft an. Wenn wir diese Krise nicht in einen Vorteil umwandeln können, dann haben wir für die nächste Generation ein enormes Potential verloren. Wir sind dabei, 3000 Milliarden Dollar für die Stabilisierung einer Wirtschaftskrise zu verwenden. Wenn dieses Geld nicht auch in Strukturveränderungen bei unserer Energie- und Transportpolitik, bei Wasser und Landwirtschaft fliesst, dann werden wir nicht mit der Klimafrage fertig und müssen mit neuen Krisen rechnen, nämlich mit Energie-, Wasser- und Nahrungsmittelkrisen.
Marc Engelhardt: Sie haben heute in London einen „Global Green New Deal“ gefordert. Wie sieht der aus?
Achim Steiner: Wir haben mit Ökonomen, mit Thinktanks und anderen UN-Organisationen ein Fünf-Punkte-Programm erarbeitet, das schnell Arbeitsplätze schaffen und so die Konjunktur stabilisieren soll, aber gleichzeitig in Produkte, Technologien und Märkte von morgen investiert und die Klimafrage angeht. Dabei geht es um Energieeffizienz, wie es die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau, die red.) mit ihren Förderprogrammen in Deutschland vorgemacht hat; ausserdem um erneuerbare Energien. Dann die Reform des Transportsektors, der für fast ein Fünftel aller CO2-Emissionen verantwortlich ist: wir brauchen neue Mobilitätskonzepte und mehr öffentlichen Personennahverkehr. Schliesslich das, was wir die ökologische Infrastruktur nennen: die Wälder, Böden und Seen, die wir zum Überleben brauchen. Und nicht zuletzt nachhaltige Landwirtschaft, die es uns ermöglicht, perspektivisch neun Milliarden Menschen zu ernähren. Verwandte Themen| { Hoffen auf Obama, 11.03.09 } | | { Wirtschaft braucht neue Regeln, 24.02.09 } | | { Uno will grüne Job-Revolution, 16.02.09 } | | { Klimaabkommen hat Vorrang, 28.01.09 } | | { Agentur für Erneuerbare, 23.01.09 } | | { Erneuerbare in der Welt durchsetzen, 23.01.09 } | | { Die grösste Herausforderung, 12.12.08 } | | { EU will besseres Klima, 12.12.08 } | | { Leuenberger wirbt für Abgabe, 11.12.08 } | | { Warten auf Obama, 03.12.08 } | | { Staat soll Nachhaltigkeit belohnen, 29.11.08 } | | { Wider den Krieg gegen Natur, 16.11.08 } | | { Klimawandel nicht vergessen, 29.10.08 } |
Marc Engelhardt: Wo gibt es gegen einen solchen Plan denn Widerstand?
Achim Steiner: Zum einen gibt es Skeptiker, die nicht glauben wollen, was längst möglich ist. Die halten erneuerbare Energien für ein Konzept des 22. Jahrhunderts, obwohl in Deutschland schon heute fünfzehn Prozent des Strombedarfs damit erzeugt werden. Dann gibt es natürlich Unternehmen und Sektoren, die sich auf ein bestimmtes Wirtschaftsmodell eingeschworen haben. Die wehren sich, wenn sich jetzt der Bezugsrahmen verschiebt. Aber ich bin optimistisch, dass Innovation die treibende Kraft in unseren Wirtschaften bleiben wird. Wir sehen bei immer mehr Unternehmen, wie sich die grüne Ökonomie durchsetzt, eben weil es enorme Marktchancen gibt.
Marc Engelhardt: In London sitzen die reichsten Nationen zusammen, am schlimmsten betroffen von der Krise sind die ärmsten. Sind die G20 denn überhaupt das richtige Gremium, um über solche Zukunftsfragen zu entscheiden?
Achim Steiner: Für mich sind die G20 eine von mehreren Gruppen, die man keinesfalls mit der Staatengemeinschaft als ganzes verwechseln darf. Und doch darf ein G20-Gipfel sich nicht nur um die Interessen der G20 kümmern. Diese Länder haben eine Verantwortung für die Weltwirtschaft und die Weltgemeinschaft als ganzes übernommen. Das ist der Massstab, an dem sich dieser Gipfel messen lassen muss.
Marc Engelhardt: In Kopenhagen soll Ende des Jahres das wichtigste Klimaschutzabkommen seit Kyoto beschlossen werden. Stiehlt Ihnen die Wirtschaftskrise die Schau?
Achim Steiner: Ich glaube, die Gefahr besteht, aber es muss nicht so sein. Wenn die Milliarden und Billionen gezielt so eingesetzt werden, dass sie auch dem Klima helfen, dann ist die Krise eine Chance. So wie damals bei Roosevelt und seinem New Deal: viele profitieren bis heute von den Infrastrukturinvestitionen, die der US-Präsident nach dem grossen Börsencrash veranlasst hat.
Zur Person:
Achim Steiner ist seit März 2006 als Nachfolger von Klaus Töpfer Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP) mit Sitz in Nairobi. Zuvor war der Deutsche Generaldirektor der Weltnaturschutzunion IUCN in Gland im Kanton Waadt. Steiner wurde 1961 in Brasilien geboren und ist dort aufgewachsen. Er hat unter anderem an der Universität Oxford, am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik und an der Harvard Business School studiert.
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